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2026-10-05 12:41:59, Jamal

Turning Danger into Performance – Fadenscheiniger Orgasmus

Negativprodukt von Aufklärung

„Auch das ist ein Negativprodukt von Aufklärung - dass die Leute ständig meinen, sie müssten etwas verstehen … Der Kopf gehört nicht ins Theater ... Erfahrung kann man nur blind machen.“ Heiner Müller

Aus Jareks Aufzeichnungen anno 1999

Der Wald ist eine Welt für sich. Ich komme gerade aus den Dolomiten, da kann man sich noch tödlich verlaufen. Besser man zieht nicht ohne Fruchtriegel und Thermoskanne los. Ich habe in Südtirol auf fünf Touren keine zehn Hochsitze gezählt. Wo das Jagen mühsam ist, fehlt der Jäger. Das bemerkte einst Königin Giovanna I. (ca. 1326 - 1382), eine streitbare neapolitanische Aragonesin, die wir deshalb auch als Johanna von Aragon kennen. Sie herrschte über Neapel wie über Kalabrien, Sizilien und (nominell) über Jerusalem. Zu Johannas Zeit drehte sich fast alles um die Interventionen im Heiligen Land. Noch hielten Mauren die iberische Halbinsel fest. Die Reconquista entsprach einem Spiel, dessen Ausgang in den Sternen stand. Die Bevölkerung erlebte sich im Zustand äußerster Entrechtung. Der Adel aber sicherte sich sogar ein Recht auf Rebellion gegen die Königin. Das war ein Freischein für den Fall des Scheiterns (eines Putsches).

Wie wichtig schon Papier war. Ein Wort, obwohl doch jeder Nennenswerte ein Schwert trug. Woher nimmt das Wort seine Bedeutung?

*

Siebzig Jahre nach Kolumbus ist die Neue Welt zum Rummelplatz geworden. Ich sage nur Tortuga. Sodom und Gorgonzola. Italienische Gangster ziehen die erste Mafia auf, Meyer Lansky eröffnet ein Casino auf dem Alexanderplatz der Insel, Vollidioten brüsten sich auf Brunnenrändern, Flagellanten vereinen sich zu Prozessionen, Friedrich von Zierenberg beobachtet Möwen, die vom Fang der anderen leben. Wie Diebe in der Nacht bemächtigen sie sich fremder Fische. Zierenberg fragt sich, warum nicht alle Möwen dem Beispiel der Piraten folgen.

Kolumbus hatte Kuba für eine asiatische Halbinsel gehalten, nun fallen die kubanischen Stutzer zum Zocken auf Tortuga ein. Seit Jahrzehnten schickt man spanische Schwerverbrecher Richtung Hispaniola, „so kam der Abschaum des Menschengeschlechts nach Westindien, der die Belehrung der Indianer unmöglich machte.“ (Kammschneider)

…

Im Frühjahr 1495 passierte Kolumbus den Drachenschlund von Trinidad und stieß bald auf ungewöhnlich „stattliche“ Inder, denen Freundlichkeit abging. Eine Streitmacht stellte sich der Expedition entgegen, auf einen Spanier kamen fünfhundert erregte Bürger.

„Aber die Übermacht hielt den Geschützen, der Reiterei und der Bluthundestaffel nicht stand. Der Sieg des Kolumbus war leicht und vollkommen. Der Admiral brachte das harte Recht der Sieger über den Verlierern zur Geltung.“ Arturo Kammschneider

Kolumbus spielte sich als Herr im Haus auf und war doch bloß ein Dahergelaufener. Er verlangte nicht nur eine exorbitante Kopfsteuer vom Inder auf Trinidad, er kriegte sie auch. Anstatt ihn um seinen Kopf zu kürzen, gab man ihm jedes Jahr hundertsiebzig Gulden in Gegenwerten.

