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2026-08-31 20:13:24, Jamal

Die Pulvermühle in Chihuahua

Der Revolutionskaiser Iturbide glaubte an das Gottesgnadentum. Er verachtete das Volk und seine Helden gehörig. Die Revolutionäre erschienen Iturbide wie Kleindarsteller, die Regieanweisungen gehorchten. Dem politischen Ohnesorg Theater der Epoche verweigerte er den Applaus.

Naomi DeWitt begegnete mir zum ersten Mal in Lucie Mill‘s Café. Sie zählte zu den Prinzessinnen von Nacogdoches. Ihr stocherndes Interesse an dem deutschen Amerikanisten hatte eine narkotisierende Wirkung. Es löste ein erotisches Delirium aus. Aus einer kaum glimmenden Glut machte mein Verlangen ein Großfeuer. In meiner Phantasie verschaffte ich Naomi galaktische Beischlafsensationen. Sie lief mir nach, so besessen war sie von mir in meinem onanistischen Soliloquium. Sie wusste natürlich, wie scharf ich auf sie war. Manchmal berührte sie mich wie zufällig und erfreute sich an der pawlowschen Pünktlichkeit meiner Reaktionen. Ihr reizendes Wesen kulminierte in einem verlockenden Duft. Sie roch nach Opium von Yves Saint Laurent – Nelken, Myrrhe und Vanille – dem Duft der Dekade. Doch unter der teuren Schicht atmete ein animalischer Kode. Naomi ritt täglich. Ich behaupte jetzt nicht, dass ihr superber Stallmief anhaftete. Es war weniger Pferd als Sattel, was sich da aromatisch einmischte. Ihre häuslichen Verhältnisse entsprachen dem „Dallas“-Format.

Auf der Southfork Ranch erscheint alles überlebensgroß: die Häuser, die Autos, die Geldsummen und vor allem die Macht. Die TV-Serie „Dallas“ erzählt vom Leben der Familie Ewing, einer texanischen Ölmagnaten-Dynastie.   

Naomis Leibwäsche beschäftigte mich. Sie trug schon scanty panties. Das entsprach damals noch nicht der Lingerie-Haushaltsnorm. Vielleicht erstaunt es Sie, dass ich so gut informiert war, während wir uns doch nur aufs Schicklichste dem Genre des Tresenflirts widmeten.

Naomi behauptete eine Verwandtschaft mit dem Impresario Green DeWitt, der zu Stephen Fuller Austins Zeiten aktiv gewesen war.

Stephen Fuller Austin gründete in den 1820er Jahren US-amerikanische Siedlungen im mexikanischen Texas. Sein Engagement trug entscheidend dazu bei, dass Texas zunehmend unter anglo-amerikanischen Einfluss geriet.

Naomi irrte sich. Ich fand heraus, wie Naomi zu dem legendären Familiennamen gekommen war. Auf einem Dachboden entdeckte ich in einem Karton die Memoiren eines Mortimer DeWitt. Das waren zwölf maschinenschriftlich abgefasste Seiten, die als Kopie eines ursprünglich handschriftlichen Konvoluts ausgewiesen wurden. Ein ordentlicher Mensch namens Fenimore Byrd hatte die Deklaration angebracht, zur Untermauerung der eigenen Glaubwürdigkeit. Byrd wollte seine Abschrift als treuhänderische Leistung verstanden wissen.

Dieser Mortimer DeWitt war auch als Mortimer Slash und Pedro Aventura in Erscheinung getreten. In alten Aufzeichnungen findet man neben der englischen Form oft die spanische Übersetzung eines Namens. Peter Brown alias Pedro Moreno. Leicht konnte es passieren, dass einer, der als Peter Braun in die gewiss kurze Geburtsliste von Fort Tallahatchie, Mississippi, eingetragen worden war, zwanzig Jahre später als Pedro Moreno in Veracruz beerdigt wurde.

Fort Tallahatchie war ein arkadischer Stützpunkt im Nirgendwo, der im 19. Jahrhundert aufgegeben wurde. Er stand da, wo der Tallahatchie mit dem Yalobusha zum Yazoo River wird.

