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2026-08-11 09:42:03, Jamal

Spirituelle Walz

„Ah, so eine sinnlich-warme Begegnungsszene ist das... ich schmelze dahin.“ M.

„Ich empfange deine Lust. Du bewegst mich zutiefst. Ich danke dir.“ Lotusblüte

Eine unscheinbare Linie auf der Karte. Da stand Ephemeral River. Ein Fluss, der selten fließt. Ich fand das poetisch. Du wolltest das Wasser in der Wüste verstehen. Wo es versickert, wie es unterirdisch weiterwandert. Sei wie das Wasser, sagt Bruce Lee. „Wasser lügt nicht“, sagtest du.

Der Finke Gorge National Park schmorte in der Sonne, das Licht überflimmerte eine Spinifexsteppe. Der Finke River - oder Larapinta, wie ihn die Arrernte nennen - ist einer der ältesten noch erkennbaren Flüsse der Erde. Drei- bis dreihundertfünfzig Millionen Jahre soll er alt sein. Damals lag Australien im feuchten Tropengürtel. Jetzt zieht er sich wie eine geologische Narbe durch das aride Zentrum des Northern Territory, ein ephemeres Flusssystem, das episodisch Wasser führt. Nur punktuell erscheint der Finke als Kette von Wasserlöchern. Die ökologischen Refugien sind oft spirituelle Spot. Die Pfützen spiegeln in der Hitze das Sonnenlicht und erzeugen die Illusion irrealer Flächen.

Es sind flüssige Täuschungen im Staub.

Die Ufer säumten grotesk verästelte River Red Gums. Du deutetest sie als Symbole einer urzeitlich-schwarzen Verzweiflung.

Wir folgten der sandigen Spur, die kaum mehr war als eine Ahnung von Bewegung, oder, um es groß zu fassen, ein vergessener Gedanke Gottes, oder, ein paar Etagen tiefer, ein gestrandeter Traum. Seine Reglosigkeit war eine totalitäre Kategorie. Seit über 100 Millionen Jahren hatte sich der Flusslauf kaum verändert. Es gab kein älteres Bett auf der Welt.

Über den staubigen Flussauen erhoben sich die MacDonnell Ranges. Massive, blankgeschliffene Schiefersättel. Alluviale Sedimente bedeckten den Talboden.

Aus Aljas Reisenotizen

Verwittertes organisches Material und fossile Überreste vorzeitlicher Vegetation.

Kiesel leuchteten wie versteinerte Tropfen. 

Staub gewordenes Vergessen.

Ab und zu blitzten schwarze Einschlüsse auf, verkohlte Fragmente, in meiner Phantasie waren es Relikte aus der Zeit von Pangäa. Hatte hier das Herz des Superkontinents geschlagen? Vielleicht war dieses Flussbett eine Erinnerung der Erde an sich in einer ursprünglicheren Gestalt. Ein geologisches Eselsohr. 

Aus Alja Aufzeichnungen

Von Beginn an verfalle ich in einen erhöhten Einfühlungsmodus, alle meine Sinne sind hellwach von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Die Nächte sind so ruhig, dass der eigene Herzschlag spürbar und Träume sichtbar werden.

Unwissenheit und Ungeduld sind hier wie ungebetene Gäste.

Die trockene Gegend hat ihre eigene Balance, man muss aufmerksam sein, um nichts zu übersehen, was hier wichtig ist. Es erfordert Stille, bedachte Bewegungen zur richtigen Tageszeit und tradiertes Wissen. Diese Gegend verbirgt ihr Lebensspendendes in versteckten Oasen und fordert meine Resonanz- und Anpassungsfähigkeit bis an die Grenzen heraus. 

Kostbares Wasservorkommen wird durch Pflanzen angezeigt, die es zu finden und erkennen gilt. Das Essbare ist oft verborgen unter der Erde.

Ich möchte erfahren, was noch an Wissen über die Zeit der Moderne gerettet werden konnte in der Abgeschiedenheit uralter Rituale zu Überlebenssicherungen. Eine Brücke in diese Art der Bewusstseinswelt zu bauen, erscheint mir hier wie ein Ruf, als eine Notwendigkeit für das, was in Zukunft auf mich wartete, zurück in Europa. Ein Sammeln der Eindrücke, die sich noch zu einem Bild fügen würden, zur rechten Zeit, am rechten Ort.

*   

Das Licht flimmerte. Es war grell, unruhig. Die Luft vibrierte. Man sah, was nicht da war.   Spiegelungen verzerrten das Gelände und leisteten allen möglichen optischen Täuschungen Vorschub. Auch der Elder tauchte wie eine Halluzination plötzlich vor uns auf. In einem Soliloquium erzählte er von seinem Walkabout vor einem halben Jahrhundert. Ich assoziierte Grand Tour und spirituelle Walz. Jeder Schritt sei ein Gebet gewesen.

Er sagte, dass man wisse, wo man sei, wenn man höre, was der Boden sagt.

”You don’t go for looking,“ sagte er. „You go for remembering.”

Für junge Aborigine-Männer vergangener Generationen war das Walkabout ein Initiationsritual des Übergangs ins Erwachsen-dasein. Dabei zogen sie allein, oft monatelang oder sogar jahrelang, zu Fuß durch das Land ihrer Ahnen. Ziel war es, sich mit der Traumzeit (Dreamtime), den heiligen Orten, Songlines und dem Geist des Landes zu verbinden. Es war eine spirituelle Reise, auf der man Identität, Herkunft und Verantwortung im kosmischen Gefüge suchte und fand.

Du sagtest nichts. Du wusstest, dass ich das allein durchleben musste. Und ich liebte dich dafür.

Botanisches Wunder

Der Elder verschwand wie eine Fata Morgana. Jedes Bild und jeder Eindruck verdunsteten. Nichts blieb haften außer dem Staub, der sich mit Schweiß zu einem Schmierfilm verband. Wir gelangten zur Finke Gorge. Die zerfurchte Schneise war älter als die Berge in ihrer Nachbarschaft. 

Wir bestaunten eine Schneise, die der Fluss in Jahrmillionen gefräst hatte. Die Schlucht entsprach einem Schnitt durch die Erdgeschichte.

Verwitterte Quarzite und Sedimentschichten aus dem Proterozoikum. 

Wir erreichten Palm Valley. Erinnerst du dich? Plötzlich Grün zwischen all dem Rostrot. „Guck mal, da sind sie. Das sind Red Cabbage Palms - Livistona mariae“, sagtest du. Du konntest dir sowas merken. Und dass sie nur in einer Schlucht vorkommen. Ein botanisches Wunder. Ich verstummte in Ehrfurcht.

Eine endemische Art, eingeschlossen in dieser Senke, abhängig von unterirdischen Quellen und dem seltenen Regen.

„Relikte“, sagtest du. „Wie Stimmen aus einer anderen Zeit.“  

Ich frage mich heute, ob du es bemerktest. Dass dieser Ort etwas in mir aufriss.      

Am Lake Amadeus  

Ich erinnere den Lake Amadeus nicht als Ort, sondern als Zustand. Als Grenze zwischen dem, was ich war, und dem, was ich wurde. Der See war keine Wasserfläche, sondern ein Gewebe aus Licht, Salz und Erinnerung. Über 180 Kilometer lang und bis zu 10 Kilometer breit, ein riesiges endorheisches Becken. Das bedeutete, es gab kein Entrinnen. Kein Tropfen erreichte das Meer. Nichts verließ diesen Raum.

In satten Jahren floss Wasser aus umliegenden Abflüssen wie dem Finke River, dem Luritja Creek oder dem Petermann Creek in den See. Das geschah kaum je und selbst dann verwandelte sich Lake Amadeus nur in eine seichte Spiegelfläche und vielleicht in die größte Pfütze der Welt.

Kaum mehr als ein flüssiger Schleier über dem uralten Salz.

Wind riss den Krustensalzfilm zu einem Rissmuster auf. Es sah aus, als hätte ein Riese das Land zersplittert.

Ich sah einen zerbrochenen Spiegel der Zeit.

Ich zog die Schuhe aus. Das Salz war warm unter den Sohlen. Rissig. Scharfkantig. Die weiße Fläche blendete so stark, dass der Himmel darüber schwarz erschien. Alles war Umkehrung. Das Licht wog schwer. Die Schatten waren leicht. Die Welt war eine Scheibe, end- und geräuschlos.

Dies war mein Moment.

Turning Danger into Performance – Das Yidaki als anthropologisches Archiv

Was zuvor geschah

Australien 2020. Der Kontinent glüht im Black Summer. Nach amtlichen Schätzungen verbrennt mehr als eine Milliarde Lebewesen in den Buschbränden. Aschenebel färben den Horizont in ein giftiges Violett, der Rauch zieht über den Pazifik bis nach Südamerika. Während Australien brennt, friert die zivilisatorische Maschinerie im globalen Lockdown ein. Satellitenbilder zeigen einen gelüfteten Himmel über chinesischen Industrieagglomerationen, während vor den Küsten die Geisterflotten der Öltanker im Stauschlaf liegen. Die Wahl Joe Bidens in den USA leitet einen politischen Kurswechsel. Mit dem ersten bemannten SpaceX-Flug beginnt eine neue Ära der Raumfahrt. Jill und ich landen in unserem dritten Beziehungsjahr in einem Lodge im Dunstkreis von Uluru. Die Retreat-Managerin präsentiert sich als Bushpacker-Raubein. Sigs Eltern sind im Outback gestrandete, aus Aarhus gebürtige Zimtschnecken-Hippies. Jill und ich sind Digital Nomads und pendeln zwischen ökologischen Podcast-Projekten und Modeljobs. Sig führt uns zu einem Outback-Autofriedhof und unter einen Scarred Tree, dessen Wurzelwerk das Wrack eines 1954er Ford Customline V8 phantasmagorisch verschlingt. Vor dem Eukalyptusmammut erteilt uns Sig eine Lektion in archaischer Landeskunde. Der Ford war ein australischer Pisten-Klassiker, ein „Cusso“ aka „Single Spinner“. 

Wir campieren in einer Senke, die Sig „Wanne“ nennt. Es ist nur eine versandete Delle, kaum geschützt von windflüchtigen Akazien. Ich würde sehr gern baden, und Jill auch.

