Schottisches Kammerspiel und Sexuelle Suppenküche
Der Sturm kam von Westen über den Nordatlantik. Seine regenreiche Wucht traf die ersten Inseln der Äußeren Hebriden; er streifte die Küstenlinie von Lewis and Harris, fegte noch einmal sechzig Kilometer über die offene See und meldete sich auf Hirta, dem Wächterfelsen von St Kilda. Er spielte sich wie ein Wahnsinniger auf, sich an den Klippen von Boreray und Soay erbrechend. Den Regen trieb er waagerecht über die Hänge von Conachair.
Naomi presste das Kinn auf die Brust, während eine Böe-Combo sie taumeln ließ. Eifersüchtig registrierte sie die beschützenden Gesten, mit denen Jarek Nana unter seine Fittiche nahm. Nana ließ sich die Fürsorge gefallen. Sichtlich genoss sie Jareks einnehmende Art. Er hatte schon wieder eine Hand an ihrem Hintern. In dieser Konstellation klangen Noten an, die aus dem akademischen Register kamen. Als Nanas Liebhaber zeigte sich Jarek seiner Ehefrau noch einmal anders. Er war Dekan, Nana war ihm in der universitären Hierarchie untergeordnet. Zugleich war sie ihm intellektuell wenigstens ebenbürtig und sozial rangierte sie turmhoch über Naomis Project Kid aus dem nordhessischen Plattenbau. Heute Morgen hatte Jarek Nana zum ersten Mal vor Naomis Augen … und etwas von dieser Eskalation auf der Liebesleiter wirkte sich auf alles Weitere aus. Hatte sich Nana von Eisenreich und Battenberg, ihres Zeichens Angehörige der Urhessischen Ritterschaft ...? Bedeutete es nun mehr, wenn sie ... so wie die texanische Multimillionärin Naomi es spielerisch, aber eben auch in einem Bouquet voller Anspielungen tat?
Die Althessische Ritterschaft wurde im Jahr 1532 von Landgraf Philipp dem Großmütigen gegründet.
Naomi schloss sich den Turteltauben an; schließlich ging Jarek unter ihrer Aussicht und mit ihrer ausdrücklichen Genehmigung fremd. Falls man das Arrangement überhaupt so bezeichnen konnte. Es war ihre Idee gewesen. Keines der Bilder, die ihr heimlich zu schaffen machten, sollte es ohne ihr Einverständnis geben. Sie führte Regie. Jarek und Nana folgten nur der Choreografie, die sie entworfen hatte.
In dieser Perspektive zogen alle eine exklusive Rendite aus dem Geflecht. Die Frauen nutzten Jarek als das perfekte Medium für ihr feines Duell, während sie sich gegenseitig als ebenbürtige Verwalterinnen ihrer jeweiligen Macht anerkannten. Mit dieser gewiss mehrfach zweifelhaften Deutung tröstete sich Naomi, während sie mit der Hälfte ihres Mannes vorliebnahm. Zu ihrer Beruhigung suchte auch bei ihr die freie Hand sofort den Arsch auf. Er hatte sich schon ein paar Mal einen formidablen Altar … errichtet. Naomi besaß die Gabe, sich an Jareks Stelle einzuklinken in das sexuelle Geschehen. Sie zog Lust aus dieser Anverwandlung. Der Sturm schob die Protagonisten vor sich her und hinein in das verlassene Herz von Hirta. Die St Kildans bildeten in Jahrhunderten eine der eigentümlichsten Gemeinschaften Europas. Ihre Vorfahren waren Gälisch sprechende Kelten mit einem skandinavischen Einschlag gewesen. Genetisch und kulturell waren sie eng mit den Bewohnern der Äußeren Hebriden – Lewis and Harris und Uist – verwandt. Lehnsherrschaftlich gebunden waren sie an den MacLeod-Klan. Im Frühmittelalter hatten Wikinger den Archipel befruchtet. Die Insulaner lebten von der denkbar sportlichsten Jagd auf Seevögel. Die Jäger seilten sich barfuß an hundert Meter hohen Steilklippen ab, um Gannets, Puffins und Fulmars und deren Eier zu erbeuten. Auf der Insel standen Hunderte Cleits – kuppelförmige Steinbuden. Der Wind pfiff durch die Ritzen und sorgte so für eine verrottungsresistente Ökologie. Es gab keinen Bürgermeister. Jeden Morgen trafen sich die erwachsenen Männer auf der Village Street, um die Aufgaben des Tages aufzuteilen. Der Tourismus ab dem späten 19. Jahrhundert brachte Krankheiten, Geld und Abhängigkeit – was die Gemeinschaft demografisch so ausblutete, dass 1930 nur noch 36 erschöpfte Menschen evakuiert werden mussten. Sie verließen Hirta auf der HMS Harebell und hinterließen eine aufgeschlagene Bibel und eine Handvoll Hafer auf ihren Tischen.
