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2026-10-03 09:34:50, Jamal

Quid Pro Quo

Das Schweigen der Lämmer  - The Silence of the Lambs, 1991 / Regie: Jonathan Demme, Drehbuch: Ted Tally, Nach dem Roman von Thomas Harris

Memphis, Tennessee – Gerichtsgebäude – Nacht

Es ist nicht mehr die abgeschottete Glasgruft im Keller der psychiatrischen Anstalt von Baltimore. Hannibal Lecter wurde nach Memphis überstellt. Im obersten Stockwerk des Gerichtsgebäudes hat man in einem klassizistischen Saal einen provisorischen Hochsicherheitstrakt eingerichtet. Im Zentrum des Raumes steht Lecters freistehender Käfig aus weißen Gitterstäben. Die Notbeleuchtung hebt nur das Gitterkarree aus der Dunkelheit. Es herrscht eine Atmosphäre von institutioneller Kälte und atavistischer Gefahr.

Dr. Lecter trägt einen weißen Sträflingsanzug. Er bewahrt eine echsenartige Ruhe mit beinah dokumentarisch herabgesetzten Funktionen. Agent Clarice Starling kann ihm ihre Erschöpfung nicht verhehlen. Sie ist gekommen, um von Lecter mehr über die Identität des Frauenmörders Buffalo Bill zu erfahren. Clarice wittert den sprungbereiten Prädator. Die Aromen der Gewalt dominieren den Geruch von Bohnerwachs. Die Situation intensiviert die libidinös besetzte Dynamik zwischen Clarice und dem mörderischen Genie. Lecter penetriert Starlings psychologische Rüstung und nutzt die Situation, um sie zu degradieren.
Lecter interessiert sich nicht für die FBI-Akte, die Clarice ihm offeriert. Er liest keine Akten. Er lenkt das Gespräch auf die Selbstbetrachtungen des römischen Kaisers Marcus Aurelius – auf die Idee, von den ersten Prinzipien auszugehen und alles Überflüssige wegzulassen.

Marcus Aurelius fordert die absolute Schlichtheit: Gehe zurück zu den ersten Prinzipien. Was tut das Ding an sich? Welche Notwendigkeit befriedigt es?

Der Dialog

Lecter: „Von den ersten Prinzipien an, Clarice. Schlichtheit. Was tut er, dieser Mann, den Sie suchen?"

Clarice: „Er tötet Frauen..."

Lecter: „Nein! Das ist sekundär. Was ist das erste Ding, das er tut? Welche Notwendigkeit befriedigt er?"

Clarice: „Sexuelle Frustration..."

Lecter: „Nein! Er begehrt. Und wie fangen wir an zu begehren, Clarice? Suchen wir uns Dinge aus, die wir nicht kennen? Nein. Wir begehren, was wir jeden Tag sehen. Spüren Sie nicht, wie Augen über Ihren Körper wandern, Clarice? Und suchen Ihre Augen nicht auch nach den Dingen, die Sie wollen?"

Nacogdoches, 1984

Aus dem Off

Psychologie ist ein Puppenhausschwindel. Es gibt nur Nervenbahnen, Synapsen und Reflexe. Naomi überschreibt Jareks Nervensystem komplett. Sie macht das nicht absichtlich, ich glaube, sie ahmt einfach nur ihren leidenschaftlichen Pferdezüchter-Vater, den Sir nach. Sie verweigert Jarek das sexuelle Sir der Überwältigung, spricht es aber in seiner Gegenwart anderen gegenüber aus. Nach einem halben Jahr beendet sie die Rosskur. Fortan säuselt sie ihm bei jeder Gelegenheit ein libidinös verschachteltes Sir ins Ohr.  

Von mir aus nennt das texanische Bubenstück eine umgekehrte My Fair Lady. In Nacogdoches formt kein Professor Higgins ein Blumenmädchen aus der Gosse, um es in die feine Gesellschaft einzuführen. Die vermeintlich Ungebildete – die reiche Naomi – biegt den Gesamtschulgelehrten Jarek nach ihrem Willen. Am Ende züchtet sie ihren eigenen Professor Higgins. Siehe Jarek als Dekan des Englischen Seminars der Ederthaler Landgraf Philipp Universität. Jarek ist Naomis Meisterwerk der Nimbuszucht. Ohne sie wäre er ein Freelancer-Feuilleton-Freak geblieben.

Ich erinnere noch einmal daran: Die Töchter des Sir waren von der Dressurmanie des Zuchtmeisters ausgenommen. Das weibliche Gesinde erlitt die rituelle Dominanz. Naomi beobachtete zwar das Durchzählen von lebendem Inventar, erlebte aber nichts auch nur annährend Vergleichbares in ihrer Erziehung.

Naomi war von jeder physischen Grobheit ausgeschlossen, eine Prinzessin im seidenen Futteral. Aber sie sah den Sir und seine Dressurakte. Sie vernahm das Flapp-Flapp der Peitschenlasche gegen den Schaft. Es war eine Sprache, sie bestand aus akustischen und biometrischen Impulsen. Naomi registrierte die phonetische Differenz zwischen atmendem Fleisch und gegerbtem Leder. Das war die Linguistik des Hirnstamms. Naomi studierte die Mechanik der Inventur des lebenden Inventars, die Emanationen und vielleicht auch Emissionen des wortlosen Erstickens subalternen Stolzes. Sie hatte alles. Sie würde niemals arbeiten, sich nie bemühen müssen. Die Welt war für sie leer.  

„Wir begehren, was wir jeden Tag sehen."

Das Nervensystem kennt keine andere Wahrheit. Naomi impfte Jareks subkortikales System mit dem Wort „Sir", bis er pawlowsch ejakulierte, wenn sie es flüsterte. Sie erschuf ihren Sir für das alltägliche Begehren. 1988 verstummte das Flapp-Flapp im Haus des Herrn. Der Sir starb bei einem von Naomi herbeigeführten Treppensturz und mit ihm starb das göttliche System. Auf Naomis inneren Bühne flappte es aber weiter.