So geht es weiter 

Der Kopf leiht sich seine Stabilität von der Struktur des Körpers. An diesem Punkt bricht die alte Denkweise der westlichen Leistungsgesellschaft zusammen. Jahrhunderte galt das Dogma, der Geist beherrsche den Körper – der cartesianische Dualismus, dessen biologische Realität das exakte Gegenteil beweist. Ein gestresster Kopf kann sich nicht selbst beruhigen; er braucht die tragende Architektur des Körpers.  

Jetzt verstehst du, warum Menschen im anthropozänen Kreislauf mental so fragil sind. Sie sitzen buchstäblich unter Hochdruck am Schreibtisch, gefangen im chronischen Beugereflex der Defensive. Stabilität muss in diesem Zustand kognitiv simuliert werden. Das Ergebnis ist ein sympathisches Rauschen, das im Burnout endet. In unseren Zivilisationen haben sich evolutionär vollkommen perverse Mechanismen etabliert. Solange diese defizitären Lösungen im Alltag eine psychologische Währung abwerfen, hat das System überhaupt keinen evolutionären Anreiz, sich somatisch effektiv auszurichten. Warum sollte das Stammhirn brauchbare Software laden, wenn man das Problem scheinbar auch in einem passiven Modus aussitzen kann?

Die Quittung ist chronische Schutzspannung. Das System fragmentiert und läuft energetisch auf Grund, weil die Kulturtechniken des anthropozänen Kreislaufs keine physische Erlösung zulassen.

Kurz gesagt, war das die Lektion, die wir uns gegenseitig erteilten. Sig las im Sand. Sie verstand die Pflanzen. Für Sig war das Outback ein Archiv. Jede versteinerte Düne und jeder atavistische Strauch erzählte eine Geschichte. Sig wusste, welche Wurzel Wasser verriet. Welches Harz Wunden verschloss. Welche Früchte sättigten und welche nur in einer einzigen Jahreszeit genießbar waren. Sig praktizierte Ethnobotanik als kulturelle Gedächtnisübung.

Wüstenfeige, Kangaroo Apple, Spinifex und Wüstenmyrte. Sig pflückte Myrte und zerrieb die Blätter zwischen ihren Handflächen. Die ätherischen Öle aromatisierten augenblicklich die glühende Luft. Sig verrieb die Essenzen auf meinem Nacken; ihre Hände glitten über Jills sonnenwarme Unterarme. Plötzlich bildeten wir einen Kreis, in dem das Verlangen sich breit machte.

Die Sterne, die wir im Westen als den Gürtel des Orion kennen, sind in der Astronomie und Traumzeit-Mythologie der First Nations mit dem Emu verbunden. In vielen Erzählungen flogen die drei Schwestern – die drei markanten Sterne des Gürtels – zu Beginn der Traumzeit zur Erde. Eine von ihnen brach sich ein Bein und konnte nicht mehr abheben. Sie blieb auf der Erde zurück und verwandelte sich in den ersten Emu. Gleichzeitig wacht ihre kosmische Gestalt als Dunkelwolke in der Milchstraße über den Kontinent.

Sig erklärte den Emu, dessen Silhouette sich aus Staubwolken ergab, und zeigte, wie das Kreuz des Südens zur Orientierung genutzt wurde. Für mich bot der Emu eine überraschende Parallele zu meinem arktischen Fundus. Da erzählen Polarlichter vom kosmischen Sonnenwind. Zwei extreme Landschaften, zwei völlig verschiedene Himmelsbilder – aber dieselbe, universelle Verbundenheit evozierende Narration. 

„Dein Kraftyoga taugt nichts, Ina, wenn du vergisst, dass der Körper am Ende doch nur Chemie ist“, raunte Sig mir ins Ohr. Sie bedeutete mir, mich flach auf den Bauch in den Sand zu legen. Sie schob mein Shirt nach oben. Dann kam die Invasion. Sig kniete sich rittlings auf meine Hüften und setzte ihre Ballen direkt auf den Lendemuskelstrang an.

Der Kangaroo Apple (Solanum aviculare) ist ein Nachtschattengewächs. Die unreifen Früchte und Blätter enthalten gigantische Mengen an Solasodin – ein steroidales Alkaloid, das der Pharmazie weltweit als direkter Grundbaustein für die Synthese von Kortison und synthetischen Hormonen dient. Das ist pure, hormonelle Chemie, die Entzündungen im Gewebe im Bruchteil einer Sekunde niederschlägt.

Sie rieb meinen Rücken mit dem Saft des Kangaroo Apple ein. Seine konzentrierten Steroide wirkten sofort. Sig nutzte ihr Gewicht für eine langsame Scherspannung. Sie drückte ihre Daumen tief in das Gewebe, schob das kollagene Netzwerk Millimeter für Millimeter auseinander und erzwang die Rehydration der Schichten im Fleisch. Meine Golgi-Endungen feuerten ein massives Entlastungssignal an mein Stammhirn.

Jill mischte sich nicht ein.

„Das Labor der Wüste vergisst keine Blockade, Ina“, raunte Sig. „Ich kenne jedes Rezept, um dich zu entspannen.“

 

Aus Aljas Aufzeichnungen

Du warst nicht dabei. Trotzdem war ich nicht allein. In keiner Phase des Geschehens blieb ich unbeobachtet. Eine Elderin des Pitjantjatjara-Volks verband mir die Augen. Nicht, um mir die Sicht zu nehmen, sondern um mir das Sehen zurückzugeben. Sie hatte mein Gesicht mit Ocker bemalt, rot für das Land, weiß für das Salz, gelb für die Sonne.

”This land holds stories that are not yours,” sagte sie. ”But it may speak to you if you listen with your skin.”

Ich verharrte mitten im See. Die Kruste knackte wie aufbrechendes Eis. Die Luft stand.

Der See war vor 400 Millionen Jahren Teil eines Binnenmeers gewesen. Die Sedimentstrukturen bezeugten Verdunstung, tektonischen Frieden und Erosion. Der Boden sprach eine Sprache, die älter war als Vulkane.

Die Elderin sang. Kein Lied im europäischen Sinn, keine Melodie, die man summen konnte. Es war eine Folge von Tönen, Lauten, Atemzügen und kalkulierten Pausen. Manches war kaum mehr als ein kehliges Wispern.

Die Lieder sind Teil der Traumzeit-Kosmologie und erzählen von der Entstehung der Welt, oft sehr ortsbezogen. Der Gesang ist nicht unbedingt melodisch im westlichen Sinn, sondern kann aus rituellen Lauten, Wiederholungen und Rhythmen bestehen.

Ich stand still. Der Rhythmus verband sich mit meinem Puls. Ich fühlte mich nicht willkommen, aber auch nicht ausgeschlossen. Ich war nicht gemeint, und vielleicht war das das größte Geschenk: da zu sein und einfach nur zu hören. Kein Platz für Erklärungen, keine Einladung zur Deutung.

Ich befand mich im Zentrum von etwas, das mich nicht brauchte, aber bereit war, mich zu dulden.

Ich befand mich in einer Prüfung. Würde ich bestehen, ohne zu verstehen? Kannte ich mich verankern, ohne Wurzeln zu schlagen?

Als mir die Binde abgenommen wurde, hatte sich nichts verändert und doch alles. Der See war immer noch da und grenzte immer noch an einer unscheinbar flimmernden Horizontlinie. 

Ich hatte nichts mitgebracht, was von Bedeutung war. Kein Wissen, das hier zählte. Keine Sprache, die verstanden wurde. Aber ich spürte, dass etwas in mir begann, sich neu zu organisieren.    

Später schrieb ich nur einen Satz: „Man kann keine Karte zeichnen für ein Land, das im Inneren liegt.“

Vielleicht stand dieser Satz am Anfang meines eigentlichen Walkabout, der selbstverständlich in Deutschland stattfinden musste - eben nicht als Nachahmung, nicht als Aneignung. Die australische Erfahrung war eine Anregung, die mir geschenkt worden war. Ich weiß noch, wie ich dir das zum ersten Mal erzählen versucht habe, in meinem Ederthaler Bett. Du rochst so gut, dass ich mich am liebsten in deiner Achselhöhle verkrochen hätte. Deine Hand auf meiner Taille löste ein Erbeben aus. Mehr brauchte es nicht. Du streicheltest meine Mitte, den Lusttau zu mehren. Ich flüsterte dir süße Dinge ins Ohr, während ich dein Glied in meinen Händen wachsen ließ.

„Wie willst du kommen?“ fragte ich dich.

„In deinen Händen, meine Süße“, sagtest du.

Dann lagen wir ineinander verschlungen da, und ich genoss unsere Nachglut, die rasch zur Vorglut wurde. Ich fand dich so erregend, dass mir oft schwindlig wurde, wenn ich bei dir war. Du raubtest mir den Atem und den Verstand manchmal nur mit einer Berührung.  

Von alkalisch bis arkadisch - Vom Lake Amadeus zum Lake Disappointment

Ohne dich war ich dann auch am Lake Disappointment aka Kumpupintil Lake. Er liegt im Land des Martu-Volks, das bis in die 1960er Jahre nomadisch lebte. 

Der Salzsee füllt ein endorheisches Becken im Zentrum der Gibson Desert - ein abflussloses System, das sich seit Jahrtausenden episodisch mit Wasser füllt; unterlagert von präkambrischen Kristallingesteinen, die zu den ältesten Formationen der Erde zählen.

Seine Hydrologie ist ephemer: Nur in seltenen Jahren führen sintflutartige Regenfälle über den Rudall River oder kleinere Run-offs vom Little Sandy Desert Plateau Wasser zu. In den langen Trockenzeiten bleibt nur eine strahlend weiße Ebene zurück, durchzogen von polygonalen Bruchlinien.    

Alles war grell und leer und voller Bedeutung - so, wie es nur in der Leere möglich ist.

