Ein Haufen irischer (oft katholischer) Outlaws und Analphabeten, die mit Tejano-Desperados und indigenen Akteuren kollaborieren, Verträge brechen und schließen, wie es ihnen passt, passt nicht zum protestantisch-angelsächsischen Texas-Narrativ.
Das Gesetz der Reichweite - Revolver-Existenzialismus
Weil die Verwaltungsmühlen der alten Welt so langsam mahlen, kann sich ein Analphabet in Texas eine Ranch von der Größe der Schweiz zusammenschießen.
Die offizielle Bezeichnung in der Verwaltung des Vizekönigreichs Neuspanien lautete Provincia de los Tejas oder Provincia de Texas. Ab 1716 trug die Region in offiziellen Dokumenten, königlichen Anordnungen und Gouverneurstiteln auch den Namen Nuevas Filipinas oder Nuevo Reino de Filipinas. Franziskanische Missionare führten den Namen Nuevas Filipinas (Neue Philippinen) zu Ehren von König Philipp V. ein. Sie wollten das koloniale Interesse der Krone wecken. Der Name stand im krassen Gegensatz zur Realität vor Ort. Texas lag an einem äußersten Rand des Weltreichs –Provincias Internas. Das administrative Vakuum bot sich als Zufluchtsort für delinquente Abenteurer an.
Die Freiheit, die ein Mann wie Grand Slam Coogan hatte, erscheint uns heute fast unvorstellbar. Er konnte sich immer wieder neu erfinden: mit einem neuen Namen, an einem Ort, der gerade erst aus dem Staub gestampft worden war, und doch stets nach demselben Muster. Wurde es ihm irgendwo zu eng, ritt er dreißig Meilen weiter westlich, hinein in den Dunst der Prärie, strich die Vergangenheit aus und begann von vorn.
In einer Welt ohne Fotografie, ohne Fingerabdrücke und ohne zentrale Melderegister war ein Name oft nur ein Wort. Ein neuer Pass, ein neues Pferd, eine neue Lüge – und das Leben begann noch einmal. Trotz all seiner Metamorphosen folgte Coogan stets demselben Muster. Er konnte einen Namen abstreifen, aber er kam nicht aus seiner eigenen Haut. Er vagabundierte an der Peripherie von Imperien, da, wo Staatlichkeit formlos wurde.
Der Papst saß in Rom, der König in Madrid, und das Territorium war entblößt. In dieser Leere gab es mitunter keine Zeugen, keine Register und noch lange kein Auge am Himmel. Es gab das Land und den Mann, der sich darin Geltung verschaffte.
Quittierte der Generalkommandant Pedro de Nava in Chihuahua eine royale Order, die ihn soeben erreichte, war die gegenteilige Anweisung schon auf dem Weg zu ihm. Das war Spanish Tejas. In alten Akten kursiert die neuspanische Provinz als Nuevo Reino de Filipinas.
Jede Grenze verlangte einen anderen Mann. Und Coogan gab den Grenzen, was sie brauchten. Es war eine Methode. In den Jahren vor der Texas Revolution bildete Nacogdoches den Nabel seiner Welt. Das glich einer behutsamen Annäherung an das Genre der Sesshaftigkeit.
Kein Unglück reichte weiter als Coogans Revolver. Die Zeile paraphrasiert das existenzialistische Leitmotiv in André Malraux‘ Abenteuerroman „Der Königsweg“. Im französischen Original lautet die Passage über die Figur des Grabot (einem düsteren Desperado, der sich im dschungelartigen Grenzland Indochinas ein eigenes kleines Reich aufgebaut hat): „...si les choses vont mal elles ne peuvent toujours pas aller plus loin que mon revolver… Suffit d‘en finir… – ...wenn die Dinge schiefgehen, können sie immer noch nicht weiter reichen als mein Revolver... Es genügt, Schluss zu machen...“)
Bei Malraux dient der Revolver der Selbstbestimmung als Werkzeug. Die Waffe garantiert, dass kein äußeres Unglück, keine Tyrannei und keine Gefangenschaft Macht über ihn erlangen können, weil der Abenteurer die Kontrolle über sein eigenes Ende behält. Wie Grabot, der Held in Malraux‘ „Königsweg“, exiliert Coogan an die Peripherie der Imperien, wo staatliche Autorität bedeutungslos ist. In seiner fragilen Autonomie gibt es keine zivilisatorische Absicherung gegen das Schicksal – das Einzige, was zwischen ihm und dem Unglück steht, ist der Colt. „If things go wrong, they still can’t go any further than my revolver. – Si las cosas van mal, de todos modos no pueden ir más allá de mi revolver.”
Das Verhältnis von Sende- und Empfangszeit bestimmt Kommunikation. Währt die Latenzspanne länger ist als die Veränderungsrate der Realität am Ziel der Nachricht, bricht die synchrone Steuerung zusammen. Texas veränderte zu schnell für die royalen Reaktionszeiten. Der Inhalt einer Depesche war bei ihrer Ankunft bereits Informationsmüll.
Nach Marshall McLuhan bestimmt das Medium die Struktur der Macht. Ein Weltreich, das auf physischen Boten und Pferden basiert, kann kein absolutistischer Zentralstaat sein. Die physikalischen Grenzen des Mediums erzwingen einen dezentralen Wilden Westen, in dem imperiale Macht zur Fiktion wird. Diese von kaum oder gar nicht alphabetisierten Tejano intuitiv gewonnene Erkenntnis dynamisierte die Verhältnisse jenseits des Neutral Strip zwischen Louisiana und Texas.
