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2026-09-30 15:35:26, Jamal

Turning Danger into Performance – Das katholische Schweigen/Der unerschrockene Liebhaber

Das Delta fröstelt

Am Anfang eines großen Vermögens, um Honoré de Balzac so falsch wie alle anderen zu paraphrasieren, stand ein schwarzer Mann im Schlafzimmer einer weißen Frau. Jean-Luc „Le Roi“ Sauveterre war von königlichem Geblüt – ein Prinz aus dem afrikanischen Königreich Dahomey, wo Frauen (die Dahomey-Amazonen) die royale Security stellten. Er war Herr über eine von Sklaven bewirtschaftete Zuckerrohrplantage und zugleich Hauptmann eines Briganten-Kollektivs.

In der neuspanischen Provincia de Luisiana übertraf kein Mann Sauveterre. Seine Persönlichkeit verschmolz Charisma, Courage und Fortune mit Empfindungsreichtum. Er schlug Schneisen mit der Machete seiner triumphalen Selbstbehauptung. Jeder Dschungelpfad warf sich unter dem Diktat seines Willens zur Magistrale auf. Sauveterre changierte zwischen Warlord, Poet, Entrepreneur und unerschrockenem Liebhaber.

Gaspards Mutter war nur eine Kebse in seinem tropischen Konkubinat. Madeleine sah das natürlich anders. Auf keinem Feld des Lebens sah sie sich in einer Nebenrolle. Schließlich wusste sie sich schwanger; zweifelhaft war nur, von wem. Die Geburt klärte sie nicht restlos auf, so hell und tadellos fad war das Baby. Es hätte von jedem sein können – nur eben nicht von dem pechschwarzen Sauveterre, der es in Wahrheit aber gezeugt hatte. Madeleine schob den Illegitimen ihrem Mann unter, dem generösen Baron Jean Noël Destréhan. Destréhan zählte im kolonialen Louisiana zu den klangvollsten Namen, seit dem Auftritt eines Jean Baptiste Destréhan im Rang eines königlichen Schatzmeisters. Das untergeschobene und gewiss auch gern angenommene Kind wuchs in den exquisiten Verhältnissen eines schlossartigen Herrenhauses am Rivière Rouge (in älteren Quellen Río Rojo) nahe Natchitoches regelrecht als ehelicher Spross auf.

Das römische Recht, auf dem der Code Noir und das spanische Recht basierten, kannte einen Grundsatz: Pater is est, quem nuptiae demonstrant – Vater ist, wen die Ehe anzeigt.

Übrigens stammt die populärste Balzac-Binse gar nicht von Balzac. Unsterblich machte Mario Puzo eine verkürzte Variante des Pseudozitats, indem er sie 1969 als Epigraph auf die erste Seite seines Weltbestsellers Der Pate (The Godfather) setzte – „Behind every great fortune there is a crime“ – „Derrière chaque grande fortune se cache un grand crime“. Balzac formulierte den Gedanken 1835 in „Le Père Goriot“ mit einem viel größeren Resonanzspektrum: „Le secret des grandes fortunes sans cause apparente est un crime oublié, parce qu’il a été proprement fait.“ – „Das Geheimnis großer Vermögen ohne ersichtliche Ursache ist ein vergessenes Verbrechen, weil es sauber ausgeführt wurde.“

Es gibt eine beinah hypnotische Koinzidenz – Natchitoches und Nacogdoches. Beide Städte wurden nach Caddo-Stämmen benannt. Natchitoches war die älteste französische Festung in Louisiana; Nacogdoches, der östlichste Außenposten der Spanier in Texas. Von einem Ort zum anderen reiste man entlang des Camino Real. Madeleines freimütiger Gatte starb 1799 bei einem Jagdunfall. In Natchitoches kam es zu einer De-Legitimierung. Die weiße Verwandtschaft suchte ihren Vorteil in der rassistischen Repression und erzwang Gaspards Abstufung in die Klasse der Gens de couleur libres. Gaspard wechselte achselzuckend von einem Schloss ins nächste. Ihn hob die Arroganz seiner Ahnen; man konnte ihn nicht deklassieren. Sein biologischer Vater hatte nur auf diesen Augenblick gewartet. Das schwarze Intermezzo währte nicht lang; ein Mann von Sauveterres Schlag stirbt in seiner Blüte und im Kampf. Wen die Götter lieben … Nur gab es um das Jahr 1800 in seiner Reichweite gerade keinen Krieg, in dem er sich tödlich verausgaben konnte. Die Übergabe der Provincia de Luisiana von Spanien an Frankreich und der anschließende Verkauf an die USA (1803) verliefen weitgehend friedlich. Im März 1801 verwickelte sich Sauveterre mit seinen Filibustern und den Freischärlern der Nolan-Expedition. Als spanische Truppen die amerikanischen Filibuster nahe dem Camino Real stellten, suchte Sauveterre keine Deckung. Er starb im Musketenfeuer – ein Warlord, der – wie ein Samurai – sterbend seine letzte Strophe dichtete.