Plötzlich wusste ich nicht mehr, wie ich hierhergekommen war. Ich war eine Ahnung im Gedächtnis der Erde. Dieser Ort war ein Gedächtnisspeicher der Menschheit. Eine tektonische Erinnerungsschicht, in die sich ein Mythos eingeschrieben hatte. Ein Speicher geologischer Epiphanien. Ich hatte gehofft, etwas zu finden im Spektrum von Zeichen, Bedeutung und Richtung. Vielleicht war ich für einen Moment offen genug, so dass das Land durch mich sprechen konnte. Und dann trat sie aus dem Flimmern. Eine Frau. Alt, wettergezeichnet, mit ledriger Haut und Augen, in denen ein ferner Sturm lag. Sie gehörte zum Volk der Martu. 

Ngamarr Yunkurra wurde zu einer Zeit geboren, als die Wüste noch unberührt war und die Stimmen der Traumzeit überall zu hören waren. Ihr Name Ngamarr bedeutet „die Ältere“ oder „Mutter“ und wurde ihr gegeben, weil die Frauen in ihrer Familie über Generationen Hüterinnen des Wissens und der Rituale waren. Der zweite Teil ihres Namens, Yunkurra, erinnert an einen heiligen Ort, wo der Himmel den Sand zu berühren scheint. Es heißt, dort habe die Regenbogenschlange einst Ruhe gefunden.

Von klein auf wurde Ngamarr von den Ältesten gelehrt, die Geschichten der Traumzeit zu bewahren und weiterzugeben. Sie lernte die Lieder der Sterne, die Geheimnisse der Pflanzen und die Wege der Ahnen, die durch die endlosen Weiten des Landes ziehen. Als junge Frau begann sie, die Jugend ihres Volkes zu unterrichten, und entwickelte dabei eine tiefe Verbindung zu den Geistern des Landes.

Ngamarr Yunkurra wurde zur Ältesten, zur lebenden Brücke zwischen der Vergangenheit und der Zukunft ihres Volkes. Sie trug die Verantwortung, das heilige Wissen zu bewahren, die Rituale zu leiten und die Gemeinschaft zusammenzuhalten. Wenn Ngamarr sprach, lauschten alle, denn ihre Worte trugen die Kraft der Ahnen und die Weisheit der Wüste.

In einer klaren, mondlosen Nacht versammelte sich das ganze Dorf um das Feuer, das wie ein lebendiges Herz im Zentrum des Lagerplatzes brannte. Ngamarr Yunkurra saß auf einem großen Stein. Sie begann zu singen, ihre Stimme war weich und doch kraftvoll, getragen von den alten Liedern, die die Geschichte der Regenbogenschlange erzählten. Mit jedem Ton schien die Luft zu vibrieren, und die Funken aus dem Feuer stiegen wie Sternsplitter gen Himmel.

„Yunkurra ist nicht nur ein Ort“, erklärte Ngamarr, „es ist das Band, das uns verbindet mit dem Land, den Ahnen und dem Leben selbst. Die Schlange webt ihre Farben durch die Erde, und in ihren Mustern liegt unsere Geschichte.“

Die jüngeren Dorfbewohner saßen ehrfürchtig da, manche mit Tränen in den Augen. Ngamarr führte sie durch ihre Träume und leitete ihre Erinnerungen. Sie lehrte, die Zeichen des Landes zu deuten.

„Unser Land ist lebendig, unsere Geschichte lebt in uns. Wir sind Hüter und Kinder zugleich. Vergesst niemals, wer ihr seid.“

Ihr Leben war ein Beweis dafür, dass das Land und seine Geschichten untrennbar verbunden sind. Die Geschichten, die sie erzählte, transportierten eine Topografie, die den Martu half, ihren Platz in der Welt zu verstehen und zu bewahren.

*
„Du gehst hier nicht, um etwas zu finden. Du gehst, um dich zu ent-lassen.“

Das sagte sie zu mir.

Sie nahm pulverisierten Ocker aus einem Beutel und rieb es auf meine Stirn, als wäre ich ein Stein, der markiert werden musste.

„Der See ist nicht enttäuscht. Er täuscht dich frei.“

Ich verstand nicht, aber ich wehrte mich auch nicht. Alles verband sich. Ich war offen. Ich war Wind. War Sediment.

Vielleicht war es ein Fiebertraum. Vielleicht war es Wahrheit. Vielleicht ist es dasselbe, wenn man bereit ist zu hören.

Ich hatte das Gefühl, wie ein Staffelstab von Hand zu Hand zu gehen. Je eremitischer ich unterwegs war, umso begleiteter fühlte ich mich. Je extremistischer ich diesen - von einer phantasmagorisch-neolithischen Kosmologie kartografierten - Raum auf mich wirken ließ, desto deutlich wurde mir gezeigt, dass ich mich angemessen verhielt. Wo immer ich von meinem Wahn geheilt zu werden hoffte, tauchte eine Seelenführerin auf und behandelte mich wie eine Gesandte.

Rund um den See dehnte sich eine Vegetation aus Spinifex und saltbushes. Das waren Pflanzen, die gelernt hatten, in der alkalischen Einöde zu überleben. Der Himmel glich einer Lichtkuppel, die sich manchmal schwarz färbte, wenn die Reflexion des Salzes zu stark war.
Ich stand in einem weißen Dom ohne erlebbare Begrenzungen.

Historischer Kontext

Der Name „Lake Disappointment“ stammt von Frank Hann, einem ‚Entdecker‘ des 19. Jahrhunderts, der enttäuscht war, dort kein Trinkwasser zu finden. Die Martu nennen den See Kumpupintil, was so viel bedeutet wie „Platz, an dem keine Kinder geboren werden“. Das ist eine Warnung und verweist auf ein Tabu. In ihrer Kosmologie beherrschen gefährliche, Respekt und Abstand erheischende Wesen (Jukurrpa) das Gebiet. 

Im Karijini-Nationalpark - Aus Aljas Aufzeichnungen

Ich reiste weiter nach Norden. Unterwegs vereinten wir uns. Es war das Ende unserer ersten Trennung. Wir beschnupperten uns einen halben Tag, dann war das Vertrauen und die Lust wieder da. Karijini. In meinen Ohren klang der Name wie ein Rhythmus. Der Karijini Nationalpark ist berühmt für seine spektakulären Schluchten. - Hancock Gorge, Weano Gorge, Joffre Gorge. Das sind geologisch famose, oft mehrere hunderte Meter tiefe Einschnitte im Pilbara-Gebirge. Nach Regenfällen entstehen Wasserbecken, sogenannte „Pools“ oder „Gumpas“.

Die Pilbara-Region ist ein geologisches Archiv. Die ältesten Steine der Erde liegen hier herum. Sie sind bis zu 3,5 Milliarden Jahre alt, also älter als unsere Atmosphäre. Wir wanderten in die Hancock Gorge, tasteten uns an nassen Felswänden entlang, stiegen durch den Spider Walk, wo die Steilwände sich fast berühren. 

Hier ist das Wasser in der Zeit eingeschlossen.  

Hydrologisch betrachtet sind die Becken Teil eines geschlossenen Systems. Yunkurra bezeichnet in der Sprache der Martu natürliche Wasserstellen. Geologisch handelt es sich meist um Sandsteinsenken. Hydrologisch sind diese Becken von enormer Bedeutung. Sie bilden temporäre oder permanente Wasserspeicher, die nicht nur Tieren und Pflanzen, sondern auch Menschen in der Wüste das Überleben sichern. Aufgrund der sehr geringen Niederschläge (im Martu-Gebiet oft weniger als 250 mm jährlich) sind solche Wasserstellen spirituelle und physische Zentren der Gemeinschaft.

Geografisch liegen diese Becken häufig in Tälern oder zwischen Dünenrücken, wo das Gefälle und der Untergrund das Versickern des Wassers verlangsamen. Der Boden um die Becken besteht aus feinem Sand, Ton und manchmal Schlamm, der in der Trockenzeit austrocknet und harte Risse bildet.

Wir entdeckten eine Badestelle. Das Wasser war klar. Umgeben von Klippen, die wie Wachtürme wirkten, war der Ort ein kleines Paradies in der großen Wüste.   

Der Himmel war blassrosa, das Gestein weinrot. Das Wasser, so hatte es die Marlu-Älteste gesagt, ist das Blut des Landes. Es speichert die Geschichten der Ahnen und die Kraft der Regenbogenschlange. Wer badet, nimmt die Kraft der Erde in sich auf. Ich sagte dir das nicht. Ich zog mich vor dir aus, zeigte dir, was für dich bestimmt war.

Im Karijini Nationalpark

Wir standen auf dem Plateau der Hamersley Range, knapp fünfhundert Meter über dem Meer. Die Sonne stand schräg, der rote Sandstein glühte, als trüge er das Feuer seiner Entstehung noch in sich. Der Höhenzug gehört zu den ältesten geologischen Zeugen der Erde. Seine Felsen stammen aus dem Archaikum, einer Ära vor über 2,5 Milliarden Jahren. Da war die Erde jung. Ein Magmapfuhl. Aus dieser Urzeit stammen die metamorphen und magmatischen Felsen.

Die Pilbara-Region ist seit mindestens 40.000 Jahren Heimat der Aboriginal-Völker, insbesondere der Yindjibarndi und der Martuthunira. Es gibt nur wenige permanente Flüsse, die meisten Wasserläufe sind saisonal oder episodisch. Die Region verfügt über zahlreiche Wadis und natürliche Wasserbecken, so genannte Rockholes.

Wir erreichten den Dales Gorge - einen Riss in der Landschaft, belebt von den Fortescue Falls. Der Abstieg war steil, die Stufen rutschig. Moose hafteten an den Wänden. Wir passierten eskapistisch siedelnde Farngärten. Farne sind älter als alles, was wir mit Händen greifen können. Sie sind älter als Dinosaurier und bereicherten jene Urvegetation, die einst riesige Wälder bildete. Sie entstanden vor vierhundert Millionen Jahren im Devon. Viele Farnarten, die wir heute sehen, stammen direkt von diesen frühen Formen ab. Sie sind lebende Fossilien. Millionen Jahre vor dem ersten Vogel, lange bevor ein Mensch seinen Fuß auf diesen Kontinent setzte, wucherten sie in dampfenden Dschungeln.

Ein Pflanzendach verbarg den Fern Pool. Wir befanden uns an einer heiligen, zumal den Frauen bestimmten Stätte der Banjima.