Coogan war kein Sartre im Sattel. Sein Revolver-Existenzialismus entbehrte die akademische Metaebene. Der kaum alphabetisierte Belfaster erkannte das imperiale Vakuum intuitiv. Er, ganz Bodensatz und Treibgut und zugleich Aristokrat aus sich selbst, besaß ein Gespür für Ohnmacht und Zerfall. Während die Auguren in Madrid, Mexiko-Stadt und Washington in Kategorien von Landkarten und Verträgen dachten, erlebte Coogan den Rausch unkontrollierbarer Weite. Jeder hauptstädtische Befehl verlor auf dem langen Weg nach Texas seine Bedeutung.
Vom Niemand zum Major Player
In der alten Welt war der Raum lückenlos verteilt und die Macht durch Mauern aus Bürokratie, Militär und Klasse gesichert. Im Grenzland existiert das alles nicht. Wer die Latenzspannen der Hegemonen begriff, konnte sich in einer zeitlichen und räumlichen Lücke seine eigene Realität erschaffen – so was wie eine Ranch von der Größe der Schweiz.
In Belfast hätte Coogan um jedes Stück Brot und das marodeste Dach über dem Kopf kämpfen müssen. In Texas kollabierte die imperiale Kontrolle so fundamental, dass unglaublich große Frei- und Spielräume auf jeden rücksichtslos Tüchtigen warteten.
Coogan nutzte die Trägheit des erschlaffenden Riesen aus. Er wartete nicht, bis das Neuspanische Vizekönigreich den Geist von Tordesillas aufgab.
Der Vertrag von Tordesillas (1494) – Die Aufteilung der Welt
Nachdem Christoph Kolumbus 1492 im Auftrag der spanischen Krone Amerika erreichte, drohte ein militärischer Konflikt zwischen den beiden dominierenden katholischen Seemächten der Epoche: Spanien (Kastilien) und Portugal. Um einen Krieg zu verhindern, riefen die Monarchen den Stellvertreter Gottes auf Erden an.
Die päpstliche Demarkationslinie – Am 7. Juni 1494 unterzeichneten die Abgesandten im kastilischen Tordesillas ein Abkommen, das auf einer Bulle von Papst Alexander VI. (Borgia) basierte. Der Papst zog mit der Feder eine imaginäre Trennlinie auf dem Globus, exakt 370 Meilen (ca. 1770 km) westlich der Kapverdischen Inseln. Westlich der Linie (ganz Nord- und Südamerika) gehörte fortan rechtmäßig Spanien. Östlich der Linie (Afrika, der Seeweg nach Indien und – durch einen geografischen Zufall der Ausbuchtung – das spätere Brasilien) fiel an Portugal.
Der Vertrag von Tordesillas war ein Akt eurozentrischer Überheblichkeit. Drei Leute teilten einen Planeten, dessen reale Ausmaße sie nicht kannten, per Federstrich auf.
Das absolutistische Machtmodell basierte auf einer Fiktion von Allmacht. Es funktionierte nur so lange das geschriebene Wort des Monarchen sakrosankt blieb. Coogan bekam davon gar nichts mit. Er agierte in den toten Winkeln königlicher Kommunikationswege.
1803 erwarben die USA Louisiana. Plötzlich grenzte der expandierende angloamerikanische Staatenbund direkt an das morsche und überdehnte Vizekönigreich Neuspanien (Mexiko).
Genie der Antizipation
Dass Coogan sich zu diesem Zeitpunkt bereits da positioniert, wo erst 30 Jahre später Nägel mit Köpfen gemacht wird, zeigt eine visionäre, fast unheimliche Intuition für historische Tektonik. 1803 lag Texas von Mexiko-Stadt und Washington aus kommunikativ auf dem Mond. Die USA wussten selbst kaum, was sie da gekauft hatten, und Spanien war in die Napoleonischen Kriege verstrickt.
Dreißig Jahre Vorsprung
Coogans Antizipation macht ihn zu einem geopolitischen Spekulanten der radikalsten Sorte. Indem er sich festbeißt und seine Position hält, mutiert er vom irischen Slummer zum archaischen Feudalherrn. Seine Ranch ist eine mit schierer Präsenz und Gewalt behauptete Zone. Er schlägt der Geschichte ein Schnippchen, indem er ihr drei Jahrzehnte vorausreitet.
Das sind oft irisch-basierte Mustanger, die erkannt haben, dass sie mit den spanischen und mexikanischen Milizen fertigwerden können und so auch mit den Völkern der First Nation. Es ist ein ständiger Switch zwischen Gewalt und Handel, wie bei den Wikingern. Aber da die USA ihre Geschichte glorifiziert, wird dieser Wildwuchs der irischen Pferdefänger dreißig Jahre vor der Texas Revolution nicht erzählt.
Es ist das Prinzip der Spielfreien Zone, in der staatliche Zugehörigkeit nichts zählt, sondern nur die persönliche Durchsetzungskraft im Raum. Das Kapital der Wildpferde – Die riesigen Mustang-Herden in Texas sind das mobile Gold dieser Epoche. Wer sie fängt und zähmt, kontrolliert das wichtigste logistische und militärische Gut der Zeit.
Der ungemütliche Wildwuchs
Ein Haufen irischer (oft katholischer) Outlaws und Analphabeten, die mit Tejano-Desperados und indigenen Akteuren kollaborieren, Verträge brechen und schließen, wie es ihnen passt, passt nicht zum protestantisch-angelsächsischen Texas-Narrativ.