In einer Welt ohne Pensionsansprüche und Krankenkassen war es äußerst wichtig, auf eine Goldader zu stoßen, egal wie gefährlich die Anfahrt war. Wer schon etwas hatte, hielt daran eisern fest. Immer wieder stellte ich mir die Frage, mit welcher Motivation angloamerikanische Siedler sich im Apachenland von Spanish Texas festsetzten. Ob die Schönheit der Landschaften eine Rolle spielte? Die Natur gehört zum Unterhaltungsprogramm der Menschheit. Ein Jäger fühlt sich nirgendwo wohler als in der Savanne und in lichten Wäldern.

Pedro Aventura erschien seinen Zeitgenossen eben auch als Mortimer DeWitt begegnen. In seiner Autobiografie behauptet er, als Mustanger im Tross von Bull Callhoun 1803 nach Texas gekommen zu sein.

Mortimers Selbstdarstellung präsentiert einen Desperado im Tejano Stil. Zugleich betont Mortimer, keinen ‚Farbfehler‘ zu haben. Er bezeichnet sich als Vorarbeiter und Vertrauensmann von Bull Callhoun. Im August 1805 schickt ihn der Boss mit vier Männern und zweihundert Pferden zu einem Termin auf dem Neutral Strip zwischen Spanisch Texas und Louisiana. Kurz vor der entmilitarisierten Zone stoppt eine spanisch-mexikanische Streife die Tejano Bande. Es folgt ein Schusswechsel, die Sache scheint rasch entschieden. Mortimer hat zwei Männer verloren, aber immer noch die Kontrolle über die Herde, als ein Schwung mexikanischer Dragoner ihre in die Flucht geschlagenen Kollegen zu einer Kehrtwendung ermutigen und die Mustanger überwältigen. Mortimer wird in Ketten gelegt und dreißig Tage auf einem Kasernenhof liegengelassen. Man wendet lediglich den Tod ab. So geschwächt, dass ihn nichts mehr interessiert, gelangt Mortimer auf einer Ladefläche nach Chihuahua, wo er sich frei bewegen kann.

Der Bischofssitz Chihuahua liegt in einer Wüste, an Flucht ist nicht zu denken. Mortimer interpretiert seinen Aufenthalt als Verbannung. Er beginnt zu schreiben. Zugleich bemüht er sich um eine geldwerte Beschäftigung. Er baut eine Pulvermühle und gibt den Rausschmeißer in einer Cantina, in der sich wie von Quentin Tarantino in Szene gesetzte Ereignisse zutragen. Nach sieben Jahren halbwegs ungezwungener Lebensführung befiehlt ihm der Ortskommandant, sich freiwillig den Royalisten im Kampf gegen José María Morelos y Pavón anzuschließen. Mortimer gehorcht zum Schein, desertiert bei erster Gelegenheit, läuft über und betreibt erfolgreich Morelos‘ Flucht aus Acapulco.

Mortimer avanciert bis zu einem Vertrauten des Revolutionsführers. Morelos schickt ihn in die Vereinigten Staaten, um da für die gute Sache zu werben. Die US-Amerikaner gebieten gerade um letzten Mal den Briten Einhalt. Mortimer hilft in der Schlacht von New Orleans. Unterstützer für die mexikanische Revolution gewinnt er nicht. Stattdessen ergibt sich eine Hochzeit, der Bräutigam erscheint als Mortimer DeWitt. Wie er zu dem Namen gekommen ist, bleibt sein Geheimnis. Magdalena Angelina Petra DeWitt begleitet ihren Mann 1815 nach Mexiko, wo der gescheiterte Emissär vom Tod seines Gönners erfährt. Mortimer entzieht sich weiteren Revolutionsverpflichtungen nach Abgabe eines hohen Betrags an Morelos Sohn Juan Almonte. Mit erschlaffter Leidenschaft und doch nicht untätig erwartet er das Ende des Unabhängigkeitskrieges in Nacogdoches. Er siedelt an der alten San Antonio Road in der Nachbarschaft des Going-Callhoun-Kartells, das inzwischen jederzeit dreihundert Männer mobilisiert.  

Das erzählte ich Naomi: „Du bist eine DeWitt der Mortimer Linie. Deine Leute waren schon in Nacogdoches, als Green DeWitt noch gar nicht wusste, wo Nacogdoches liegt.“