Ein Ort, der entstand, als die Erde noch weich war.

Dreaming Tracks

DreDD Wir erreichten Kata Tjuta nach langer Fahrt am späten Nachmittag. Die Erde brannte unter meinen Füßen. Ich hatte Bilder gesehen. Aber nichts konnte eine Europäerin auf diesen Ort vorbereiten. Wir passierten den Valley of the Winds Walk. Der Weg war steinig, steil, staubig - und wunderschön. Der Wind kam aus dem Nichts, drehte plötzlich auf, fuhr durch die Schluchten. Ich hörte ihn in einer Sprache flüstern, die wir verlernt hatten.

Kata Tjuta war die ursprünglichste Kultstätte der Anangu, noch archaischer und enigmatischer als Uluru. Durfte man einfach die Begriffe der Aboriginal-Gemeinschaften übernehmen. Ich war vorsichtig und beinah abergläubig, wenn es um die Mythologie und Kultur der ursprünglichen Bevölkerung ging. Du warst unbekümmert.  

Was sind Songlines?

Songlines sind mythische Pfade, die von den Schöpferwesen während der Traumzeit (Dreaming) zurückgelegt wurden, als sie die Welt formten – Berge, Wasserlöcher, Tiere, Gesetze.

Jede Songline ist eine Landkarte in Liedform. Singend erinnern sich Aboriginal People an Wege, Wasserquellen, Tiere, Geschichten, Rituale. Die Lieder sind gleichzeitig Geschichte, Navigation, Identität und spirituelle Verbindung mit dem Land. Manche Songlines durchqueren riesige Landstriche - über Tausende von Kilometern - und verbinden verschiedene Stämme.

Welches Recht hatte ich, von Dreaming und Songlines zu reden. Du sagtest, Wissen wolle geteilt werden, aber ich war mir da nicht sicher.

Später, in der Stille zwischen den Felsen, fragte ich mich, ob wir unbewusst einer Songline gefolgt waren. Ob nicht unser Weg von Karijini nach Kata Tjuta längst in einem Lied verzeichnet war, das älter war als Karten, Sprachen, Erinnerungen - und das uns geführt hatte, ohne dass wir es wussten.

Vielleicht war das Lied nicht für uns. Aber wir durften es hören.

Folgten wir einer Linie, die nicht wir gewählt, sondern erinnert hatten? Rief uns das Land? War unsere Route in Wahrheit ein Resonanzraum mit persönlichen Botschaften?

War dieser Einfallsreichtum nicht leichtfertig? Was wussten wir schon. „Dreaming - Traumzeit“ reduzierte das Konzept auf eine westliche Vorstellung von Träumen, Innerlichkeit und Fiktion. Die Deutung ignorierte einen ontologischen Rahmen, in dem Schöpfung, Land, Identität und Handlung miteinander verwoben sind. Mich faszinierte diese Kosmologie. Ein vollständiges nicht-technisches Deutungssystem, in dem sich eine Lebensweise spiegelt, die für uns 300.000 Jahre lang ständige Praxis war. Ich will jetzt nicht von Stone Age High Tech anfangen. Für mich zeigte sich darin auch eine Einladung, andere Seinsweisen wahrzunehmen – weniger individualistisch, stärker eingebunden, verbunden mit Ort, Zeit und Ahnen. Es kontrastierte westliche Vorstellungen von Autonomie, Fortschritt, Getrennt-sein. Vielleicht lag gerade darin der Wert, sich „Dreaming“ mit Respekt und Offenheit zu nähern - nicht um es zu vereinnahmen, sondern um zu lernen, dass unsere Welt auch anders gedacht werden konnte.

Einst hatte ich versucht, Sigmund Freud originell zu lesen und ihn als jemanden zu verstehen, der eine europäisch-urbane Variante von „Dreaming“ geschaffen hat - wenn auch auf seine eigene, tief in Rationalität und Individualpsychologie verankerte Weise. Das „Dreaming“ (in der Kultur der Aboriginal People) ist kollektiv, mythisch, zeitlos, zyklisch, landschaftsgebunden und identitätsstiftend. Es erzählt, wie die Welt entstanden ist, welche Verbindungen zwischen Menschen, Orten, Tieren und Gesetzen bestehen. Freuds Traumdeutung hingegen ist individuell, psychologisch, linear, innengeleitet und symbolisch - aber auch sie ist eine Kartografie des Unsichtbaren, eine Interpretation von Sinn, durchzogen von Erzählstrukturen und symbolischen Figuren, die aus einem „anderen“ Bewusstsein sprechen. Beide Systeme - das „Dreaming“ und Freuds Theorie des Unbewussten - versuchen, verborgene Kräfte, die das sichtbare Leben strukturieren, verständlich zu machen. Beide erkennen im Traum eine vermittelte, tiefer liegende Wahrheit. Beide verwenden Erzählung, Bild, Symbolik - um Unsichtbares zu übersetzen. Und beide sind letztlich auch Sinnstiftungsmaschinen - mit ethischer, sozialer oder heilender Funktion.
Freud „verinnerlicht“ die Mythen: Er sucht sie im Subjektkern. Das ist die große Verschiebung vom mythischen Weltverständnis zur modernen westlichen Innenwelt. 

Die eurozentrische Sicht - Sigmund Freud, der in seinem Werk auf archaische Mythen und „primitive“ Kulturen zurückgriff, interpretierte sie meist als Projektionsflächen für westliche Seelenkonflikte - ohne deren Eigenlogik zu verstehen. Seine Konstruktion der Psyche ist tief verwurzelt im kulturellen Selbstbild des Westens. Die „Urhorde“, das „primitive Ich“, die Phantasmen der Wildheit - das alles folgte einer Gliederung im Geist des industriellen Zeitalters, an deren Ende der europäische, bürgerliche Mann als implizites Ideal stand. Freud schrieb über „die Wilden“, ohne ihnen je begegnet zu sein - sie waren Denkfiguren, nützliche Folien. Claude Lévi-Strauss’ „Traurige Tropen“ gilt als Meilenstein der Ethnologie, ist aber zugleich Ausdruck einer melancholischen, fast ästhetisierenden Fremderfahrung, die das Eigene an der Differenz misst und das „Andere“ letztlich zum Spiegelbild europäischer Krisen verklärt. Und André Malraux, der mit kolonialem Gestus durch Kambodscha streifte und Tempelreliefs wie Trophäen betrachtete. Skrupellos wilderte er im Reich der Roten Khmer. Vor seiner Glanzzeit als Schriftsteller und Kulturminister war er ein Plünderer - geleitet von der Überzeugung, dass große Kunstwerke gerettet -, wenn nötig auch aus ihrem Zusammenhang gerissen werden müssten. 1923 ließ er in Kambodscha Tempelreliefs aus Banteay Srei entfernen - kunstvolle Apsara-Figuren, gemeißelt in rosa Sandstein. Er wurde verhaftet, verurteilt, kam aber schnell wieder frei. Später stilisierte er sich zum Verteidiger der Kultur gegen das Vergessen. Der weiße Hochmut blieb unangetastet.   

Malraux war kein Einzelfall. Ganze Museen des Westens beruhen auf dieser Geste: der Überzeugung, dass sich aus gebildeter Bewunderung Ansprüche ableiten ließe - weil man zu würdigen weiß. Der koloniale Blick verkleidet sich. Noch immer tragen Aneignungen die Signatur des Übergriffs: Wir geben euch Bedeutung, indem wir euch entnehmen.

*

Wir fuhren früh los, du am Steuer, ich mit den Füßen auf dem Armaturenbrett, im Rock. Meine Beine waren verschrammt. Wie schön ich es fand, dass du sie so schön fandest. Die Sonne kroch gleißend über den Horizont. Ich malte mir ein Quickie am Straßenrand aus, mit einem Kängurupublikum. Du hieltest das Lenkrad mit einer Hand. Die andere ruhte auf meinem Knie. Wir hatten einen unerschöpflichen Vorrat an gemeinsamen Themen. Auch daran erkannte ich unsere Liebe. Wir unterhielten uns so gern, und immer knisterte es in einer Diskussionsecke. Zwischen Termitenhügeln standen trostlose Desert Oaks. Kurz kreiste ein Wedge-tailed Eagle (Keilschwanzadler) über uns.

Wir zählten die Farbtöne der Landschaft auf: Ocker, Zimt, Mahagoni, Kupfer, rostiges Pink. Die Straße zog sich wie ein glühendes Band durch das flirrende Nirgendwo.

Ich wollte dich in mir spüren, mit plötzlicher Dringlichkeit.

„Halt an“, sagte ich beinah nur in Gedanken.

Du hieltest in einer staubigen Straßenbucht.

„Mach den Motor aus.“

Ich wandte mich dir zu, um dich zu küssen. Aber du warst schon halb aus dem Wagen. Ich zog die Füße vom Armaturenbrett, fuhr mir durchs Haar. Die Luft war so trocken, dass sie wie Papier an den Lippen klebte. Du standest vor der Motorhaube, die Hände in den Hosentaschen. Wolltest du spielen?

Ich stieg aus. Der Sand unter meinen Sohlen war erträglich warm. Deine Sonnenbrille spiegelte mich. Ich näherte mich dir wie in einem Film. Ich stellte mich direkt vor dich, die Hitze zwischen uns war wie eine dritte Haut. Du legtest eine Hand an meine Hüfte, fast beiläufig.  

„Sag, dass du heiß auf mich bist.“

Ich schloss die Augen.

„Ich will dich in mir spüren“, flüsterte ich.  

Ich roch deine Haut und war schon fast so weit. Du küsstest mich. Deine Hand fuhr unter meinen Rock und glitt unter den Slip. Ich stöhnte auf. Das reichte, um dich hart werden zu lassen. Dieses kleine Geräusch. Ich knabberte an deinem Ohr. Bald darauf verließen wir den Lasseter Highway und folgten dem Stuart Highway Richtung Norden.  

Wir passierten Mount Ebenezer - eine klassische Outback-Roadhouse-Station. Ein paar Meilen weiter, eine verlassene Tankstelle. Davor ein rostiges Esky. Ich stieg aus, um mir die Beine zu vertreten. Der Wind war so warm wie Atemluft. Auf dem Wagendach tanzten Hitzeschlieren.