Im März 1801 schlug sich Sauveterre mit seinen Briganten auf die Seite der Nolan-Expedition.

Imperiales Vorspiel

Nach der Devise, mal gucken, was geht, war die Nolan-Expedition ein Akt US-amerikanischer Piraterie im No Man’s Land zwischen Texas und Louisiana. Angeführt von dem irischen Abenteurer, Schmuggler und Mustanger Philip Nolan, infiltrierte ein Filibuster-Corps spanisch-mexikanisches Territorium. Es kam zu einem Treffen mit Dragonern unter dem Kommando von Miguel Francisco Múzquiz nahe Waco, Texas. Nolan und Sauveterre fielen zu ihrem Glück. Die Überlebenden wurden in Ketten geschlagen, nach Mexiko verschleppt und spielerisch dezimiert. Die Augen eines Würfels entschieden über Leben und Tod. Jeden zehnten Gefangene ereilte der Tod am Strang.   

Die Ästhetik des Untergangs – Sauveterre und das Jisei

Die Verbindung zwischen einem afro-amerikanischen Plantagen-Warlord im kolonialen Louisiana und der Tradition der japanischen Kriegerkaste entspringt einer spirituellen Verwandtschaft: dem Jisei (辞世), dem Todesgedicht der Samurai. Für einen anspruchsvollen Krieger endete die Peak Performance erst mit dem Tod und nicht schon beim Sterben.   

Für Gaspard war die Spanne unter Schwarzen vor allem lehrreich. Es war für ihn das, was das Leben bei den Cherokee für Sam Houston werden würde: eine fundamentale Horizonterweiterung. 1803 übernahm der US-Amerikaner William C. C. Claiborne das Amt des Gouverneurs von Louisiana. Er machte sich sogleich daran, den Status freier Nicht-Weißer dem brutalen Regime in den Vereinigten Staaten anzugleichen.

Gaspard ritt nach Westen, tauchte in Nacogdoches gleichzeitig auf und unter, tilgte das Französische, das Spanische, das Katholische und das Schwarze und erfand sich als Charles S. Sterling neu. Sein Sohn, der Richter Charles S. Sterling jr., kannte den Deltasumpf noch nicht einmal mehr aus Erzählungen. Er zog als weißer Colonel für die Abtrünnigen in den Krieg und goss später im Kapitol von Austin die Gesetze in Beton, die seine kreolischen Cousins im Delta deklassierten. Von dieser Verwandtschaft wusste er nichts.   

Nachtrag

In der französisch-spanischen Kolonialwelt unterlagen solche Tabubrüche, wie sie sich mit dem Schicksal von Gaspards Destréhan verbanden, einem Procedere. Zwar war das gesellschaftliche Urteil vernichtend, doch wenn das Kind phänotypisch hell genug war, um einen Skandal abzuwenden, zog man es im Schutz des katholischen Schweigens auf. Es gab im Louisiana des 18. Jahrhunderts ein extralegales System namens Plaçage. Pflanzer nahmen sich farbige Frauen (Placées) als Zweitfrauen und gründeten anerkannte Parallelfamilien. Auch der alte Destréhan zeugte Kinder mit einer freien Schwarzen.    

