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2026-09-07 14:14:43, Jamal

Turning Danger into Performance – Texas-Expressionismus

1993 – Mein Vater, den alle und so auch seine Töchter mit Sir anzusprechen hatten, investierte in Land und Öl. Ich habe meinen Vater um die Ecke gebracht und ihn begraben, meine Schwestern ausbezahlt und das Klan-Kapital diversifiziert. Seit ein paar Jahren trete ich als Sammlerin und Mäzenin auf, um über ein Konsortium Kunst zu kaufen. Es ist das perfekte Gewebe, um Dollarmillionen in europäischen Werten anzulegen.   

Kunst übersteht jeden Krieg.

Der Frankfurter Hof empfing mich einmal wieder mit dem konservativen Luxus der alten Welt. Ich registrierte den Kontrast zur hypertrophierten Prahlerei Houstons. Aber Europa täuschte sich, wenn es glaubte, dass seine Tradition es vor den Raubtieren des 20. Jahrhunderts schützen konnte. Die Zwillingstürme der Deutschen Bank schnitten in einen grauen Himmel.  

Später langweilte ich mich im holzgetäfelten Büro eines Kurators des 1822-Forums. Auf dem massiven Eichentisch lagen die Prospekte für die Art Frankfurt. Wir sprachen über das Geschäft, während meine Sehnsucht mich dir auf den Schoss setzte. In einer Phantasie besorgtest du es mir in deiner unnachahmlichen Manier, einem Mix aus intelligenter Unverschämtheit, unvollkommen Manieren, unverlässlicher Zärtlichkeit und der erlernten Moderation deines unbezwingbaren Willens zur Dominanz. Mit dir brauchte ich wenig, um zu kommen. Alles an dir war so sexy.

„Eine kluge Entscheidung, Mrs. Saltus“, säuselte der Kurator.

Saltus, mein heroischer Gatte, war tot, gefallen in der irakischen Wüste und begraben unter den Eichen von Nacogdoches, ein perfekter Kriegsheld für die Ewigkeit. Ich halluzinierte eine ausgebrannten Scud-Stellung im Sand, lächelte dünn und unterschrieb mit einem Montblanc Solitaire, einem Füller mit Platinkorpus und Diamantbesatz. Saltus hatte ihn mir geschenkt. Der Armleuchter auf der anderen Tischseite nahm mich nicht für voll. Ich hakte ihn ab und wollte nur noch zu dir.  

Man hatte mir erklärt, Saltus' Leichnam gehöre nach Arlington auf den Nationalfriedhof zu den anderen Nationalhelden. Mein Punkt war nicht die sterile Friedhofssymmetrie. Obwohl ich das manchmal behauptete. Ich ging in meiner Witwenrolle auf. Ich frage mich, ob dass das größte Geheimnis eines erwachsenen Lebens ist: niemals aus seiner Rolle zu fallen. Spiel dein Spiel so gut du kannst – war es nicht das, was der Sir uns eingebläut hatte, und mir besonders. Ich war die beste Reiterin unter seinen Töchtern. Er dressierte mich wie seine Pferde. Ständig musste ich trainieren, sogar auf dem Beifahrersitz war mir die Haltung vorgeschrieben, wenn wir zu zweit unterwegs waren. Vibrierende Flanken, geblähte Nüstern – Ich liebte unsere Zwiesprache. Lange war es das Intimste, was ich mir vorstellen konnte: mit Sir entre nous. Ich war seine legitimste Erbin, das Prachtexemplar neben lauter Dutzendgeschöpfen.