Musenzeit: dein Morgentext hat mich sehr angeschwungen, ich glaube, damit können wir viele erzählerische Richtungen ausbauen und ich brenne darauf, da etwas zu vertiefen.

Ich kam heute durch viele Außenaktionen leider nicht mehr zum Weiterschreiben. Ich schaue mal, wie ich das in den nächsten Tagen einrichten werde unterwegs, es bitzelt mir schon in den Fingern. Ich freue mich sehr darüber, was da alles in Schwung kommt an Themen mit diesem Walkabout. Es ist ein tägliches Schreibliebefest mit dir. Ich danke dir herzlich, es sind Glückswellen, die ankommen. Die Eros-Szene war ein schönes Spiel zwischendurch, ich mag es sehr, die Energieströme so spielerisch zu aktivieren. 

Ich habe sie dann beim Kajaken und Schwimmen gesehen zur Erfrischung. In einer Gegend, die ruhige, lauschige Plätze anbietet, ohne kulturelle Interferenzen zu provozieren (in meiner Fantasie).

Wir spielten ein bisschen "Wilde Westentaschen". Ich liebte deine kreativen Einfälle, unterwegs erotisch ein wenig mit Buch- und Filmszenen zu jonglieren. 
Ich schiebte dir erst die Brille aus dem Gesicht auf deine Haare und ertrank im Liebesblick deiner Augen, bevor meine Hände unter deinem T-Shirt weiterwanderten. 
„Die Motorhaube ist noch zu heiß von der Fahrt“, flüsterte ich dir zu, meinen letzten Rest Verstand zusammenkratzend, der gerade in der Hitze um uns und zwischen uns zusammenschmolz...

Outback-Nostalgie - Von Alice Springs zum Great Barrier Reef

Die Zeit im Outback hat einen eigenen Rhythmus. Die tiefe Stille erzählt von einer Welt ohne Menschen. Ich traf Leuten, die Romanen entsprungen schienen. Ich begriff, wie wenig es braucht, um da zu sein. Wasser. Schatten. Orientierung.

Aus Aljas Aufzeichnungen/Zwei Versuche, ein Phänomen zu fassen

In einer dürstenden Landschaft, wo jedes Ding nur sein Nötigstes ist, begegnet dir die Natur in ihrer radikalsten Form: nackt, genügsam, unerbittlich schön.

Wo das Land vom Wasser träumt, lebt die Natur im Modus des Verzichts, karg, reduziert. Hier entfaltet sich eine erbarmungslose Schönheit, die keinen Überfluss duldet.

Worte einer Ältesten: 

„Du suchst ein Wort. Aber du hörst einen Klang.“

„Du läufst auf der Erde herum, aber du hörst sie nicht. Bleib mal still, bis du merkst, dass sie dich trägt.“ 

*

Ich weiß nicht, ob es eine Initiation war. Es gab keinen zeremoniellen Rahmen, keinen Moment, an dem eine Erfahrung deutlich begann oder endete. Und doch war da dieses Gefühl, dass etwas durch mich hindurchging. Kein Wissen. Nichts, dass sich in Besitz nehmen ließ. Ich assoziierte ‚Durchlässigkeit‘. Das Bild von einer Tür, die nicht mehr ganz schließt.

Im Outback nahm meine Ehrfurcht vor der Schöpfung eigene Farben an. Gleichzeitig kämpfte ich mit der bizarren Empfindung, unangemessen auf die Erscheinungen zu reagieren. Unangemessen im Sinne von beanspruchend und vereinnahmend. Als hätte ich in der Wüste auch nur das Geringste beanspruchen können. Alles in mir war europäisch sortiert. Denken in Linien, Begriffe als Werkzeuge, komplett auf Analyse gepolt. Im australischen Busch wirkte wie eine Mentorin, die nicht mit mir stritt, sondern einfach neben mir stand und sagte: Du kannst es nicht fassen, aber du kannst es lassen.

Ich weiß, dass vieles von dem, was ich fühlte, gefährlich nah am Kitsch siedelte. Mein Blick verlor seine Ungenauigkeit nicht in den geführten und beaufsichtigten Begegnungen mit archaisch dimensionierten Daseinsformen. Wie alle Touristinnen musste ich aufpassen, nicht zu nehmen, was mir nicht gehörte. Ich blieb Gast. Trotzdem fühlte ich mich berührt von etwas, das älter war als Sprache, älter als meine Zweifel, älter als meine Vorstellungen davon, wie Erkenntnis funktioniert. Vielleicht waren es die Wüstenfarben, die mir das erzählten. Nuancen zwischen Sand, Staub, Hitze und Schatten. Farben, die nichts beweisen müssen. Sie erinnerten mich an etwas, das ich nie zuvor gesehen hatte, aber doch erkannte. Und vielleicht geht es gar nicht darum, es zu verstehen. Vielleicht reicht es, dass es mich verwandelt hat.

*

Wir verließen … am frühen Morgen. Dunst überzog die Landschaft, kaum mehr als ein flüchtiger Schleier, ein letzter Atemzug der Nacht. Ich fuhr. Wir sprachen wenig. War es Wehmut? Schon legte ich mir eine Version zurecht, in der das alles in der Vergangenheit lag. Ich erinnerte das Outback bereits, während ich sie noch erlebte. Das Asphaltband des Stuart Highway zog sich. Stunden ohne landschaftliche Abwechslung. Nur Hitze und roter Staub, der sich überall festsetzte. Spinifex, Termitenhügel, ein Kängurukadaver. Ein ausgebleichter Rinderschädel.

Wir erreichten das Wüstennest Tennant Creek. Die Sonne stand tief, der Himmel changierte von flammendem Orange zu halluzinogenem Violett. Die Nacht brach herein. Noch in der Dunkelheit flimmerten die Tageshitze über dem Straßenasphalt.

Ich beobachtete lauter Kinoeffekte. Jede Szene kannte ich aus einem Film, so unwirklich und geradezu gespenstisch war das alles. Das Kaff erschöpfte sich in einer Ansammlung von Gebäuden mit rostigen Wellblechdächern, geschlossenen Tankstellen und verrammelten Läden. 

Der Motelparkplatz war leer bis auf ein paar Pickups, die so aussahen, als seien sie schon lange nicht mehr bewegt worden. Das Bett war eine nicht besonders breite Pritsche, auf dem Bildschirm des toten Fernsehers klebte ein Zettel mit der Zeile: Enjoy the stars, not the screen. Die Dusche war nicht einladend genug für ein erotisches Zwischenspiel. Aus dem verrosteten Brausekopf kam enttäuschend wenig Wasser. Ich entbehrte das gute Gefühl, frisch geduscht zu sein. Als ich mich anziehen wollte, gabst du deine gespielte Gleichgültigkeit auf.  Ein Blick reichte. Die Kammer wurde zur Kulisse für einen Moment völliger Gegenwart. Unsere Lust brach auf. Keine Inszenierung, kein Vorspiel. Deine Hände auf meinem Hintern, mein Atem an deinem Hals, unsere Körper fanden sich ohne Umweg. Das Bett quietschte empört, als wollten die Sprungfedern protestieren, aber sie hielten stand. Unsere Ströme flossen ineinander. Wir verschmolzen auf dem Zenit unseres Begehrens und bedankten uns gegenseitig mit einem Gänseblümchenstrauß der nachträglichen Zärtlichkeit. Mich amüsierte der Kontrast zu meinen Fingernagelspuren auf deinem Rücken.

Zum Abendessen gingen wir lediglich über die Straße vor dem Motel in einen Pub. Von außen sah die Kneipe aus wie eine Werkstatt im frühen 20. Jahrhundert. Auf einem Schild stand: Cold Beer - Hot Meals - Locals Only (But You’re Alright). Hinter dem Tresen stand eine Frau mit grauem Kurzhaarschnitt, die uns mit einem verwaschenen Nicken begrüßte. Es konnte alles Mögliche bedeuten. Vielleicht war es sogar freundlich gemeint. Keine Jukebox, kein Fernseher, kein WLAN. An den Tischen saßen Männer in Shorts und Boots. Trucker, Miner, Farmer. Eine begnügten sich mit Büchsenbier, dem schäumenden Hahn zum Trotz. Wir reihten uns ein, nahmen ein Carlton Draught vom Fass und bestellten Steak mit Pommes, ohne nach der Karte zu fragen. Es gab sowieso nur das, was auf dem Schild über der Theke stand. Kein Schnickschnack. Das Fleisch blutete, die Pommes knusperten, die Jumboflasche Ketchup trug kein Etikett. 

Man trank hier sogar Carlton Draught aus der Büchse, so wie Victoria Bitter und XXXX Gold - serviert in kleinen Schaumstoffhüllen, den stubby holders.  

Ein Blue Heeler (Australian Cattle Dog) langweilte sich unter dem Billardtisch.   

Formularende

Am nächsten Morgen brachen wir zeitig auf. Nichts hielt uns in dieser bewirtschafteten Einöde. Wir bogen auf den Barkly Highway ab, es ging jetzt Richtung Osten. Die Straße war gerade wie mit einem Lineal gezogen. Die monomentale Monotonie schrie danach, jemandem aufs Gemüt zu schlagen.

Auf dem Weg nach Queensland veränderte sich die Landschaft zunächst fast unmerklich. Das endlose Outback-Ockerbraun wich vegetativem Grün. Die Erde verlor ihre Staubschicht.  Sträucher wurden zu Büschen, Büsche zu Bäumen. Plötzlich gab es wieder Schatten.

Am Nachmittag passierten wir ein Schild mit der Aufschrift: Barkly Homestead - Fuel · Food · Accommodation · Beer. Ein Roadhouse mitten im Nirgendwo; die einzige Tankstelle, das einzige Bett, die einzige Cola weit und breit. Später notierte ich: Tanken, Essen, Dusche, Sternenhimmel. Das war nicht alles. Ich unterschlug den schönsten Moment des Tages, einmal wieder unter der Dusche.  

Die Homestead bestand aus einem Gebäudeensemble mit einem grünen Innenhof - ein fast absurder Anblick in der Wüste. Es gab eine Tankstelle, einen Souvenirladen und ein bayrisch-rustikal vertäfeltes Restaurant.

