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2026-09-29 13:28:37, Jamal

Turning Danger into Performance – Magisches Interregnum

Es ist ein bitteres Paradoxon der amerikanischen Geschichte. Das Ende des Sezessionskrieges und die Befreiung der Sklaven 1865 bedeuteten für die haitianisch-kreolische Elite in New Orleans den sozialen und rechtlichen Ruin. Mit dem Zusammenbruch des alten Drei-Klassen-Systems fror die Rassen-Binarität der USA endgültig ein. Für die Gesetzgeber der Jim-Crow-Law-Ära gab es keine Nuancen mehr, keine akademische Bildung, keinen aristokratischen Sklavenbesitz und keine stolzen Uniformen der Morenos Libres. Wer auch nur einen schwarzen Vorfahren hatte, wurde in die Kategorie „Negro“ gepresst und pauschal entrechtet. Das fast magisches Interregnum einer semi-klandestinen Hochkultur wurde über Nacht in der Segregation segmentiert.

Hingen Grand Slam Coogan, Bull Calhoun und Gaspard Destréhan, der sich schon Charles S. Sterling nannte, im März 1803 vor einer Koppel westlich von Nacogdoches ab, so verkörperten die Mustanger mental das Delta und sozial dessen verdichtete Unterschiedlichkeit. Zwei kaum alphabetisierte Belfaster Iro-Schotten, die sich in ihrer ersten Heimat nie begegnet waren, ritten ahnungslos mit dem polyglott gebildeten afro-kreolischen Spross einer französischen Plantagenbaronie, die unter spanischer Herrschaft zu ihren fürstlichen Privilegien gekommen war. Destréhan war beinah so weiß wie die Frontiers, mit denen er sich auf Gedeih und Verderb eingelassen hatte. Die Differenz fiel nicht ins Gewicht, wenn es einem denn egal war. Ein in der Lohnsklaverei verdammter Ire war auch schwarz. Armut machte dich schwarz. Dein Habitus machte dich schwarz. Sterling besaß ein ganz und gar weißes Selbstbewusstsein.   

Wenn die Plantagenbesitzer im Delta Infrastrukturprojekte in den mörderischen, von Gelbfieber und Cholera verseuchten Zypressensümpfen durchpeitschten, schonten sie oft ihre Sklaven. Ein versklavter Mensch war eine Investition, ein Sachwert von über tausend Dollar. Ein irischer Einwanderer hingegen – gerade erst vom Coffin Ship (Sarg-Schiff) gestiegen, ausgehungert und mittellos – war austauschbar. Wenn ein Ire im Schlamm krepierte, kostete das den Patron keinen Cent. Es stand schon der nächste am Kai. Beim Bau des New Basin Canal in New Orleans (1832–1838) starben auf diese Weise zwischen 8.000 und 30.000 Iren. Sie wurden oft direkt im Fundament oder im Deich verscharrt.

Man nannte sie „White Negroes“ oder „Smoked Irish“. Als die New Orleans Canal and Banking Company in den 1830er Jahren den Schifffahrtskanal durch die fiebernden Sümpfe hinter der Stadt grub, trieb kein Pflanzer seine Sklaven in das bodenlose Grauen. Sklaven waren Kapital. Ein Feldarbeiter repräsentierte einen Vermögenswert, den man nicht leichtfertig dem Miasma, der Malaria und der Cholera überließ. Für das Sterben im Schlamm gab es die Iren. Ein Dollar am Tag. Das war der Preis für ein Leben in der weißen Lohnsklaverei. Die Schiffe spuckten die Habenichtse aus Belfast und Cork an den Kaimauern aus. Sie bekamen eine Schaufel, eine Schubkarre und eine Holzhütte, die im stehenden Wasser verrottete. Wenn das Gelbfieber – das sie hier zynisch „Stranger’s Disease“ nannten, das Fieber der Fremden – durch die Baracken raste, zählte niemand die Toten. Hunderttausende irische Knochen liegen noch heute unter dem Asphalt des ausgehobenen Kanals. Man warf sie einfach in den feuchten Aushub der Deiche, kalkte die Gruben und holte die nächste Ladung vom Hafen. Sie starben billiger als die Sklaven, aber sie schufteten im selben Rhythmus. Ihre Armut hatte sie pigmentiert; ihr Habitus, ihr Analphabetismus und der nackte Überlebenskampf drückten sie auf dieselbe Stufe der Existenz. Erst als das System ab 1865 die Rassen-Binarität in juristischen Beton goss, durften die Überlebenden dieser Hölle ihre Hautfarbe als Privileg begreifen. Sie tauschten ihr irisches Grün gegen das amerikanische Weiß und halfen fortan als knallharte Gesetzeshüter (ein Ire weicht nicht zurück) mit, die Rassenbarrieren hochzuziehen, nur um nicht selbst wieder im Schlamm deklassiert zu werden. Gaspard Destréhan hatte das begriffen. Wer im Delta überlebte, war Sklave oder Henker. 

Hat ein System erst einmal gelernt, dass der Wert eines Menschenlebens rein buchhalterisch ermittelt wird, dann verschwindet dieses Denken nicht einfach. Es mutiert. Es wird zu dieser hyper-kompetitiven Leistungshypertrophie, in der Erschöpfung als Tugend gilt und der Kollaps als persönliches Versagen verbucht wird. Um diesen brutalen, nackten Materialismus vor sich selbst zu rechtfertigen, brauchte und braucht Amerika den religiösen Furor. Wenn Gott den Reichen segnet und die Armut eine Sünde ist (die protestantische Arbeitsethik in ihrer extremsten, pervertierten Form), dann ist der Sumpf für die Iren und die Kette für die Schwarzen kein Unrecht, sondern göttliche Fügung. Religiöser Irrsinn dient als moralisches Narkosemittel.

