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2026-10-02 18:15:40, Jamal

Turning Danger into Performance – Der Hoffnungshafersack

Mein Gott, ich war zwanzig und hatte Todesangst vor dem, was Jarek in mir anrichtete. Wenn er mich ansah, geriet mein Fundament ins Wanken. Er besaß die Macht, mich zu entwaffnen, mich aus der Bahn zu werfen, die für mich vorgesehen war. Ich durfte mich nicht von ihm um mein gutes Leben bringen lassen. Ich sperrte meine Gefühle für ihn weg, und ihn gleich mit. Ich stellte Jarek in den Stall seiner eigenen Besessenheit, hängte ihm einen Fresssack voller Hoffnungshafer um und überließ ihn seinem Schicksal.

Die Abkehr vom Endorphin-Mythos - Warum Flow eher aus Endocannabinoiden als aus Endorphinen entsteht

Runner's High galt lange als Triumph des Willens über den Schmerz, biochemisch belohnt mit Endorphinen. Das stärkste Argument gegen die Endorphin-Hypothese ist physikalischer Natur. Endorphine sind große Peptidmoleküle, die die Blut-Hirn-Schranke kaum überwinden können. Sie lindern den Schmerz im Muskel, erreichen aber selten die limbischen Areale des Gehirns, die für das euphorische Erleben zuständig sind. Im Gegensatz dazu ist Anandamid, das wichtigste körpereigene Cannabinoid, klein und fettlöslich. Es flutet das Gehirn bei moderater Bewegung. Es ist ein psychoaktiver Modulator, der Angst löst. Das Besondere an Endocannabinoiden ist ihre Arbeitsweise als retrograde Neurotransmitter. Das System löscht unnötiges Rauschen. Übrig bleibt eine neuronale Stille, die wir als Leichtigkeit deuten.

Warum hat die Evolution diesen Mechanismus erschaffen? Unsere Vorfahren waren Langstreckenläufer. Wer stundenlang jagen musste, bedurfte einer stabilen Motivation. Endocannabinoide sorgten dafür, dass die monotone Bewegung als belohnend empfunden wurde.

Die Perspektive bestimmt den Fokus. Sollten Flow-Zustände stärker an Endocannabinoide gekoppelt sein als an Endorphine, dann ist die Bewegungsqualität der Flow-Schlüssel. Wir sehen Naomi und Jarek in den Garner Apartments 1985. Jareks Körper sackt in den Freeze, sein Nervensystem kapituliert, während der Miefmix von Schimmel und Liniment den Raum erfüllt.

Das Interregnum (1984–1993)

Jarek

Neun Jahre lang lief mein System im Energiesparmodus der totalen Sublimation. Wer in der alten Bundesrepublik der 1980er Jahre als Journalist und Dozent reüssieren wollte, brauchte Sitzfleisch und die Gabe, Mangel in publizistische und akademische Prosa umzumünzen. Ich glaubte damals, ich hätte mich befreit. Ich hielt mein fleißiges Vorwärtskommen für den verdienten Aufstieg eines Gesamtschulgelehrten, der in Nacogdoches einen Schatz ausgegraben hatte. In Wahrheit belieferte eine abgerichtete Kreatur das Feuilleton. Naomi hatte mich abgetakelt, die Jarek-Akte geschlossen und schlichtweg vergessen. Neun Jahre dachte sie kaum je an mich. Der Wallach war im Ausgedinge verstaut. Die Brunst war stillgelegt. Die libidinöse Energie floss ungehemmt in meine Texte. Ich war der perfekte Arbeitsgaul – kastriert, verlässlich, unaufgeregt.

Aber ich war besetzt. Unter der Schabracke des Kulturbetriebs vibrierte etwas in mir, sich noch die Urszene verzehrend. Das Nervensystem kennt keine Zeit; es speichert nur die Datenlage der letzten großen Erschütterung. Saß ich nachts am Schreibtisch und schrieb über die texanische Staatsgründung, meinte ich, die Geschichte zu dekonstruieren. Ich begriff nicht, dass ich lediglich meine eigene Brandmarke betrachtete. Das akustische Signal – das rhythmische Zusammenklatschen leistungsfähiger Leiber im Safe Room von Goings Gartenhaus, Naomis herausgestreckte Zunge im analogen Dunkel – war wie ein Frequenz-Implantat im Rückenmark. Die Synapsen waren scharfgestellt, sie lauerten auf den Reiz. Ich vegetierte in einem neurobiologischen Dauervakuum und konnte meinen eigenen Kode nicht identifizieren. Bis zum Jahr 1993. Bis zu dem Tag, an dem das Plüschtier mit der Hippie-Seele in Naomis Feierabendprogramm reaktiviert wurde und die Falle nach neun Jahren des stummen Wartens mit genitaler Wucht kurz auf- und dann für immer zuschnappte.

