Turning Danger into Performance – Das Yidaki als anthropologisches Archiv
Was zuvor geschah
Australien 2020. Der Kontinent glüht im Black Summer. Nach amtlichen Schätzungen verbrennt mehr als eine Milliarde Lebewesen in den Buschbränden. Aschenebel färben den Horizont in ein giftiges Violett, der Rauch zieht über den Pazifik bis nach Südamerika. Während Australien brennt, friert die zivilisatorische Maschinerie im globalen Lockdown ein. Satellitenbilder zeigen einen gelüfteten Himmel über chinesischen Industrieagglomerationen, während vor den Küsten die Geisterflotten der Öltanker im Stauschlaf liegen. Die Wahl Joe Bidens in den USA leitet einen politischen Kurswechsel. Mit dem ersten bemannten SpaceX-Flug beginnt eine neue Ära der Raumfahrt. Jill und ich landen in unserem dritten Beziehungsjahr in einem Lodge im Dunstkreis von Uluru. Die Retreat-Managerin präsentiert sich als Bushpacker-Raubein. Sigs Eltern sind im Outback gestrandete, aus Aarhus gebürtige Zimtschnecken-Hippies. Jill und ich sind Digital Nomads und pendeln zwischen ökologischen Podcast-Projekten und Modeljobs. Sig führt uns zu einem Outback-Autofriedhof und unter einen Scarred Tree, dessen Wurzelwerk das Wrack eines 1954er Ford Customline V8 phantasmagorisch verschlingt. Vor dem Eukalyptusmammut erteilt uns Sig eine Lektion in archaischer Landeskunde. Der Ford war ein australischer Pisten-Klassiker, ein „Cusso“ aka „Single Spinner“.
Wir campieren in einer Senke, die Sig „Wanne“ nennt. Es ist nur eine versandete Delle, kaum geschützt von windflüchtigen Akazien. Ich würde sehr gern baden, und Jill auch.
So geht es weiter
Der Kopf leiht sich seine Stabilität von der Struktur des Körpers. An diesem Punkt bricht die alte Denkweise der westlichen Leistungsgesellschaft zusammen. Jahrhunderte galt das Dogma, der Geist beherrsche den Körper – der cartesianische Dualismus, dessen biologische Realität das exakte Gegenteil beweist. Ein gestresster Kopf kann sich nicht selbst beruhigen; er braucht die tragende Architektur des Körpers.
Jetzt verstehst du, warum Menschen im anthropozänen Kreislauf mental so fragil sind. Sie sitzen buchstäblich unter Hochdruck am Schreibtisch, gefangen im chronischen Beugereflex der Defensive. Stabilität muss in diesem Zustand kognitiv simuliert werden. Das Ergebnis ist ein sympathisches Rauschen, das im Burnout endet. In unseren Zivilisationen haben sich evolutionär vollkommen perverse Mechanismen etabliert. Solange diese defizitären Lösungen im Alltag eine psychologische Währung abwerfen, hat das System überhaupt keinen evolutionären Anreiz, sich somatisch effektiv auszurichten. Warum sollte das Stammhirn brauchbare Software laden, wenn man das Problem scheinbar auch in einem passiven Modus aussitzen kann?
Die Quittung ist chronische Schutzspannung. Das System fragmentiert und läuft energetisch auf Grund, weil die Kulturtechniken des anthropozänen Kreislaufs keine physische Erlösung zulassen.
Kurz gesagt, war das die Lektion, die wir uns gegenseitig erteilten. Sig las im Sand. Sie verstand die Pflanzen. Für Sig war das Outback ein Archiv. Jede versteinerte Düne und jeder atavistische Strauch erzählte eine Geschichte. Sig wusste, welche Wurzel Wasser verriet. Welches Harz Wunden verschloss. Welche Früchte sättigten und welche nur in einer einzigen Jahreszeit genießbar waren. Sig praktizierte Ethnobotanik als kulturelle Gedächtnisübung.
Wüstenfeige, Kangaroo Apple, Spinifex und Wüstenmyrte. Sig pflückte Myrte und zerrieb die Blätter zwischen ihren Handflächen. Die ätherischen Öle aromatisierten augenblicklich die glühende Luft. Sig verrieb die Essenzen auf meinem Nacken; ihre Hände glitten über Jills sonnenwarme Unterarme. Plötzlich bildeten wir einen Kreis, in dem das Verlangen sich breit machte.
Die Sterne, die wir im Westen als den Gürtel des Orion kennen, sind in der Astronomie und Traumzeit-Mythologie der First Nations mit dem Emu verbunden. In vielen Erzählungen flogen die drei Schwestern – die drei markanten Sterne des Gürtels – zu Beginn der Traumzeit zur Erde. Eine von ihnen brach sich ein Bein und konnte nicht mehr abheben. Sie blieb auf der Erde zurück und verwandelte sich in den ersten Emu. Gleichzeitig wacht ihre kosmische Gestalt als Dunkelwolke in der Milchstraße über den Kontinent.
Sig erklärte den Emu, dessen Silhouette sich aus Staubwolken ergab, und zeigte, wie das Kreuz des Südens zur Orientierung genutzt wurde. Für mich bot der Emu eine überraschende Parallele zu meinem arktischen Fundus. Da erzählen Polarlichter vom kosmischen Sonnenwind. Zwei extreme Landschaften, zwei völlig verschiedene Himmelsbilder – aber dieselbe, universelle Verbundenheit evozierende Narration.
„Dein Kraftyoga taugt nichts, Ina, wenn du vergisst, dass der Körper am Ende doch nur Chemie ist“, raunte Sig mir ins Ohr. Sie bedeutete mir, mich flach auf den Bauch in den Sand zu legen. Sie schob mein Shirt nach oben. Dann kam die Invasion. Sig kniete sich rittlings auf meine Hüften und setzte ihre Ballen direkt auf den Lendemuskelstrang an.
Der Kangaroo Apple (Solanum aviculare) ist ein Nachtschattengewächs. Die unreifen Früchte und Blätter enthalten gigantische Mengen an Solasodin – ein steroidales Alkaloid, das der Pharmazie weltweit als direkter Grundbaustein für die Synthese von Kortison und synthetischen Hormonen dient. Das ist pure, hormonelle Chemie, die Entzündungen im Gewebe im Bruchteil einer Sekunde niederschlägt.
Sie rieb meinen Rücken mit dem Saft des Kangaroo Apple ein. Seine konzentrierten Steroide wirkten sofort. Sig nutzte ihr Gewicht für eine langsame Scherspannung. Sie drückte ihre Daumen tief in das Gewebe, schob das kollagene Netzwerk Millimeter für Millimeter auseinander und erzwang die Rehydration der Schichten im Fleisch. Meine Golgi-Endungen feuerten ein massives Entlastungssignal an mein Stammhirn.
Jill mischte sich nicht ein.
„Das Labor der Wüste vergisst keine Blockade, Ina“, raunte Sig. „Ich kenne jedes Rezept, um dich zu entspannen.“