Mein Punkt war die Macht, die mir das Gesetz gab. Ich durfte entscheiden, wo Saltus, dem ich nie gerecht werden konnte, unter die Erde kommen würde. Ich entschied mich für Oak Grove Cemetery, weil da meine Vorfahren lagen. In den Augen der interessierten Öffentlichkeit waren sie Nachkommen eines Mannes, der zu den texanischen Gründervätern gezählt wurde – Green DeWitt. In Wahrheit stammte ich von einem Tejano-Desperado ab, der vermutlich Pete Brown hieß und sich im spanischsprachigen Amerika erst Petro Mareno und dann Mortimer DeWitt nannte. Vielleicht gefiel ihm der Klang, oder er fand, dass der Name etwas hermachte. Wie auch immer, der historisch relevante DeWitt stand damals noch gar nicht auf der texanischen Bühne.   

Nichts in diesem Staat ist älter als Nacogdoches, und unser Friedhof entspricht der christlichen Überformung einer ursprünglicheren Kultstätte. Das hast du mir erzählt. Es war eine Recherchefrucht – eine Tiefenbohrung. Die Bürger von Nacoddoches überboten sich in ihrer Genügsamkeit, soweit es die nicht-heroische Landesgeschichte betraf. Ich dachte an Sex-Stunts in unserer Jugendblüte, an einen Quickie-Marathon im Herbst 1984, an dem ich drei Liebhaber beteiligte und du stets in der Nähe der aktuellen Ejakulation warst, ohne vom Geilheitskuchen mehr als ein paar Krümel abzukriegen. Am Ende durftest du es dir in deiner morastigen Absteige selbst machen. Du lagst an meiner Leine, Jarek-Babe und dein Leiden an meiner Grausamkeit übertraf das Leiden der Straßenköter.

Energisch kürzte ich das Vertragsprocedere ab. Eine Stunde später standst du neben mir in einer Messehalle auf der Art Frankfurt. Es roch nach frischer Farbe. Und da hing es – Die Pulvermühle von Chihuahua.

Das Triptychon hatte eine gewalttätige Wucht. Texas-Expressionismus vom Feinsten. Jackson Pollock meets El Greco. Eine geniale Unverschämtheit. Blutrote und aschegraue Pinselstriche …  Mich packte das nackte Entsetzen. Kein Zweifel, ich musste nicht erst die Bildlegende lesen, um zu wissen, wer das gemalt hatte. Leland. Joe Crobbet Leland war der Schöpfer des Triptychons.  

Die Pulvermühle von Chihuahua – Zur Erinnerung

Naomis Ahnherr, Mortimer DeWitt aka …, bezeichnet sich als Vorarbeiter und Vertrauensmann von Bull Calhoun. Im August 1805 schickt ihn sein Boss mit vier Vaqueros und zweihundert Pferden zu einem Termin auf den Neutral Strip zwischen Spanish Texas und Louisiana. Kurz vor der entmilitarisierten Zone stoppt eine spanisch-mexikanische Streife die Tejano-Bande. Es folgt ein Schusswechsel, die Sache scheint rasch entschieden. Mortimer hat zwei Männer verloren, aber immer noch die Kontrolle über die Herde, als ein Schwung mexikanischer Dragoner ihre in die Flucht geschlagenen Kollegen zu einer Kehrtwendung ermutigen und die Mustanger überwältigen. Mortimer wird in Ketten gelegt und dreißig Tage auf einem Kasernenhof liegengelassen. Man wendet lediglich den Tod ab. So geschwächt, dass ihn nichts mehr interessiert, gelangt Mortimer auf einer Ladefläche nach Chihuahua, wo er sich frei bewegen kann.

Der Bischofssitz Chihuahua liegt in einer Wüste, an Flucht ist nicht zu denken. Mortimer interpretiert seinen Aufenthalt als Verbannung. Er beginnt zu schreiben. Zugleich bemüht er sich um eine geldwerte Beschäftigung. Er baut eine Pulvermühle und gibt den Rausschmeißer in einer Cantina, in der sich wie von Quentin Tarantino in Szene gesetzte Ereignisse zutragen.

