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2026-09-01 09:43:48, Jamal

Genealogischer Schatten

1822 reiste Mortimer DeWitt von Nacogdoches nach Mexico-Stadt, um Kapital aus seiner Rolle als Revolutionsheld und Colonel der mexikanischen Befreiungsarmee zu schlagen. Man empfing ihn schlecht. Es gab unter Gringos Unterstützer des mexikanischen Unabhängigkeitskampfes (1811 – 1821) mit größeren Verdiensten. Mortimer wurde in Vorzimmern der Macht abgespeist, während Agustín Cosme Damián de Iturbide y Arámburu (1783 – 1824) sich auf dem Kaiserthron langweilte. Seit dem Azteken Cuauhtemóc (1496 – 1525) war kein Mexikaner mehr so mächtig gewesen. Die Abergläubischen verliehen Iturbide den antiken Herrschertitel Tlatoani. Iturbide hatte lange gegen die Aufständischen gekämpft. Erst kurz vor Toresschluss war er ein Bündnis mit dem Rebellenführer Vicente Guerrero eingegangen und gleich bis an die Staatsspitze spaziert. Iturbide hatte dem letzten spanischen Vizekönig Juan O’Donojú den Vertrag von Córdoba vorgelegt.

1821 legte Agustín de Iturbide dem spanischen Vizekönig Juan O’Donojú den Vertrag von Córdoba vor. Darin wurde die Unabhängigkeit Mexikos von Spanien vereinbart. Mexiko sollte eine Monarchie werden und die katholische Religion behalten. O’Donojú unterschrieb den Vertrag, obwohl Spanien ihn später nicht anerkannte.

Der Revolutionskaiser Iturbide glaubte an das Gottesgnadentum. Er verachtete das Volk und seine Helden gehörig. Die Revolutionäre erschienen Iturbide wie Kleindarsteller, die Regieanweisungen gehorchten. Dem politischen Ohnesorg Theater der Epoche verweigerte er den Applaus.

Iturbide verkürzte sich die Zeit der Herrschaft mit der Niederschrift einer Abhandlung über die ethische Bedeutung des Schmerzes. Die Bittsteller im Foyer ließ er schmoren. Vergeblich verlangte Mortimer, vorgelassen zu werden. Ein Bürohengst verwehrte ihm die Restitution seines Besitzes in Chihuahua, wo Mortimer in siebenjähriger Verbannung eine Pulvermühle gebaut hatte. Immerhin erlaubte der Vorzimmerfürst ihm, als Agent der Cherokee fürderhin in einem amtlichen Rahmen aufzutreten. Es gab Immigrationskonflikte zwischen Völkern der Ersten Nation. Die Cherokee erwarteten Unterstützung bei ihren Bemühungen, indigene Einwanderer einzuschränken und zurückzudrängen.

Mortimers Frau Magdalena Angelina Petra und die Töchter empfingen einen niedergeschlagenen Patriarchen. Mortimer graute vor der weiblichen Übermacht im Haus. Ihm fehlte ein Erbe. Er hatte sich aus kleinen Anfängen zum Hacendado aufgeschwungen und einen Sohn verdient. Er gab Magdalena die Schuld an seiner Lage. Auch seine Frau suchte den Grund für die Misere bei sich. Vielleicht hatte sie nicht genug Leidenschaft in ihre Gebete gelegt oder sich sonst wie versündigt. Indianischer Voodoo konnte gegen sie wirken – oder ein mexikanischer Fluch. Sie war nicht als Jungfrau in die Ehe gegangen und hatte den Makel mit Hilfe einer Hexe geschickt zu verbergen gewusst.

Als ich 1984/85 in Nacogdoches Dokumente der Revolutionszeit sichtete, gab es nicht wenige, die wussten, dass Green DeWitt, der zu Stephen Fuller Austins Zeiten in Texas angloamerikanische Kolonisten nach einem Plan der mexikanischen Regierung angesiedelt hatte, ohne Nachkommen geblieben war, die seinen kolonialen Anspruch hätten weitertragen können. Zwar hatte er Kinder, darunter zwei Söhne – Christopher Columbus und Clinton Edward – aber sie konnten keine Ansprüche aus der Landagententätigkeit ihres Vaters geltend machen. Es war ein somnambules Nebeneinander von Wissen und Vergessen – eine kollektive Amnesie. Einschlägige Informationen waren zu jeder Zeit verfügbar, wurden jedoch nicht berücksichtigt. Niemand fälschte die Geschichte. Es genügte, dass kein Mensch die verschiedenen Teile zur selben Zeit zusammenfügte. Jene DeWitts, die von Mortimer abstammten, betrachteten sich im Einklang mit der öffentlichen Meinung als genetische Erben des Impresarios. Ihr Name war Beweis genug. Dabei hatte ihr Stammvater erst 1822 begonnen, sich DeWitt zu nennen. So wandelte sich eine Namensgleichheit in eine Abstammungsgeschichte. Aus der Koinzidenz wurde eine Überlieferung, aus der Überlieferung ein dynastischer Fundus. 