Aus dem Off

Einmal hatte sie mit einem Eishockeynationalspieler eine Stunde lang das Vergnügen in einer Hotelsuite. Dann gab es die Nacht im Zelt gemeinsam mit Gunda und einem zypriotischen Namenlosen (Name nicht richtig verstanden, vergessen nachzufragen, sich durchgemogelt und um die Lücke gedrückt und das peinlich gefunden) und noch so eine fast anonyme Dreifaltigkeit zwischen festen Wänden. In ihrer Not greift Nana auf das Abenteuer im Zelt zurück und mischt es mit phantastischen Elementen, die alle nicht richtig zünden, während sie unter der Dusche steht. Sie verhilft sich zu einem fadenscheinigen Orgasmus. Unter dem prasselnden Wasser überrollt sie eine Welle der Frustration. Sie bereut, die aufgestaute Erregung in diesem Erzählkamin verheizt zu haben. Die schlampig recycelte Kulisse und das abgedroschene Setting können ihre Sehnsucht nicht stillen. Das Verlangen bleibt völlig unberührt von der Selbstberührung. ‚Stay hungry for your love‘, denkt sie blindlings. So modifiziert Nana die Boxerbinse ‚Stay hungry‘, ohne sich Rechenschaft darüber abzugeben, dass sie gerade Liebe mit einer kampfsportlichen Härtephilosophie zusammenbringt. Sie stellt das Wasser ab, tritt aus der Kabine und wischt mit der Handfläche ein Viereck in den beschlagenen Spiegel. In einem irrlichternden Wortspiel assoziiert sich Kondensat zu Komprimat. Jederzeit könnte sie Jarek bloßstellen; nicht, dass ihr das einfiele … und doch stellt sich auf ihrer inneren Bühne eine Konstellation so dar, dass Jarek sie seiner Frau vorziehen muss, um das Risiko einer Kompromittierung zu verringern, indem er Nana zu Willen ist. Die Szene erlaubt Nana alles, was eben entbehren musste. Im aufsteigenden Lustexpress verwandelt sich Jarek in einen emotional Gefügigen, der sie mehr liebt als seine Frau. Gleichzeitig tritt er körperlich bestimmend auf. Wissend, dass sie die Regisseurin dieses Begehrens ist, eilt sie fingerfertig einem satten Höhepunkt entgegen.

Nana betrachtet sich zufrieden. Oh ja, sie gefällt sich. Im lautlosen Selbstgespräch hält sie Jarek vor, sie zu seinem Nachteil zu verschmähen. Sieh nur, was du verschmähst! Sie dreht sich seitlich zum Spiegel und reckt den Hintern. Da fliegt die Tür auf. Jarek kommt herein und steuert direkt das Waschbecken zu, um sich die Hände zu waschen. Er ignoriert die nackte Pracht mit erhabener Nachlässigkeit.

*

Sie erreichen Stornoway zwei Tage nach Jareks letztem koitalen Entgegenkommen Nana gegenüber. Sie versteht kaum, was geschieht. Noch nie musste sie ihr Begehren zügeln. Eine einladende Geste reichte stets zur Entfachung von Stürmen. In jedem Flirt erlebt sie ihre Attraktivität. Sie holen die Leihkarre – einen Land Rover Defender 110. Nana macht den Job am Schalter von Car Hire Hebrides. Sie will es so. Unter ihrem konservativen Reisekostüm trägt sie das Haute-Couture-Harness. Sie bleibt in ihrer Rolle der Novizin und hält – nun nur noch gedämpft lustvoll – den vorgezeichneten Kurs. Der Angestellte hinter dem Schalter – ganz selbstgewisser Schlacks mit singendem Highland-Akzent – verfällt ihr auf der Stelle. Das herrische Allrad-Monster und Panzer fürs Gelände würde er sehr gern selbst steuern. Nana sonnt sich auf dem Hof seines Verlangens. Er schneidet ihr die Cour, mit einer Tendenz zur augenblicklichen Verausgabung. Nana registriert die Valeurs und tankt voll.

Die Route

Stornoway Airport → Stornoway → A857 westwärts → A858 → Carloway → Doune Braes – 45 min für 45 km.

Die Anglistin Nana kennt die Nordfront „From the Butt of Lewis to Barra Head“, wie es in dem Gedicht von Robert Burns heißt, von mehr als einer Reise. Die Leute reden da gälisch „as their native tongue“ (Burns). Jarek hat Zimmer im Doune Braes gebucht, vor den Fenstern liegt der schwarze Spiegel eines Teichs, der jeden erschaudern lässt und schon manchen Bräutigam zum Selbstmord verführte. Keine Herberge steht den Callanish Standing Stones näher.

