Sensorische Amnesie
Die Evolution kennt zwei Hauptstrategien für Sicherheit. Die erste ist das Exoskelett: Panzerung, Verdichtung, Kompression. Ein System, das sicher ist, aber immobil. Die zweite ist das Endoskelett: Tensegrity, Elastizität, kinetische Kohärenz. Ein System, das effizient arbeitet, aber verletzlich bleibt.
Gehen wir in die Schutzspannung, betreiben wir evolutionäre Rückschritte. Wir versuchen, ein inneres Exoskelett aus Muskeln und Faszien aufzubauen. Wir behandeln unsere Wirbelsäule nicht mehr wie eine elastische Feder, sondern wie einen Betonpfeiler. Wird diese Dauerkontraktion zum Grundrauschen, filtert das Gehirn die Signale weg. Es ist sensomotorische Amnesie. Der Verlust von Eigenwahrnehmung ist der Preis, den wir für Sicherheit zahlen. Aber ein System, das nicht fühlt, kann nicht justieren.
Wir nennen es Alltag, aber es ist Functional Freeze. In dieser tonischen Immobilität nutzt der Körper den Parasympathikus, um das System totzustellen. Wir funktionieren, aber unser Gewebe befindet sich im Modus der totalen Verteidigung. Wir laufen übertourig mit angezogener Handbremse. Wir versuchen, komplexe soziale Probleme mit zellulärer Steinzeit-Logik zu lösen.
Man kann dem Hirnstamm nicht kognitiv erklären, dass die Welt sicher ist. Er braucht biometrische Beweise. Er versteht keine Worte. Rhythmische Oszillation signalisiert dem System Sicherheit. Ist kinetische Durchlässigkeit wieder möglich, registriert das Nervensystem das Gegenteil von Todesangst – Flow.
Deshalb lautet einer meiner Merksätze: Transmission statt Kontraktion, Undulation statt Schutzspannung. Natürlich kontrahieren wir. Natürlich existiert die Schutzspannung; sie ist unser biologisches Erbe. Aber wir können sie modulieren. Die gymnastische Rekultivierung der elastischen Rückstellkraft ist kein Sport – sie ist eine neurobiologische Rückführung in den guten Zustand.
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Unsere emotionalen Reaktionen sind Ergebnisse evolutionärer Anpassung - gebildet, geformt, verfeinert, lange bevor sich das Bewusstsein entwickelte. Die frühen Schichten des Menschseins liegen im Untergrund des Gehirns, dort, wo der Hirnstamm und das limbische System die ältesten Funktionen des Lebens sichern. Atmung, Hunger, Angst. Diese Regionen sind organische Fossilien. Sie bewahren Bewegungsmuster, Triebe und Affekte, die aus der Vorzeit stammen.
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Heimatlose, die „Holländer" oder „Flachsbauern" genannt wurden, rückten aus dem Lahntal und dem Weserbergland vor, wo sie nicht heimisch geworden waren. Den Entwurzelten wurden Kleinstellen zugewiesen, die es keinem erlaubten, ohne Nebenerwerb zu existieren. Ihre Gehöfte bildeten Straßendörfer im Schatten alter Gutshöfe. Die neuen Gemeinden entwickelten nicht genug Gravitation für eigene Namen. Bezeichnet wurden sie mit Flurnamen, die überlebt haben. Sie belegen, dass die Fremden unkultiviertes oder kaputt gewirtschaftetes Gelände zugewiesen bekamen.
Sie nahm die Hand vom Saum ihres Rockes, während der Wind die Seide weiter gegen ihre Oberschenkel presste, als wolle die Natur selbst die Konturen ihrer Gestalt für die Betrachter nachzeichnen. Es gab keine Eile, keine Notwendigkeit zur Tat; Jareks erektive Präsenz und Nanas lustvolle Aufmerksamkeit reichten, um ein Erlebnis aus dem Nichts entstehen zu lassen. Es war das kostbare Privileg dreier Solitäre, die den Kode der Distanz so lange studiert hatten, bis sie die Annäherung als eine fehlerfreie Choreografie exekutieren konnten.