Wie aus Destréhan Sterling wurde

Es war einfach gewesen, eine Namensänderung von Gaspard Destréhan zu Charles S. Sterling wasserdicht zu machen. Nach einem ungeschriebenen Gesetz des Wilden Westens funktionierte die Grenze wie eine Waschmaschine für Identitäten. Destréhan war ein ur-französischer, aristokratischer Name in Louisiana. Im angelsächsischen Texas von Austin und Nacogdoches klang das für Rancher und Methodisten katholisch-kreolisch. Sterling stand für echt. Ein Mann, der sich selbst neu erfand, um für unantastbar zu gelten, wählte einen Namen mit Garantiecharakter, siehe Sterling-Silber. In den 1830er bis 1850er Jahren gab es in Texas keine zentrale Meldebehörde, die Geburtsurkunden aus New Orleans überprüfte. Wer mit Geld, Pferden und einem festen Händedruck in eine neue Grenzstadt ritt, war wer immer er vorgab zu sein. Ein neuer Name war der Routine-Move für Männer, die ihre Vergangenheit abstreifen wollten oder mussten. Ich begriff das Meisterstück von Gaspard Destréhan aka Charles S. Sterling. Gaspard war ein Genie der Weitsicht gewesen. Während die kreolische Verwandtschaft in New Orleans anno 1865 in eine Kellerkohorte der Miserablen eingegliedert wurde, saß Gaspards Sohn bereits als weißer Richter Charles S. Sterling Jr. im Kapitol von Texas und unterzeichnete segregierende Gesetze. Gaspard schlug das System, indem er seine Nachkommen zu Henkern des Systems machte. So blieb er in der Spur seiner Sklaven haltenden Vorfahren.

Der weiße Geschichtsteppich, der in Nacogdoches wie ein Gebetsteppich auslag, war in Wahrheit ein Leichentuch. Ich wusste so viel, was jeder andere auch hätte wissen können. Vielleicht gab es so etwas wie eine heilige Scheu davor, an den Dingen zu rühren. Das Delta schmeckte ich auch in dem von Cissy Sterling auf einer texanischen Veranda kredenzten, übersüßten Eistee. Es musste bei diesen kreolischen und schwarzen Eliten, etwa in der am Mississippi heimisch gewordenen haitianischen Akademiker-Diaspora, ein magisches Interregnum gegeben haben.

Zur Erklärung

Als die Gewalt auf Saint-Domingue (Haiti) in den 1790er Jahren eskalierte, flohen zehntausende weiße Plantagenbesitzer, freie Schwarze und ihre Sklaven auf die nahegelegene, damals spanisch kolonisierte Insel Kuba. Da bauten sie sich über fast 15 Jahre hinweg neue Existenzen auf, pflanzten Kaffee und Zuckerrohr an. 1808 marschierte Napoleon in Spanien ein und setzte seinen Bruder Joseph Bonaparte auf den Thron. Das löste in den spanischen Kolonien – also auch in Kuba – eine gewaltige Welle von antifranzösischem Hass aus. Die spanischen Behörden und die kubanische Bevölkerung sahen in den französischsprachigen Saint-Domingue-Flüchtlingen plötzlich Feinde. 1809 erließ Kuba ein Dekret, das vorschrieb, dass lle französischen Staatsbürger die Insel umgehend verlassen mussten. Fast 10.000 Menschen segelten nach New Orleans. Für sie war das eine frankophone und katholisch geprägte Metropole.

William C. C. Claiborne wurde 1803 – nach dem Louisiana Purchase – der erste US-Gouverneur des Territoriums. In seiner Ära lebten allein in New Orleans Tausende freier Menschen afrikanischer Herkunft. Die neue Regierung übernahm zunächst auch ihre Miliztradition. 1806 erließ die Territorialregierung Beschränkungen gegen freie Schwarze, insbesondere gegen Zuwanderer. 1812 verloren freie Schwarze das Wahlrecht. Sie mussten Pässe mitführen und unterlagen Ausgangsbeschränkungen. In den 1830er Jahren wurde die Gesetzgebung noch repressiver. Die Auflösung der Miliz erfolgte 1834. Ab 1857 gab es praktisch keine Möglichkeit einer rechtlichen Freilassung von Sklaven mehr.

Die Gens de couleur libre stellten 1830 ein Viertel der städtischen Bevölkerung. Einige besaßen beträchtliche Vermögen. Tycoon Thomy Lafon finanzierte Schulen und Krankenhäuser. Der Arzt Louis Charles Roudanez gründete 1864 La Tribune de la Nouvelle-Orléans, die erste afroamerikanische Tageszeitung der USA. 1865 verschwanden juristische Unterscheidungen zwischen freien PoC und ehemaligen Sklaven. Die Gens de couleur libre-Elite ging rechtlich im Heer der befreiten Sklaven auf. Während der Reconstruction wurden Repräsentanten des kreolischen Establishments in politische Ämter gewählt. Einer der bekanntesten war P. B. S. Pinchback, der 1872 kurzzeitig Gouverneur von Louisiana und später Kongressabgeordneter war. Das war das letzte Aufflackern vor der weißen Finsternis der Jim-Crow-Gesetze.