Historische Amnesie
Im Sommer 1984 kreuzt der deutsche Amerikanist Jarek Teichmann in Nacegdoches auf. Von Stund an wühlt er in den Archiven. Alle Leute, die mit ihm sprechen, stammen aus Ersten Familien. Sie gerieren sich ultrapatriotisch und sind Stammbaumfetischisten. Sie glauben, unglaublich gut Bescheid zu wissen. In Wahrheit wissen sie sehr wenig. Sie haben keine Ahnung von den frühen illegalen Landnahmen ab 1780 im mageren Speckgürtel spanischer Missionsstationen.
Jarek ist the crazy German Barbecue-Buddy. Das Pit-Maskottchen spricht alle auf ihre monströsen BBQ-Pits an, obwohl das doch die kleinste Einheit texanischer Hypertrophie ist. Das sind Eigenbau-Ungetüme und maßgefertigte Smoker mit mehreren Brennkammern und gewaltigen Rosten.
Lauter Millionäre laden Jarek zum Brisket ein, drücken ihm bei jeder Gelegenheit eine Büchse Lone Star Bier in die Hand und lassen ihn gewähren. Sie schmieren ihn mit Anekdoten. Das joviale Desinteresse an der historischen Wahrheit irritiert Jarek.
„Oh, Jarek, you and your German theories! Have some more ribs.“
Sie nehmen ihn schlicht nicht ernst genug, um ihn als Bedrohung zu sehen. Seine Entdeckungen perlen an ihren Gewissheiten ab. Jarek ist der kauzige Deutscher, der sich für ihre Geschichte interessiert?
Die Immunität des Mythos
Jarek mag in den Archiven von Nacogdoches stöbern, bis er im Aktenstaub erblindet. Dass nahezu alle Ahnherren und Stammväter staatstragender Dynastien illegale Grenzgänger, Pferdediebe, Sklavenhändler und -halter, Piraten und Mörder waren, beweist doch nur Come-and-take-it-Schneid bis ins erste Glied. Wohlbestallte Erben integrieren die Kriminalität der Stunde Null in ihre Exzellenzkonzepte. Jarek ist ein „akribisches Altwelt-Schaf“. Es (das Schaf) besitzt zwar das „intellektuelle Schürfrecht“, aber die Ausbeute ist wertlos auf den Märkten des grassierenden Jetzt.
1803 begriffen ein paar Analphabeten ohne zünftige Berufsausbildung das Dilemma zweier Großmächte und wussten eine Jahrhundertchance zu nutzen, indem sie sich Territorien so groß wie europäische Kleinstaaten unter die Nägel rissen. Als Stephen F. Austin in den 1820er Jahren Zertifikate für den biederen Durchschnittssiedler ausstellte, kriegten die Söhne von Grand Slam Coogan und Bull Calhoun passende Urkunden. Binnen zweier Dekaden verwandelten sich illegale Landnahmen in rechtmäßig erworbene Haciendas. Dem ersten Legalisierungszyklus diente zumal der Baumwollboom der Antebellum-Jahre. Mit der texanischen Unabhängigkeit von 1836 und der US-amerikanischen Annexion 1845 verfielen sämtliche älteren Ansprüche. Die Grenze war geschlossen, die Beute juristisch gesichert. Aus irischen Pferdedieben waren respektable Baumwollbarone geworden, deren Ernten die industrielle Revolution in Manchester fütterten. Nach dem Verbot der Sklaverei wurden die Enkel der Mustanger in den 1870er Jahren Rinderrancher. Ihre Cowboys trieben Millionen Longhorn-Rinder über die Prärie nach Norden. Der Spindletop-Ölboom von 1901 machte eine längst nobilitierte Kaste unantastbar. Das Ölgeschäft und die Filmindustrie schlossen das letzte Erinnerungsfenster zu dem mörderischen, vollkommen irregulären, aber eben auch landwirtschaftlichen Anfang. Die Urenkel blieben zwar Rancher, indes ohne jede bäuerliche Note. Sie waren Gutherren; ihre Brandzeichen ließen sich heraldisch deuten. In den knapp hundert Jahren, die sie brauchten, um eine Klasse für sich zu bilden, nach Jahrhunderten des Elends und der Lohnsklaverei, waren Jareks Vorfahren nicht über das Notdürftigste hinausgewachsen. In den folgenden achtzig Jahren blieb so weit alles beim Alten. Als Kind des nordhessischen Plattenbaus verkörperte Jarek das glatte Gegenteil der texanischen Dynastien. Dekaden des Stillstands definierten seine Ahnenlinie. Der Spindletop-Ölboom und die Filmindustrie schließen das letzte Erinnerungsfenster zu diesem mörderischen, irregulären Anfang. Die Urenkel sind Gutherren; ihre Brandzeichen lassen sich heraldisch deuten. Sie sind unantastbar.
Der Punkt war, die Nachkommen überlebensgroßer Männer erkannten den Niemand am Ende einer langen Reihe von Niemanden. Weil seine Familie historisch nie Raum eingenommen hatte, versuchte Jarek, so die küchenpsychologische Erklärung, nun den Raum der anderen analytisch zu sezieren. Der Gesamtschulgelehrte suchte unter der Grasnarbe, weil er tief in seinem eigenen Inneren hoffte, dass irgendetwas Verwestes die Happy-Few-Verhältnisse ins Wanken bringen würde. Jareks Grübeln war ein Signal erblicher Ohnmacht.