Ich bestellte einen Chicken Parmy mit Chips und eine Cola, du bliebst bei Steaks und Pommes und Ginger Beer. Wir setzten uns unter einen Ventilator und ließen die Kühle langsam in uns hineinkriechen. An der Wand pappten Landkarten und ein Aushang mit „Dingo-Warnung“. Neben mir aßen zwei Grey Nomads-Paare Toasties mit Tomato Sauce, während ihre kleinen Hunde unter dem Tisch dösten.

Das Personal war jung und leicht zu identifizieren als amerikanische und europäische Backpacker, die für Kost, Logis und ein Taschengeld ein paar Wochen jobbten. Sie rissen sich alle kein Bein aus. Draußen standen Road Trains, Lkw-Kolosse, die so lang waren wie ein halber Zug. Wir hörten die Fahrer, sahen sie aber nicht. 

Mount Isa

„Vielen Dank für die schöne, erfrischende Szene auf der Poststelle. Sie genießen es, das kostbare Wasser auf der Haut. Zhen Qi.“ M.

Am dritten Tag passierten wir die Grenze nach Queensland. Die Straße führte nach Mount Isa. Es war die erste größere Stadt seit Alice Springs, eine Miner-Kapitale fast schon an der Outback-Peripherie.

In Mount Isa gönnten wir uns den Komfortgenuss des besten Hauses am Platz. Das RedEarth Boutique Hotel war ein flacher, terrakottafarbener Bau mit breitem Vordach und einem gepflegten Vorplatz aus hellem Kies mit Anmutungen eines japanischen Steingartens. Im Haus war alles überraschend still, kühl und makellos. Die Frau hinter dem Rezeptionstresen hatte perfekt gezogene Augenbrauen. Du hieltest ihr die Kreditkarte hin, sie lächelte professionell, machte ihren Job, reichte dir die Schlüsselkarten. Zimmer 207, zweite Etage, rechts vom Aufzug. Das Zimmer roch nach Eukalyptusreiniger. King-Size-Bett, Nespresso-Maschine, Airconditioning, Flachbild-TV. Blütenweiß bezogene Betten, dichte Vorhänge, ein Bad mit Glasdusche, Eartherapy-Toilettenartikeln, polierte Armaturen, mannshoher Spiegel und Handtücher, die kunstvoll gerollt auf dem Waschbecken lagen.

Das erste Bad seit Tagen, das nicht nach Camping roch.

Wir umarmten uns unter dem Strahl. Du hattest du den Fernseher eingeschaltet, wir hörten Nachrichten. Die Weltlage war weit weg. Wir standen einfach nur da, ließen das Wasser über unsere Nacken laufen, über Rücken, Schultern, Beine. Schaum floss über die Fliesen unter unseren Füßen. Dampf legte sich auf den Spiegel. 

Wir räkelten uns im Behagen.    

Das Hotel hatte ein eigenes Restaurant mit á la Carte‑Menü (Steaks, Meeresfrüchten) und Cocktail-Lounge.

  1. Nacht - Charters Towers

Charters Towers verdankte sich einem Goldrausch. Die Stadt wirkte wie eine amerikanische Westernfilmstadt in den 1950er Jahren. Antike Fassaden mit verblassten Lettern, ein Hotel namens World’s End und leere Straßen.

Wir checkten ein, das Motel nannte sich großartig Heritage. Es stank nach nassem Hund und Wandschwamm. Die Klimaanlage war verbrecherisch laut. 

„Hot Meals - Cold Beer“ - Wir aßen im Pub gegenüber unserer Bleibe - Burger, Bier, keine Fragen. Die Leute zeigten sich desinteressiert in einer höflichen Spielart. Vielleicht kannten sie schon alle Geschichten. Die Jukebox spielte australischen Country aus den 1990er Jahren, ein Neonlicht flackerte wie auf einem Gemälde von Edward Hopper.  

Zurück im Motelzimmer wolltest du noch mal duschen. Du kamst aus dem Bad, dein Blick war offen, aber nicht einladend. Wieviel Luft und Lust blieb uns noch nach diesem Tag?

Ich richtete mich auf. Du standst am Fenster, sahst hinaus, als gäbe es da draußen mehr zu sehen als einen staubigen Parkplatz und die Säuferampel des Pubs.

„Die Leute hier“, sagtest du, „sehen einen an, als wüssten sie alles über einen. Aber sie sagen nichts.“

Endlich kamst du zu mir. Deine Haut schimmerte, ich roch dein Shampoo. 

„Sag was“, verlangtest du.

Ich sagte nichts, sondern legte eine Hand auf deine Brust. Du warst warm. Lebendig. Gegenwärtig. Und plötzlich war da wieder dieses Prickeln. Draußen schwirrten die Mücken um die Laterne. Wir vereinten uns in einer Umarmung. 

Dein Rücken lag warm an meinem. Ich spürte die Hitze deines Tages, die Müdigkeit, das unausgesprochene noch 130 Kilometer bis Townsville. Ein paar Mücken hatten sich durch den Riss im Fliegengitter geschlichen. Du fluchtest leise und zogst das Laken über den Kopf. Ich lachte und sagte nichts.

Turning Danger into Performance – Der Mann mit dem Riff auf dem Arm

Weiter ging es auf dem Barkly Highway Richtung Osten. Die Straße wurde schmaler, der Verkehrsstrom versiegte. Um uns Savanne. An der Grenze zu Queensland wechselten wir auf den Flinders Highway. Je weiter wir nach Norden fuhren, desto grüner wurde es. Die Farben verloren ihre Blässe. Das Himmelsblau intensivierte sich, die Schatten wurden kürzer. Bei Cloncurry bogen wir auf den Gregory Highway ab. Die Vegetation streifte ihren Armutskittel ab und changierte in Richtung tropischem Wildwuchs. Der letzte Streckenabschnitt führte uns über den Bruce Highway Richtung Cairns. Plötzlich war da das Meer. Ich sog die salzige Luft ein.

Axel Buether beschreibt Farben als „das größte und leistungsfähigste Orientierungssystem der Natur“ - besonders dort, wo andere Sinne versagen, etwa in dichten Korallenriffen mit hoher Artenvielfalt. 

Er führt aus:

„An der Buntheit der Natur zeigt sich das Maß an Biodiversität ... Die Lebensräume mit dem größten Artenreichtum und der größten Farbenvielfalt der Erde sind die tropischen Regenwaldgebiete und die Korallenriffe.“

In tropischen Meeren übernehmen Farbmuster entscheidende Funktionen: Art- & Partnererkennung. Leuchtende Muster ermöglichen Fischen und Polypen, sich in der komplexen Umgebung richtig zu orientieren. Soziale und sexuelle Signale - Männliche Buntbarsche zeigen sich in orangeroten Zeichnungen. Weibchen bevorzugen diese Farben. Buether illustriert, wie die Farben helfen, in diesem „visuellen Minenfeld“ von Begegnungen, Feindseligkeit und Nahrung den Überblick zu behalten. Tasten, Riechen oder Hören reichen nicht aus. Zitate aus ‚Die geheimnisvolle Macht der Farben‘

Wir saßen vor einem Pub auf dem Trottoir. Du hattest Bier bestellt, zwei Pale Ales in beschlagenen Gläsern. Auf der Karte stand „Reef or Beef“ mit Pommes. Ich nahm den Fisch. Du den Burger.

Der Pub war eine Queensland-Pittoreske mit einer Schwarzweißfotosammlung von posierenden Anglern, einem legendär ramponierten Didgeridoo und einer wandbreiten Karte des Korallenmeers. Gespielt wurde australischer Rock auf der Midnight Oil-Schiene.

Wir hatten uns gerade geliebt, ich glühte noch oder schon wieder vor. Da war etwas, das den Liebestau in meiner Mitte näherte … eine Lust am Leben, die im Outback Fahrt aufgenommen hatte. Ich trug einen kurzen Rock und ein enges Top. An deinem Blick erkannte ich, dass dein Verlangen nicht versiegt war.  

Er setzte sich einfach zu uns. Sonnengegerbte Haut, verwaschenes Shirt, Flip-Flops. Auf seinem Unterarm trug er einen Manta, umgeben von Riff-Fischen drumherum. Ein Biotop-Tattoo.

„Ihr fahrt morgen raus?“, fragte er und prostete uns zu, als wären wir alte Bekannte.

Du nicktest.

„Mit dem Katamaran Silverswift.“

„Gute Wahl. Sagt euch einer vorher was übers Riff?“

„Wir wollten uns morgen früh im Terminal schlau machen.“

Er lachte leise.

„Das da ist PR. Ich sag’s euch jetzt, echt und ungeschönt.“

Er nahm einen Schluck, beugte sich etwas vor.

„Das Riff lebt. Es atmet, es stirbt, es blüht wieder auf. Es ist ein Koloss aus Milliarden winziger Wesen. Jeder dieser Korallenpolypen ist ein kleiner Architekt. Zusammen bauen sie Städte - und ihr dürft da morgen reintauchen.“

Er sah mich an.

„Ihr werdet Dinge sehen, die aussehen wie ausgedacht. Farben, die im Tageslicht explodieren. Fische mit Lippen wie Models. Schildkröten, die durch euch hindurchsehen.“

Du sagtest:

„Und wie steht es wirklich um das Riff?“

Er hob seinen tätowierten Arm.

„Früher war der Manta hier leuchtend blau. Jetzt ist er fast grau. Versteht ihr? Das ist das Riff. Es verblasst. Es hat Fieber. Und trotzdem will es euch noch was zeigen.“

Wir schwiegen. Ich sah dich voller Liebe an. Wir prosteten dem Guide zu, glücklich mit allem.

„Danke“, sagte ich, und mein Danke war universell.

Formularende

Das Great Barrier Reef ist das größte Korallenriffsystem der Welt. Es ist über 2.300 Kilometer lang und besteht aus mehr als 2.900 einzelnen Riffen und 900 Inseln. Die ersten Riffe begannen sich vor etwa 600.000 Jahren zu bilden. Das heutige Riff wuchs während der letzten 10.000 Jahre, nach dem Ende der letzten Eiszeit, als der Meeresspiegel anstieg. Es liegt auf einer Plattform aus älteren Riff- und Kalksteinschichten, die über Millionen Jahre entstanden. Das Riff liegt im Südpazifik und ist eines der artenreichsten Ökosysteme der Erde.    