Es war ein höhnischer Gruß und vielleicht auch eine Drohung. Offensichtlich war Leland hinter mein schmutziges Familiengeheimnis gekommen. Du warst der erste gewesen, der mir klargemacht hatte, wie dünn das Eis war, über das meine Lebenslüge schlitterte, während meine Leute eine Verwandtschaft mit dem Impresario Green DeWitt behaupteten, der zu Stephen Fuller Austins Zeiten aktiv gewesen war.

Stephen Fuller Austin gründete in den 1820er Jahren US-amerikanische Siedlungen im mexikanischen Texas. Sein Engagement trug entscheidend dazu bei, dass Texas zunehmend unter anglo-amerikanischen Einfluss geriet.

Jarek spricht

Ich fand heraus, wie Naomi zu dem legendären Familiennamen gekommen war. Auf einem Dachboden entdeckte ich in einem Karton die Memoiren eines Mortimer DeWitt. Das waren zwölf maschinenschriftlich abgefasste Seiten, die als Kopie eines ursprünglich handschriftlichen Konvoluts ausgewiesen wurden. Ein ordentlicher Mensch namens Fenimore Byrd hatte die Deklaration angebracht, zur Untermauerung der eigenen Glaubwürdigkeit. Byrd wollte seine Abschrift als treuhänderische Leistung verstanden wissen.

Dieser Mortimer DeWitt war auch als Mortimer Slash und Pedro Aventura in Erscheinung getreten. In alten Aufzeichnungen findet man neben der englischen Form oft die spanische Übersetzung eines Namens. Peter Brown alias Pedro Moreno. Leicht konnte es passieren, dass einer, der als Peter Braun in die gewiss kurze Geburtsliste von Fort Tallahatchie, Mississippi, eingetragen worden war, zwanzig Jahre später als Pedro Moreno in Veracruz beerdigt wurde.

*

Damals lief ich an der Faszinationsleine. Für mich war das keine Degradierung. Ich war Naomis Zeuge, ihr Vertrauter. Sie wusste doch, dass ich sie in meiner Phantasie verspeiste, und sie feuerte mich an, ihr gedanklich intensiv beizuwohnen. Mein Gott, „nur“ ist das am meisten deplatzierte Wort in diesem Kosmos. Da war keine vergebliche Liebesmühe. Das war ein seismischer Bruch im Leben eines Fünfundzwanzigjährigen, der viel zu lange die graue Trostlosigkeit einer nordhessischen Plattenbausiedlung für das Normalste von der Welt gehalten hatte. Naomi existierte in Dallas-Dimensionen. Sie war (m)eine Prinzessin.   

Neun Jahre heiße Luft

Als ich 1985 nach Deutschland zurückkehrte, war ich wie ausgeschaltet und fiebrig zugleich. Schlafwandlerisch rutschte ich in lukrative Positionen. Aber das war ein Dreck gegen Naomis Aufstieg. Sie erzielte Statusgewinnen, die für 99 Prozent der Menschheit unerreichbar waren. Sie bewegte sich fast senkrecht auf einer vertikalen Achse. Sie heiratete den Westpoint-Elite-Soldatenschnösel Saltus, wurde Mutter, liquidierte den Sir mit sagenhafter Kaltblütigkeit, erbte erst DeWitt- und später Saltus-Millionen und etablierte sich auf dem Hochplateau des unantastbaren Texasadels.     

Neun Jahre lang war ich ein Geist, der auf den Korridoren der deutschen Kultur spukte. Ich funktionierte perfekt. Ich publizierte journalistisch und akademisch und bediente bald das anspruchsvollste Feuilleton. Das sah nach Bewegung und Ehrgeiz aus. In Wahrheit war ich ein Schlafwandler im Tagtraum.

Ich suchte Naomi in jeder Frau. Ich suchte ihre üppige Schamlosigkeit, die sexuelle Entschlossenheit einer Frau, der sich nur eine Frage stellte. Naomi hatte die Herrschaftsperspektive des Mannes übernommen, dem sich ihre Formung verdankte. Sie schwankte indes. War sie die Dompteurin oder …?