Aus dem Off

Lassen Sie uns einen Schritt zurücktreten. Naomi bietet die 1985 geschlossene und 1991 vom Tod geschiedene, patrizische Ehe mit dem Supersoldaten Saltus den Rahmen für eine unbefleckte Empfängnis in zwei Fällen. Die Gattin tilgt den dynastischen Schmutz ihres Klans, die Lügen der Mortimer-DeWitt-Linie und die schamlosen Spiele mit der Noblesse ihres Mannes. Kinder mit Saltus zu zeugen, bedeutet, eine Generation ins Leben zu rufen, die makellos sein darf. 1984/85 ist Jarek eine Störung des Phantasmas. Als er fragt, was sie tun würde, wenn er einfach in ihr käme, berührt er diesen Nerv. Er gefährdet ihr Projekt. Sein Eskapismus ist ein Angriff auf ihren Hauptgewinn im Lebenslotto.

Naomi 1993 in Frankfurt am Main

Mitte der 1980er-Jahre war ich ein Explosivkörper auf einem Pulverfass. Mich umschwirrten Männer, die sich in zwei Kategorien einteilen ließen: Schoßhunde und Bullterrier. Jarek passte nicht in dieses Schema. Er war ein Spürhund mit Hippieseele. Er entdeckte, dass unsere DeWitt-Linie auf einer historischen Identitätslüge basierte. Keinen Augenblick erwog er, mir zu schaden. Aber er hätte es gekonnt wie kein Zweiter. Ich machte Jarek zu meinem ledigen Cuckold. Ich setzte ihn in den Zuschauersessel und ließ ihn nicht mehr aufstehen. Er schluckte eine Kröte nach der anderen; es war faszinierend und manchmal auch grauenhaft, wenn nicht erschütternd. Ich arrangierte ein Barbecue, zog Leland in eine bettbreite Kammer und ließ Jarek als Fensterspanner im Dunkel des Spätsommers 1984 zuschauen, wie ich meinen formidablen Arsch inszenierte. Jarek hütete meine Geheimnisse und machte sie zu seinen Fetischen. Er lief an einer unsichtbaren Leine, sich frei wähnend.

Als er mich fragte, was ich tun würde, wenn er einfach in mir käme, zögerte ich nicht. Ich sagte ihm, dass ein Mann, zu dem ich im Bett nicht Sir sagen kann, niemals der Vater meiner Kinder wird. Das saß. Ich beschützte meine unbefleckte Patrizier-Zukunft mit Saltus, während ich für Jarek zur Obsession wurde.

Im Sommer 1985 kehrte er nach Deutschland zurück. Ich hatte ihn besetzt, das wusste ich nicht. Wie unter Hypnose so schlafwandlerisch startete er seine publizistische und akademische Karriere in Frankfurt am Main. Er schrieb klug und dozierte mit einnehmender Zurückhaltung; wie betäubt auf seiner sozialen Schwundstufe verharrend. Die Kollegen ahnten nicht, dass seine Brillanz nur die Asche einer Obsession war.

Während Jarek in Frankfurt so geistesgegenwärtig wie abwesend Karriere machte, setzte ich meine Pläne in Texas eins zu eins um. Ich avancierte zur perfekten Patrizierin und doppelten Boy Mom, ritt die edelsten Pferde meines Vaters und vergaß Jarek vollkommen, während er gleichzeitig in mir vor sich hin spukte. Ich hatte keinerlei Verwendung für ihn. Ich brauchte ihn nicht. Er eignete sich für nichts, was in meiner Sphäre zählte.

Erst als Saltus mich 1991 zur steinreichen Kriegsheldenwitwe machte, tauchte Jarek aus meinen inneren Labyrinthen wieder auf.

Aus dem Off

Ein freiberuflicher Dozent und Journalist im Frankfurt der frühen 1990er-Jahre – das bedeutet: Er pendelt zwischen Redaktionen, Universitätsinstituten und verrauchten Cafés. Er schreibt scharfsinnige Artikel für überregional kursierende Periodika. Er hat sich einen Namen gemacht, aber kein sicheres Netz gesponnen. Er ist erschöpft und weiß nicht wieso. Er funktioniert wie eine perfekt geölte Maschine im Frankfurter Vor-Wende- und Nach-Wende-Trubel.

Naomi

Er war gut im Geschäft, seine Texte waren gefragt, seine Seminare voll. Aber er war nicht gesettelt. Er hetzte durch Frankfurt, von Termin zu Termin, getrieben von einer Unruhe, von der er glaubte, sie sei seinem beruflichen Ehrgeiz geschuldet. In Wahrheit war es die Ruhelosigkeit eines Tieres, das an einer unsichtbaren Leine zerrt.

Als ich im Spätherbst 1993 zum ersten Mal nach Frankfurt kam, lief Jarek von jetzt auch gleich nicht mehr wie ein aufgezogenes Uhrwerk durch die Stadt. Er klinkte sich einfach wieder in den Mechanismus ein, den ich 1984 für ihn gebaut hatte. Er lag immer noch an der Leine, ohne den leisesten Freiheitsgewinn. Er fraß auch noch das letzte Korn aus seinem Hoffnungshafersack, irrsinnig dankbar für alles, was ich ihm gab.