Turning Danger into Performance – Archipel aus Kalkstein

Ich öffnete die Augen. Ein Lichtstreifen fiel durch den Vorhang und zeichnete ein helles Muster auf das Laken. Dein Atem war gleichmäßig. Ich lag still und genoss mein Glück. Du warst bei mir. In mir lebte eine Lust, die weit über mein Begehren hinausging. Es war eine so große Lust am Leben, dass ich am liebsten die ganze Welt umarmt hätte.  

Ich beugte mich zu dir und küsste die Stelle unter deinem Schlüsselbein. Du murmeltest etwas Unverständliches, aber deine Arme nahmen mich sofort auf. Die Liebe zeigt sich in der Spontanität. Ich habe dir das nie gesagt. Es gab keine Anspielungen. Das Phänomen avancierte nicht zum kodierten Detail im Liebestext. Zur Exklusivität unser Liebe gehörte, dass wir beide unmittelbar reagierten. Wir fuhren ungebremst aufeinander ab. Ich habe das mit keinem anderen Menschen erlebt. Du spürtest meine Bereitschaft im Halbschlaf und warst augenblicklich auf der Höhe meines Verlangens.

Wir küssten uns, du zogst mich auf dich, ich zog dich in mich. Ich dankte dir mit wispernden Beteuerungen. Ich küsste und leckte deinen Hals und stöhnte für dich. Wir drehten uns für dich und ich öffnete mich in einem Willkommensrausch.

„Komm schön“, bat ich dich, während deine Hände meinen Hintern kraftvoll einschlossen. Ich stemmte mich dir entgegen und kam dabei noch mal. Später standen wir duschfrisch in der Morgensonne vor dem Hotel.  

„Bereit fürs Riff?“, fragtest du.
Ich war bereit für alles.

Am Hafen vergrößerten wir Hand in Hand das Ensemble vorfreudig Wartender. Ich sah nur Shorts und Sonnenbrillen und roch den enervierenden Mix aus Sonnenschutzcreme und Meeresbrise. Das Meer glitzerte grandios. Da draußen erstreckte sich ein atmender Kontinent. Welten schaffende Polypen hatten ihn entstehen lassen.
Korallen sind winzige, koloniebildende Nesseltiere - sogenannte Polypen. Sie sondern Kalk ab, aus dem sie im Laufe von Jahrhunderten riesige Riffe aufbauen.  

Ein Archipel aus Kalkstein. Ein gigantisches Ausscheidungsprodukt.  

Wir stachen in See. Das Boot war schnell, weiß, modern. Zunächst folgten wir der grüne Küstenlinie, schließlich nahm der Katamaran Kurs auf das offene Meer. Das Blau war so tief, dass ich es kaum noch als Farbe erlebte.

Du nahmst meine Hand, als der Katamaran zu schlingern begann.

Aus Aljas Aufzeichnungen

Ich hatte es mir nicht nehmen lassen, eine Unterwasserkamera zu kaufen für dieses Erlebnis. Der erste Tauchgang meines Lebens in diesem sagenumwobenen Paradies. Wie in Trance hörte ich die Instruktionen zur Sicherheit, der Neoprenanzug pappte passend auf mir. Wir blinzelten uns durch die Taucherbrillen zu, deine Augen lachten. Die schwere Tauchflasche zog mich beinahe schon von selbst nach unten. Atemzug für Atemzug schwebten wir mit unserem Guide durch eine sonnenbelichtete, türkisfarbene Unterwasserwelt langsam hinab und setzten uns ruhig auf den sandigen Boden. Die Sicherheitszeichen austauschen. Alles top. Der Druck war so ungewohnt, ich orientierte mich langsam neu. Die ersten farbenfrohen Bewohner umschwärmten uns nun, wie in einem lichtverstärkten, kitschig bunt eingerichteten Aquarium, nur unendlich weit, formulierte es sich in mir. Und ich liebte diesen lebendigen Kitsch der Weltschönheit plötzlich über alles, bis an die Schmerzgrenze, bis mir die Tränen die Taucherbrille verschlierten - und ich wusste, dir ging es in deinem Innersten genau so.
Ganz langsam nur tauchten wir wieder an die Oberfläche, um auf das Schnorcheln umzusteigen...  

Wir ließen uns rücklings vom Katamaran ins Wasser gleiten - du zuerst. Das Meer war überraschend warm, weich wie ein atmender Körper. Für einen Moment zog sich mir der Magen zusammen - diese Angst, die im Kontakt mit einer All-Dimension entsteht. Dann hob ich den Blick und erwachte in der Welt, aus der wir kommen.

Das Riff war ein Garten ohne Erde, ein Labyrinth aus Farben und Bewegung. Korallen in Formen wie Finger, Fächer, Knollen und Blüten - leuchtend, zerbrechlich, uralt. Winzige Fische schossen wie Gedankenblitze vorbei. Ich hörte nur mein eigenes Atmen im Resonanzrohr des Schnorchels.

Du zeigtest auf etwas - eine Schildkröte. Im kristallklaren Wasser über dem Riff wirkte das Meer wie ein ruhiger Spiegel, unter dessen Oberfläche ein Millionen Jahre altes Ökosystem seinen eigenen, präzise abgestimmten Rhythmus beibehält. Die Vielfalt der Formen und Farben, die sich dort entfaltet, ist Ergebnis eines evolutionären Prozesses, der ebenso langsam wie wirkungsvoll arbeitet - ein Gleichgewicht, geschaffen von Anpassung, Symbiose und stetigem Wandel.

 „Sechs von sieben Meeresschildkrötenarten leben hier.“

In einer Zeit, in der Biodiversität vielerorts schwindet, steht Australien exemplarisch für konkrete, wirksame Artenschutzmaßnahmen. Die Einrichtung von Schutzgebieten, das Monitoring der Brutplätze, sowie gesetzlich verankerte Fangverbote haben, zumindest in Bezug auf Meeresschildkröten, greifbare Resultate hervorgebracht.

Die Schildkröte, die uns begegnete - vermutlich eine Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas) - bewegte sich mit bemerkenswerter Eleganz. Ihr goldgelber Bauch reflektierte das einfallende Licht, ihre Bewegungen waren ruhig, gleichmäßig, fast schwerelos. Es war ein Verhalten, das sowohl zweckmäßig als auch anmutig wirkte. Ihre Art existiert seit über 100 Millionen Jahren; sie hat Massenaussterben überlebt, Kontinentalverschiebungen, Klimawandel. Die Begegnung mit einem Tier, das so tief in der Geschichte des Planeten verwurzelt ist, macht die eigene Präsenz relativ. Für einen kurzen Moment folgten wir ihr durch das Riff.

Es war still, obwohl das Leben tobte. Ein vitaler Teppich spannte sich über den Meeresboden, gebaut von winzigen Tieren, die Kalk und Farbe aus dem Wasser zogen. Wesen ohne Augen, ohne Stimme, aber mit einer Beharrlichkeit, die Kontinente entstehen ließ.

“See first with your mind, then with your eyes, and finally with your body.” Yagyu Munenori

Geometrie der Stille

“However, in doing so, it is worth noting, that Yoga had been transformed in one sudden leap of evolution. In fact, with no historical precedent; from a practice generally related to transcending the body, yoga was now a means for living more comfortably within it.”  Adam Keen Ashtanga, seen on Instagram

*

“What great thing would you attempt if you knew you could not fail?” Robert H. Schuller

Wie alles an diesem Ort schmeichelte auch das Landschaftsbild dem Auge. Nichts wirkte zufällig, jedes Element schien choreografiert. Palmwedel beugten sich mit einer Würde, die das Wort wiegen zurückwies. Der Dschungel zog sich nicht zurück - er gab nach - und ließ dem Ozean den Vortritt. Grün und Blau verhandelten ihre Grenzen ohne Streit, ihr grenzenloser Waffenstillstand entsprach einer doppelten Souveränität.

*

Ich hatte auf Matratzen geschlafen, die nach Mückenschutz und feuchtem Putz gerochen hatten. Geduscht hatte ich in münzbetriebenen Kabinen, die während des Einschäumens trockengefallen waren. Aber jetzt - hier, auf diesem komfortablen Felsvorsprung, unter dem karibischen Himmel - fühlte ich mich nicht wie eine Durchreisende. Ich fühlte mich auserwählt. Tief in mir fiel geräuschlos ein Anker. Er sank einfach. Und hielt.

Mein Kleid fing den Wind. Ich betete um eine Hand von dir. Ich wollte sie auf meinen Schenkeln. Du solltest sie ein bisschen über den Knien zuerst platzieren und dann höher wandern lassen. Wir waren vollkommen ungestört in unserer Ecke. Da spürte ich deine Hand, sie lag genau richtig für den Anfang.  

Schwebende Aromen

Eine schwebende Terrasse, nahtloses Glas, zu Obsidian polierter Lavastein, Wasserspiele - die Caribbean Cliff Lodge ragte über einen Klippenrand. Die Aussicht erfüllte alle Sundowner-Klischees. Die Sonne versank prahlerisch im Korallenmeer. Der Himmel leuchtete in den Farben von flüssigem Gold und verwaschenem Rosé mit einem Touch Indigo. In der Luft schwebten Aromen von Salz und Hibiskus. Die Brandung war eine Sinfonie. Das Publikum parlierte auf einem rustikal im Blockhausstil gehaltenen Freisitz über einem Abgrund. Die Lounge-Sessel rochen nach Lederpolitur und Zedernholz. Du brachtest mir etwas Passendes, auch das gehörte zu dir. Du hattest den Bogen raus. Das passende Hemd, das treffende Wort, meine Höhepunkte lagen dir am Herzen. Du warst diskret und in jedem Fall formbewusst. Dir entglitt nichts. Du hast dich nie in der Klaviatur vergriffen. Ich fand mich manchmal tollpatschig neben dir, aber ich wusste schon auch, wie gut ich dir gefiel. In deinem Fall habe ich alle Register gezogen. Wir tranken etwas mit Passionsfrucht und Gin. Unsere Schultern berührten sich. Du sahst mich an, als wäre ich die Sonne selbst, und ich konnte kaum atmen, so sehr erregte mich dein liebevolles Verlangen. Ich spürte deinen Atem an meinem Hals. Es gab keinen Ort auf der Welt, an dem ich in diesem Moment lieber gewesen wäre.