Jarek bewegte sich nicht, er forderte nichts, aber sein Blick hielt das Gleichgewicht ihrer inneren Landschaft stabil. Unter seiner Aufsicht ordnete sich das Chaos der Welt zu einer Gewissheit. Die Sorgfalt, mit der sie einander begegneten, war der einzige Schutzwall gegen die Profanität. Naomi lächelte ihren Gatten an. Ein klandestines Signal im Strom des Augenblicks – Naomi schloss einen Herzschlag lang die Augen und spürte, wie die Oxytocin-Barke ihres Vertrauens ganz ohne Steuerung den perfekten Kurs fand.
Der klandestine Ausschluss in absoluter Nähe
Indem Naomi ihrem Gatten diesen exklusiven Blick schenkt, zieht sie eine unsichtbare Linie. Sie schließt Nana nicht physisch aus – das Spiel geht weiter, der Raum bleibt geteilt. Aber sie deklariert ihren Besitzanspruch. Sie nutzt die Intimität mit Nana als Treibstoff für die eheliche Dynamik.
Urlaub zu dritt
Nana entdeckt einen blanken Schaufelknochen in einem Muschelnest. In Felskerben nistet Tang, als würde er da wachsen. Kinder spielen am Spülsaum. In ihrem Rücken ragt eine Sandburg auf, die von erwachsenem Ehrgeiz erzählt. Möwen untersuchen einen Algenschleimverbund, der in Gesellschaft von Unrat über das Meer vagabundiert.
Vorhin haben Nana, Naomi und Jarek neolithische Großarchitektur in Skara Brae besichtigt. Jetzt erreichen sie einen vom Verfall mitgenommenen, als Schutzraum noch brauchbaren Steinbau. Auf dem geborstenen Dach wächst eine Sohle. Es gibt die üblichen Hinweise auf menschliche Nutzung: Präservative, Taschentücher, Verschlusskappen, Verpackungsmüll.
Die Drei erreichen einen Klippengang, den zur See eine fünfzig Meter senkrecht abfallende Wand begrenzt. Das Meer empört sich. Die Welt ist ein magischer Ort. Die Sagas sind wahr. Jeder Ängstliche ahnt nur seine Gründe.
Grabsteine erinnern an viele, die ihre Kindheit nicht überlebten. Wenigen Familien, die das Feld nicht räumten, als es nichts mehr trug, diente die Gegend schlecht. Die Leute blieben in einer erschöpften Landschaft, die ihre arkadische Dimension im Raubbau verloren hatte.
Lange herrschten norwegische Könige über die schottischen Inseln. Sie folgten Harald Haarschön (Harald Hårfagre), der im 9. Jahrhundert einen Gefolgsmann von geringer Herkunft als Verwaltungschef einsetzte. Er erklärte ihn zum Jarl im Sinne eines Titulargrafen, der seinen Rang nicht vererben konnte. Folglich ergab sich für die Agnaten kein Herrschaftsanspruch.
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Das Jahrtausend steckt noch im Geburtskanal der Weltgeschichte, während die Generation Milchkaffee schon einmal tapfer den Ereignissen voraus pausiert. Sie erkennt sich in ihrer Vorliebe für die portugiesische Variante im Glas. Ältere halten die Galão Generation für getarnte Frührentner in der Aussichtslosigkeit noch einer kleinen Postmoderne. Nana will auf der Stelle reinen Tisch machen und ihrem Gatten schmucklos Bescheid sagen. Der Maschinenfabrikant und viertgrößte Ederthaler Arbeitgeber nimmt das Gespräch im wurzelechten weiterwachsenden Marschbacher Moor hinter einer Vogelbeobachtungspalisade entgegen. Er führt es auf dem Weg zu seinem Betrieb.
„Du, ich habe mich noch mal anders verliebt."
„In einen Schotten?"