Nana will auf dem megalithischen Kultplatz ihre Ahnen befragen. Alle drei erhalten Informationen aus der Vergangenheit. Interessanterweise sind sie in jeder Epoche und allen Erscheinungen ideal proportioniert. Auch geschlechtlich und gesellschaftlich bleiben sie stets vorzüglich. Nana ist die Frau mit Einfluss in einer abgeschiedenen Gemeinde. Sie wirkt als Chieftain oder Schamanin. Nach ihrem (vorübergehenden) Tod bewahrt man ihr ein großartiges Andenken.

Ich will mich vor Spott hüten. Die Frage ist doch, was erzählen wir Nanas Gatten H. Buchinger? Mobile Telefone funktionieren wie elektronische Fußfesseln. Wie verheimlicht man einen Honoratioren-Swinger-Ausflug in einer Kleinstadt? Die Zimmer liegen nebeneinander und wären nicht nötig gewesen als teure Angelegenheit.

Nana wird aus Jarek nicht schlau. Braucht er noch mehr Schnickschnack für seinen Sex? Sie hilft gern und findet Umständlichkeit in diesem Fall faszinierend, während sie sich trotzdem noch auf lokale Sehenswürdigkeiten konzentriert. Dazu rechnet sie den Keeper an der Hotelbar – einen Australier aus … Tasmanien aka Van-Diemen’s-Land war im 19. Jahrhundert die brutalste Sträflingshölle des British Empire. Die Westküste ist berühmt für ihre Roaring Forties – unbarmherzigen Westwinde, die auch die schottischen Hebriden peitschen. Der Keeper wuchs im nasskalten Regenwald auf.  

Ach was, was soll der Geiz, schließlich jederzeit nachladen und in die Vollen gehen. Eine Kuriosität der Kolonialgeschichte – die wiederholte Entdeckung. Manches Land wird in den Jahrhunderten zwischen Magellan und Cook mal von dieser, mal von jener europäischen Macht entdeckt und manchmal mehr als einmal von derselben. Australien ist bereits im 16. Jahrhundert ein europäisches Ziel, bleibt aber zweihundert Jahre lang Niemandsland in der europäischen Perspektive. Es gibt eine ozeanische Vergesslichkeit, die einsetzt, wenn kein Missionseifer und keine wirtschaftlichen oder strategischen Interessen Engagement fordern, wenn nicht Eifersucht und Konkurrenz zwischen Staaten der Alten Welt stimulierend wirken. Manchmal reicht ein missglückter Besiedlungsversuch, um eine Insel von der Karte zu nehmen.

Der niederländische Kapitän Abel Tasman bezeichnete die begehbaren Flächen im Pazifik als vorbewusste Räume der Welt. Er fand schlafende Länder, Stein- und Traumzeitreservate, die der Empfindung Vorschub leisteten: in einer anderen Zeit gelandet zu sein. Er passierte Inselflure und beschrieb sie als poly nēsoi. 1642 erreichte Tasman Neuseeland, nachdem er das seit der Antike sagenhafte Südland (terra australis) umfahren hatte. Er segelte für die Dutch East India Company von Batavia aus, wieder ging es um Durchgänge und Abkürzungen ... Lange vermutete man Tasmanien auf der südlichsten Festlandkante Australiens. Tasmaniens insulare Eigenständigkeit wurde erst 1798 von George Bass festgestellt. In Australien stand alles auf Anfang: seit man Admiral Arthur Phillip, einen Hessen in britischen Diensten, dazu bewegen konnte, Vormund für siebenhundertzweiundneunzig Verbrecher zu spielen. Phillip bestimmte Macquarie Harbour Penal Station zur Heimat für solche, die in überseeischer Gefangenschaft straffällig wurden. Man isolierte die Energischen von den in der ersten australischen Kolonie New South Wales nahe Port Jackson (Sydney) Deportierten. Von 1788 bis 1793 gab es da nur Gefangene und Soldaten, abgesehen von der ursprünglichen Bevölkerung.

Der Keeper bringt das gebotene Interesse auf. Nana träumt mit offenen Augen an seinem Tresen von Tasmanien. Sie trinkt den einzigen legalen Inselwhisky: einen Single Malt der Abhainn Dearg Distillery. Das Destillat verweigert sich dem kommerziellen Geschmack. Es ist ein Medium der Initiation mit beinah extremistischen Noten im Spektrum von Algen, Gischt, Maschinenöl, unreifem Apfel, Zitrusabrieb, Heidekraut, Torfrauch, Erde und nassem Leder. Doch noch vor einer Vertiefung der standeswidrigen Bekanntschaft kreuzt Orson von Gudensberg auf.