Die Ruinen an der Village Street hoben sich wie zahnlose Kiefer urzeitlicher Echsen gegen den graugepeitschten Himmel ab. Im Schutz grob geschichteter Feldsteinmauern, an einer politisch belanglosen Empire-Peripherie, nistete eine klamme Stille. Sie verteidigte sich erfolgreich gegen den thermischen Aufruhr. Der Regen verlor sein Recht, alles zu durchnässen, an eine trutzige Felsbarriere. Massiven Artefakte ließen den Eindruck einer zerfallenen Festung entstehen. Unregelmäßige Mauerkronen ragten wie Zinnen auf. Naomi assoziierte ein Amphitheater, eine antike Bühne in einer arktischen Wildnis. Das Terrain war ihr aus Träumen vertraut.
„Jarek“, sagte Naomi, „hier und jetzt, mein Stallhase, und Nana guckt zu.“
Nana rührte sich nicht. Sie verstand ihren Status, ihr Geld und ihre Herkunft als Portfolio, das sie umsichtig verwaltete. Sie bestand darauf, nicht in einer sexuellen Suppenküche abgespeist zu werden. Jarek genügte ihren Ansprüchen. Es war ein theatralisches Vabanquespiel auf dem Hochpunkt der New Economy.
Naomi erzählt
Nur Wetter und Stein. Die auf ihre Elemente reduzierte Erde. Salz. Torf. Regen. Guano. Rost an jedem Ding von Menschenhand.
Auf der Insel gab es keine touristische Infrastruktur. Wir reisten mit Loganair und Highland Vehicle Rental und wurden – in einem zufälligen Arrangement – von Leverburgh mit Naturschützern übergesetzt.
Eine Tagesbootlinie stand noch in den Sternen. Die vage Idee, den Urlaub in Camping ausarten zu lassen, war grandios gescheitert. Was nicht allein am Wetter lag. Da war einfach nichts, was zu einer Plein-Air-Übernachtung einlud. Unser Ass im Ärmel war ein militärischer Ausschank – eine Singularität im Weltmaßstab am Arsch der Welt. Die Radarstation der DERA (Defence Evaluation and Research Agency) verfügte über die vermutlich exklusivste und skurrilste Bar auf dem Planeten: das Puff Inn.
Das Puff Inn war eine Kantine – ein zweckmäßiger Raum in einem Zweckbau. Für ein Pfund wurde man Mitglied. Das Geld floss in eine Seenotretterkasse. An den Tischen tagten Seeleute und Segler, Soldaten, Mitarbeiter des National Trust, Naturkundler und ein paar Männer, die sonst wie in die Landschaft gehörten.
Die Kantinenwänden waren mit Abzeichen, Wimpeln und Flaggen tapeziert. Der Whisky kostete fünfzig Pence. Fünfzig Pence für einen doppelten Scotch. Kein Gewinnaufschlag. Die Kantine durfte keinen Gewinn erwirtschaften, der Alkohol wurde zum Selbstkostenpreis ausgeschenkt. Es gab nur doppelte Whiskys.