Du sagtest:

„Wenn man hier ist, vergisst man beinah, dass die Welt sich weiterdreht.“

An einem anderen Tag

Das Meer war glatt an diesem Spätnachmittag, auf dem Spiegel lag ein silbriger Schleier. Am Horizont traf das erschöpfte Blau des Himmels auf das herrschaftliche Blau des Ozeans.

Der Strand war fast menschenleer. Auf der baufälligen Terrasse des “Salt Shed” teilten wir uns einen Teller gegrillten Fisch und überraschend knusprige Pommes. Wir tranken kaltes Wasser mit Minze. Es schmeckte nach Dingen, die man nicht kaufen kann.

Du und ich verkörperten die Highend-Version eines transkontinentalen Nomadenpaars. Digital Nomads im globalisierten Homeoffice-Modus. Wir loggten uns in Lodges, Airbnbs und Cafés in Zoom-Calls ein, pitchten Projekte und optimierten Abläufe stets im Diskurszenit. Ich glänzte bei Ranger-Touren mit präzisen Kenntnissen über Landrechte, glaziale Erosion, koloniale Kartografie und indigene Topografie. Du warst charmant, geistreich, zuvorkommend. Jede Nationalpark-Rangerin verliebte sich in dich und ließ dich leicht bekümmert ziehen.

Was unser Publikum sah, war ein Paar auf seiner Ideallinie. Eine performative Synthese aus Bildung, Freiheit, Stil. Unsere Außenwelt war demokratisch, reflektiert, verhandelnd. Unsere Innenwelt war strukturiert. Dafür hatte ich mich entschieden. Du warst mein Gegenentwurf zur Unklarheit der Welt. Du warst mein Maß. Mein Korrektiv. Mein Fokus. Ich stellte mir gern vor, was geschehen würde, wenn jemand es doch sähe. Mich erregte diese Vorstellung.

Doch niemand sah es. 

Nachtgesänge der Wale

Ich entdeckte die Geometrie der Stille. Ich sah Farne hoch wie Häuser, Baumstämme so mächtig und imposant wie die Säulen in Kathedralen, Würgefeigen im Umarmungsfuror. Schmetterlinge so fragil, dass es kaum zu fassen war, dass sie real waren.

Endlich saßen wir an der Strandpromenade von Whitianga auf der neuseeländischen Coromandel-Halbinsel und aßen uns durch das Angebot im Oyster House, angefangen bei einem Rothirsch-Carpaccio, bestäubt mit geröstetem Horopito (einem Kraut aus der Māori-Küche) und mysteriös-violetten Blüten. Der Snapper kam mit einer warmen Mango-Kawakawa-Salsa. Du sahst mir zu, während ich das erste Stück probierte, als würdest du mehr Geschmack von meinem Gaumen als von deinem Gaumen ziehen.
Crayfish von einer fast absurden Zartheit. Wir teilten uns einen Fruchtteller, garniert mit Limettenhonig. Du schobst mir ein Stück Mango in den Mund und gestattest dir ein Grinsen, das mich kichern ließ. Als der Wind auffrischte, legtest du mir deine Jacke um die Schultern und sagtest:
„Ich wünschte, ich könnte das konservieren. Dich, den Abend, diesen Geschmack von allem.“
Ich hielt die Bemerkung für verdeckte Fürsorge. Auf keinen Fall wolltest du besorgt rüberkommen. Ich entgegnete leise:
„Hast du doch. Ich trag das alles jetzt schon in mir.“
Und so war es. Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben. Am selben Tag in einem Wald zu wandern, dessen Pflanzenlinien bis in die Zeit Gondwanas zurückreichen, und später mit Blick aufs Meer fürstlich zu tafeln, erfüllte mich mit einer Dankbarkeit, die sich dir gegenüber beinahe wie eine Schuld anfühlte. Damals hielt ich dich für den Zauberer in meinem Leben. Das war auch ein Versäumnis mir selbst gegenüber. 

Ich muss das anders erzählen. Ich hätte das alles auch allein oder mit einem weniger eindrucksvollen Begleiter haben können. Doch brauchte ich dich, um den Dingen eine magische Dimension zu geben. Dabei übersah ich, dass die Magie vielmehr in mir lag als in dir. Ich war die Zauberin und du nur ein Mann im Zenit seiner Möglichkeiten.

Unser Hotel lag nahe der Uferstraße an der Mercury Bay. Dramatische Glasfront, funktional-minimalistisches Design. Die Tagesdecke mit den maritimen Motiven auf dem King-Size-Bett. Ich registrierte einen Hauch Mango. Vielleicht war es ein künstlicher Geruch. Mein Shirt klebte am Rücken. Ich legte deine Hand auf meine Brust. Unsere Münder fanden sich. Dein Knie zwischen meinen Schenkeln. Du zogst mir das Shirt über den Kopf … deine eigenwillige Melange aus Zärtlichkeit, Ironie und einer fast schon unverschämten Sinnlichkeit, die jede romantische Szene in Sekundenschnelle in etwas Körperliches verwandelte - stets so, als zwinkerte die Natur mir persönlich zu.

Erosion als eine Form der Wahrheit

Schließlich landeten wir in Guanajuato. Auch hier gab es Co-Working-Spaces in einer malerisch-verwinkelten Altstadt. Guanajuato war ein Freelancer-Geheimtipp. Influencer schwärmten von authentischem Kolonialambiente und verlässlichem Internet. 

Das „Mesón del Sol“ war überfüllt. Wir saßen an einem Tisch auf dem Trottoir vor der Tür in der Morgensonne. Du bestelltest für uns Café de Olla. Ich beobachtete, wie du die mesera mit deinem Charme zum Lächeln brachtest. Nach einem der Umgebung gewidmeten Moment legtest du das Mobile verkehrtherum auf den Tisch, ein Zeichen, dass du reden wolltest.
„Wir müssen bald wieder was anschieben“, sagtest du. „Drei Wochen die Seele baumeln lassen, ist fein. Aber jetzt brauchen wir einen Plan, der uns wieder eincheckt.“

Ich war in meinem Element. 

„Was hältst du von Interviews mit Naturschutzpark-Rangerinnen überall auf der Welt?“

Du:

„Das ist es.“

Ich liebte es. Du warst auch mein Lektor und mein Executive Producer. Und ich war deine erste Leserin, deine Komplizin, 24/7 startklar und einsatzbereit. Wir waren nicht nur ein Paar, wir waren ein System. Und dieses System war durchlässig für Lust, Ordnung, Intellekt, Ökonomie.

Du kanntest meine Träume, als hättest du sie selbst geträumt. Oh, du mein Magier, manchmal musste ich an mich halten, um die Kirche meiner Liebe im Dorf zu lassen. Einen als Wanderweg ausgeschilderten Abschnitt des Camino Real de Tierra Adentro in den Hügeln der Sierra de Santa Rosa beschritten wir zünftig in Wandershorts, fast im Partnerlook. Wir passierten eine Abbruchkante, auf einem schmalen, perfekt ausgeschilderten Band zwischen Himmel und Abgrund. Der Fels unter unseren Füßen, permischer Kalkstein, war 270 Millionen Jahre alt.

Der Camino Real (ein Paradebeispiel für koloniale Infrastruktur) folgte einem antiken Botenläuferpfad der Azteken und Purépecha. Die Porteadores transportierten Nachrichten und Waren barfuß über unfassbar weite Strecken. Vielleicht trugen zu ihrer Kondition auch psychoaktive Pilze (Teonanácatl) bei.

Der El Camino Real de Tierra Adentro entstand nach der Eroberung des Aztekenreichs, um den Silbertransport aus den Provinzen in die Hauptstadt zu beschleunigen. Unter Philipp II. (1556 - 1598) wurde das System perfektioniert: Ausbeutung, Logistik und staatliche Kontrolle griffen ineinander. Das 1535 gegründete Vizekönigreich Neuspanien lieferte dem iberischen Imperium seinen kostbarsten Rohstoff - Silber. Die Juan de Oñate-Expedition, die im letzten Jahr der Herrschaft Philipp II., 1598, von Zacatecas nach Norden in das heutige New Mexico vorstieß, verwandelte die Route endgültig in das koloniale Rückgrat.

Ich hatte genug gesehen in den Museen und auf den Schautafeln. Wie Konquistadoren das Land ‚entdeckt‘, wie sie es benannt, vermessen und aufgeteilt hatten. Ein Falke zog über uns Kreise. Am Corneta del Cielo unterbrachen wir unsere Wallfahrt. Seinen Namen verdankt der Aussichtspunkt der Felssilhouette, die wie ein erhabenes Signalhorn in den Himmel ragt. Wir erreichten den Mirador del Asombro, so benannt nach all den Oohs & Aahs, die er dem Publikum entlockt. Ich sah versteinerte Dünen, ursprüngliche Flusslandschaften, vorzeitliche Küstenlinien und Flusstäler. Erosion hatte ein Superpanorama erschaffen - Steilwände, schräge Flanken, auskragende Felsnasen. Die Grandiosität von mineralisiertem Strömungsrelief und Jahrmillionen alter Schrägschichtung. Das Spiel von Wind und Zeit. Am Mirador del Asombro öffnet sich ein Canyon nicht nur dem Blick, sondern auch dem Bewusstsein. Die Landschaft flüstert in Abstufungen von Rot, Ocker und Gold: Ich bin so alt wie nichts, was du je gesehen hast und doch steckt in mir mehr Leben als in deiner kurzen Weltreise. Wanderer berichteten im Internet von Momenten tiefer Rührung in der plötzlichen Konfrontation mit Weite und Tiefe, sowohl in geologischer als auch in emotionaler Hinsicht. Jede Bewegung entsprach einer Linie in einem unfassbar detaillierten Netz. Unsere Körper und unsere Stimmen verlängerten diese Linien, bestätigten und veränderten Richtungen.