Der Mann, der den Namen seiner Mutter trug

Saint-Domingue, Mitte des 18. Jahrhunderts – Auf der einen Seite stand die Welt der französischen Aristokratie. Auf der anderen die Welt der Sklaven. Und dazwischen wurde 1762 ein Junge geboren, dessen Leben später wie eine Unmöglichkeit wirken sollte. Sein Vater war Alexandre Antoine Davy de la Pailleterie, ein französischer Adliger. Seine Mutter hieß Marie-Cessette Dumas. Sie war eine schwarze Sklavin. Ihr Sohn bekam zunächst den Namen seines Vaters: Thomas-Alexandre Davy de la Pailleterie. Niemand konnte damals wissen, dass dieser Junge eines Tages als General Dumas in die Geschichte eingehen würde. Aber zunächst besaß er nicht einmal sich selbst. Der Vater geriet in finanzielle Schwierigkeiten. Er wollte Saint-Domingue verlassen und nach Frankreich zurückkehren, wo ein beträchtliches Erbe auf ihn wartete. Doch für die Überfahrt brauchte er Geld. Und dann traf er eine Entscheidung, die selbst in einer ohnehin brutalen Welt kaum grausamer hätte ausfallen können. Er verkaufte seinen Sohn Thomas-Alexandre als Sklave – wenn auch mit einem Rückkaufrecht. Es war eine Transaktion. Ein Mensch wurde zu Eigentum. Und der Mann, der ihn verkaufte, war sein Vater. Doch der Vater hielt sein Versprechen. Er kaufte Thomas-Alexandre zurück und nahm ihn mit nach Frankreich. Dort geschah etwas, das fast wie eine zweite Geburt wirkte. Aus dem versklavten Jungen wurde ein Aristokrat. Er erhielt eine ausgezeichnete Ausbildung, lernte die Umgangsformen der Oberschicht und bewegte sich in Kreisen, die jedem anderen schwarzen Mann verschlossen waren. Er war gebildet. Er war privilegiert. Er war reich. Und doch trug er etwas mit sich, das kein Geld verschwinden lassen konnte: die Erinnerung daran, dass sein eigener Vater ihn einmal verkauft hatte. Dann kam die Revolution. Frankreich begann sich selbst neu zu erfinden. Die alten Grenzen von Stand und Herkunft gerieten ins Wanken. Thomas-Alexandre trat in die Armee ein und legte den Namen seines Vaters ab. Er wollte nicht mehr Davy de la Pailleterie sein. Stattdessen nahm er den Namen seiner Mutter an. Dumas. Den Namen einer Frau, die versklavt worden war. Den Namen einer schwarzen Mutter. Von da an war er Alexandre Dumas. Er entwickelte sich zu einem bemerkenswerten Soldaten. Während der Französischen Revolutionskriege stieg er zum General auf. Er wurde schließlich zu einem der berühmtesten militärischen Befehlshaber Frankreichs. Dumas glaubte an die Ideale der Revolution. Freiheit. Gleichheit. Er traf Napoleon Bonaparte. Zunächst kämpften sie auf derselben Seite. Doch Dumas war kein Mann, der einem mächtigen Vorgesetzten einfach gehorchte, wenn er glaubte, dass dieser falsch lag. Während Napoleons Ägyptenfeldzug begann Dumas, die Entscheidungen seines Vorgesetzten offen infrage zu stellen. In einem Gespräch soll er sinngemäß darauf bestanden haben, dass die Interessen Frankreichs über den Interessen eines einzelnen Mannes stehen müssten. Napoleon war längst mehr als nur ein General. Er war auf dem Weg zur Macht. Auf seiner Rückreise geriet Dumas in Gefangenschaft. Beinahe zwei Jahre verbrachte er in Italien. 1801 kam er frei. 1802 wurde die Sklaverei in den französischen Kolonien wieder eingeführt; gleichzeitig wurden die Rechte schwarzer Soldaten und Offiziere eingeschränkt. Thomas-Alexandre Dumas starb 1806. Sein Sohn war zu diesem Zeitpunkt drei Jahre alt. Der Junge hieß wie sein Vater. Jahre später würde die Welt diesen Namen kennen.  

Puschkins Stolz

Alexander Puschkin (1799–1837) war stolz auf sein schwarzes Erbe. Seine Mutter, Nadeschda Gannibal, wurde in der Petersburger Gesellschaft wegen ihrer markanten Züge und ihrer Herkunft bewundernd „die schöne Kreolin“ genannt. Puschkin nannte sich selbst in seinen Briefen scherzhaft „afrikanets“ (den Afrikaner) und begann sogar einen unvollendeten historischen Roman über seinen Urgroßvater: „Der Moor Peters des Großen“. Wenn man Puschkin wegen seiner krausen Haare oder seiner Abstammung rassistisch beleidigen wollte, schlug er mit Gedichten zurück.