Nana und ich zogen die Blicke der DERA-Ingenieure auf uns, so wie aller anderen Männer. Wir waren die einzigen Frauen im Raum.
Die Genügsamkeit von Wissenschaftlern, die in arktischen Forschungseinrichtungen zur Askese bekehrt worden waren, bestimmte den Standard der Übernachtungsangelegenheiten. Demobilisiert stationierte Wohnwagen boten weiß Gott keinen einladenden Anblick hinter einem Erdwall. Ich assoziierte die Tristesse amerikanischer Trailer Parks. Überall gediehen Rostblüten. Zwischen den Campingbüchsen gammelten verbeulte Treibstofftonnen. Es war echter Abfuck. Als Jarek die Tür öffnete, schlug uns eine Wand aus abgestandener Luft entgegen. Jedes Möbelstück – vom festgeschraubten Sperrholztisch bis zur durchgesessenen Eckbank – verströmte Mief im Schein flackernder Halogenbirnen. Jarek übernahm den Hausmeisterdienst. Sich nützlich machen: das gehörte auch zu seiner Plattenbauprägung. Er hantierte mit einem Valor-Gasstrahler. Das Ding war eine antike Fehlkonstruktion. Nach mehreren Versuchen erstarb das Klicken des Zünders und eine fauchend-blaue Flamme erwachte hinter dem Schutzgitter. Sie verströmte sofort den typischen, leicht süßlichen und giftigen Geruch von unvollständig verbranntem Propangas. „Er läuft“, sagte Jarek, leicht besoffen und so zufrieden mit sich und der Welt wie eh und je. Sich nicht aus der Ruhe bringen lassen; ich nenne jetzt mal so nebenbei die Programmpunkte. Jarek war mein Project Kid. Ich hatte ihn geformt und zum Dekan gemacht. Für Nana war er ein Schwanz, der in Betracht kam im Geist des diskreten Charmes der Bourgeoisie. Ich erkannte mich wieder in ihrer Kaltschnäuzigkeit. Auch ich hatte ihn in unserer gemeinsamen Keimzeit vor sechzehn Jahren so gesehen. Angewidert betrachtete Nana den verkrusteten Zweiflammenkocher und das Plastikspülbecken. Sie hatte ihre Handschuhe nicht ausgezogen. Mein Gott, sie sah so edel aus. Ich dachte an das Gestüt meines Vaters in Nacogdoches – an nervöse Vollblüter mit aristokratischen Stammbäumen. Quarter Horses aus exklusiven Racing-Linien – mit Einkreuzungen von Englischen Vollblütern.
Aus dem Unterricht
Wir sind nicht Körper plus Kognition. Wir sind atmende Physik, die denken kann.
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Muskelarbeit verändert den Körper nicht nur mechanisch, sondern auch als biologisches Signalsystem. Das ist ein fundamentaler Perspektivwechsel.
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Die Vorstellung gibt der Bewegung einen Horizont.
Der Muskel als Botenorgan
Lange Zeit erschien der Muskel vor allem als mechanischer Apparat. Er kontrahiert, bewegt Knochen, erzeugt Kraft. Heute wissen wir, dass diese Beschreibung unvollständig ist. Skelettmuskulatur ist auch ein Signalorgan. Während der Muskelarbeit entstehen und verändern sich zahlreiche Botenstoffe. Ein Teil davon wird unter dem Sammelbegriff Myokine zusammengefasst.
Der Muskel als endokrines Organ - Damit bekommt Bewegung eine zweite Dimension. Sie ist nicht nur mechanisch. Sie ist auch chemisch. Der kontrahierende Muskel verändert sein lokales Milieu. Er beeinflusst Stoffwechselprozesse, kommuniziert mit anderen Geweben und steht in Verbindung mit Vorgängen, die Immunfunktion, Glukose- und Fettstoffwechsel sowie Anpassungsprozesse des Nervensystems betreffen.
Muskelarbeit verändert den Körper nicht nur mechanisch, sondern auch als biologisches Signalsystem. Das ist ein fundamentaler Perspektivwechsel.