Ich fasse zusammen. Harald Buchinger verschleppt, retourniert, appelliert, flüchtet in den Humor, untersucht seinen Schmerz und gibt sich geschlagen, sobald er den Betrieb erreicht hat. Er beobachtet einen Akt der Völkerverständigung. Der Nigerianer Jens begrüßt den Russen Michail mit Gesten in einer komplexen Abfolge, die er sich ausgedacht haben könnte, um besonders exotisch rüberzukommen. Jens erwartet vom Buchinger Regelungen privater Angelegenheiten. Er trägt Forderungen als Wünsche vor, die kein Nein vertragen. Michail war in der Sowjetunion mit titanischen Bauvorhaben befasst. Als Ingenieur und Spezialist für Katastrophenmanagement gab er sechzig Leuten Anweisungen. Jetzt erschöpft sich seine Führungsaufgabe im Verhältnis zu einer Maschine, die er beherrscht wie kein zweiter. Buchinger beschäftige Michail seit fünfzehn Jahren mit gleichbleibender Hochachtung. Kündigt sich bei ihm eine Erkältung an, legt sie Michail aufs Wochenende. In seiner Loyalität steckt Frustration.
Zu den Alt-Flüchtlingen zählt der Südvietnamese Gan. Er gelangte als Schiffsbrüchiger vor Malaysia erst an Bord des Hospitalschiffs Helgoland und dann in das Grenzdurchgangslager Friedland. Weihnachten Achtundsiebzig verbrachte er an der Tafel des niedersächsischen Ministerpräsidenten Albrecht auf einer Gala in Hannover.
Buchinger hüllt sein Engagement in einen Geschichtsmantel. Das Edertal erlebte im 19. Jahrhundert eine Zeit der Entvölkerung im Zuge eines Abschwungs. Wieder kehrten sich Verhältnisse um. Ausgangspunkt war eine Zuwanderung des 17. Jahrhunderts. Die „Heimatlosen" („Holländer", „Flachsbauern", „Flachzangen") rückten aus dem Lahntal und dem Weserbergland vor, wo sie nicht heimisch geworden waren. Den Entwurzelten wurden Kleinstellen zugewiesen, die es keinem erlaubten, ohne Nebenerwerb zu existieren. Ihre Gehöfte bildeten Straßendörfer im Schatten alter Gutshöfe. Die neuen Gemeinden entwickelten nicht genug Gravitation für eigene Namen. Bezeichnet wurden sie mit Flurnamen, die überlebt haben. Sie belegen, dass die Fremden unkultiviertes oder kaputt gewirtschaftetes Gelände zugewiesen bekamen.
Die ursprünglichen Flur- und Ortsnamen enden germanisch auf a, mar, tar, loh. Das betrifft Flecken, die vor dem Jahr Achthundert in die Kultivierung gerieten. Der fränkischen Landnahme folgte die Kolonisation unter gaugräflicher Aufsicht im Hochmittelalter. Die späten Gründungen fielen oft wüst, schlechter Böden wegen. Dann kamen die Holländer und wirtschafteten im Karst. Ein Zubrot verdienten sie am Webstuhl. Sie produzierten Tuch für Amerika. Es gab einen transatlantischen Markt, seit die Medicis Kolumbus finanziert hatten. Holländische Händler sammelten den Stoff ein und führten ihn anderenorts einer Veredelung zu. Die Erwerbsquelle versiegte in Konzentrationen und Rationalisierungen des Merkantilismus. Nun gab es wieder zu viele Menschen in einem strukturschwachen Raum. Sie verdingten sich als Wanderarbeiter oder wanderten aus. In New York spiegelte sich das Schicksal einer hessischen Flachzange im Lebenslauf des deprimierten Ulster-Schotten.
Im 17. Jahrhundert waren in Irland gegen den Widerstand der eingesessenen Bevölkerung und oft auch gegen ihren eigenen Willen Schotten angesiedelt worden. Ab dem 18. Jahrhundert migrierten die Unwillkommenen massenhaft nach Amerika. Die protestantischen Ulster-Schotten stellten das größte freiwillige Einwanderungskontingent in den britischen Kolonien.
Die presbyterianische Mission unterschied sich deutlich von der irisch-katholischen Migration. Mehr als die Hälfte aller Amerikaner mit irischen Wurzeln haben einen protestantischen Hintergrund. Das widerspricht der Vorstellung von den katholischen Kennedy-Iren, die im 19. Jahrhundert Boston bevölkerten und im Bürgerkrieg für die Union eintraten.