Zu den Fakten – Das materielle Erbe von Green DeWitt war bei seinem Tod im Jahr 1835 – er starb an der Cholera und wurde in einem namenlosen Grab beigesetzt – ein Desaster. Er hinterließ astronomisch hohe Schulden. Obwohl er als Empresario, um das landestypische Wort zu verwenden, Ländereien in der Größenordnung europäisch-kleinstaatlicher Monarchien verwaltet hatte, war sein Kolonisationsprojekt finanziell ein Reinfall gewesen. Dass trotzdem noch etwas blieb, verdankte sich seiner Frau Sara Seely DeWitt. Trickreich entzog sie Vermögen dem Zugriff der Gläubiger. Sara rettete die Familie vor der totalen Enteignung mit einem juristischen Schachzug.

Der Seely-Land-Grant von 1831

Da absehbar war, dass Green DeWitt bankrottgehen würde, nutzte Sara ein mexikanisches Recht, das verheirateten Frauen das Recht auf eigenständigen Grundbesitz einräumte. Sie beantragte unter ihrem Geburtsnamen Seely ein eigenes Landrecht über 4.428 Acres (ca. 1.792 Hektar) im heutigen Gonzales County.  Was die Familie bis ins 20. Jahrhundert hinein bewirtschaftete, stammte also nicht aus dem Nachlass des Gründervaters. Im Texas-Mythos zählte nur der Name des großen Mannes.

Ich war ein Verehrer von Naomi DeWitt. Sie hielt sich für eine Urenkelin von Green DeWitt. Ich kannte ihre Herkunftsgeschichte besser als sie, behielt mein Wissen aber für mich. Ich konsultierte ihren Vater, einen Anwalt und Rancher, der sich so prunkvoll wie überzeugend als Erben des Impresarios aufspielte. Souverän auf eine monströse Weise trat er aus dem genealogischen Schatten eines angemaßten Ahnen und präsentierte sich als Lordsiegelverwalter der texanischen Gründungsmythosinsignien.

Sein wahrer Ahnherr hatte sich in der Nachbarschaft von John Wayne Going Junior und dessen Mutter Janis Lucrezia etabliert. (Ich erzähle die Going-Geschichte gelegentlich ausführlich.) Als Witwe von zwei Pionieren managte Janis Lucrezia neben der Going’schen Landwirtschaft auch den Besitz ihres zweiten, 1812 verstorbenen Mannes rund um Fort Callhoun. Auf ihrem Land boten Langhornrinder einen ungewohnten Anblick. Die neue Rasse war ein Zufallsprodukt. Gehütet wurden die Rinder von den Söhnen jener Mustanger, die mit Bull Callhoun nach Texas gekommen waren. Die Prärie vor den Stalltoren erachteten sie als angestammten Grund ihres Patrons. Auf beiden Seiten der Herrschaft griffen Familien dynastisch um sich.

Ich will Sie nicht verwirren und beschränkte mich deshalb zunächst auf Mortimers krummen Lebenslauf. Er paktierte mit Manuel Lorenzo Justiniano de Zavala y Sáenz (1788 – 1836). Zavala hatte in den Revolutionsjahren vier Jahre Knast abgerissen, danach eine Zeitung aufgezogen und politische Macht erlangt. Er avancierte zum mexikanischen Staatsmann, bevor er mit texanischen Separatisten kungelte. 1836 wurde er in den ersten Kongress der Republik Texas gerufen und war stellvertretender Präsident, als erster und einziger Tejano ever.

Mortimer organisierte die Konzentration indigener Völker am Sabine River mit Zavalas’ Unterstützung. Der Indi...beauftragte Mortimer zeugte außer Haus drei Kinder mit der Tochter einer Reservatpersönlichkeit. In der Fredonia Rebellion von 1826 (dem dritten Gründungsversuch einer Republik Texas) sollten sich seine Cherokee neutral verhalten. Nicht alle gehorchten Mortimer. Die Lage spitzte sich in Nacogdoches und Umgebung zu. Das texanische Sezessionsbegehren fand überall Anklang und Widerhall. Nun fiel auf, dass Mortimer mexikanischer Offizier war. Er versuchte auf zwei Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. 1829 übernahmen Kolonisten den mexikanischen Posten Fort Terán in Tyler County. Drei Hauptwege liefen da hart an der US-Grenze zusammen: u.a. die Nacogdoches Road. Bei der mexikanischen Rückeroberung trafen sich Mortimer und John Wayne Going Junior zum ersten Mal in gegnerischen Mannschaften.

Nun wussten die Rancher, woran sie miteinander waren.

Mortimer übernahm erst das Kommando in Fort Terán und dann in Fort Nacogdoches, wo ihn texanische Rebellen schließlich aus dem Nest schüttelten. Er blieb trotzdem Hauptkommandant von Nacogdoches und Militärchef von Ost-Texas. Vor der Schlacht von Nacogdoches reiste er ab. Als die Texas Revolution 1835 feurig wurde, stellte sich Mortimer selbst unter Arrest. Danach gab es ihn nur noch als Privatmann. Er blieb, was er war unter veränderten politischen Vorzeichen … ein gieriger, oft hart angegangener Nachbar von John Wayne Going Junior und Rutherford Callhoun. Seine Frau starb an einer elegischen Wendung des Angelina River. An ihre Stelle trat eine aus Ohio Zugezogene und gebar dem alten Mortimer noch zwei Söhne, deren Zeugungstätigkeit den von ihrem Vater lediglich angenommenen Namen in Nacogdoches im Verbreitungsweg legitimierte.