Turning Danger into Performance – Dämonische Minne
„Welches Grab schützt mich vor meiner Jugend.“ Heiner Müller
Es fällt mir nicht leicht, Antonia ‚Toni‘ Weber wiederauferstehen zu lassen von den Toten in der Gruft meiner Jugend. Ich kannte Toni schon ewig und drei Tage, bevor wir zum ersten Mal ins Gespräch kamen. Wo ich war, da war auch sie, aber anders verbunden. Ich verschwendete keinen Gedanken an sie und registrierte doch alles. Noch existierte sie weit weg von den schwarzen Tüllräuschen, in denen Toni einen Star nachahmte, der von Radiomoderatoren als postexistenzialistische Rockröhre bezeichnet wurde. Irgendwann verabschiedete sie sich aus dem Kreis jener, die vor dem Abitur Vorlesungen bei Johannes Seifert protokolliert hatten und Rimbaud, Neruda und Christa Wolf in einem Lesezirkel zerpflückten.
Eine Weile zierte Toni den Kasseler Narrensaum meiner Generation. Der Narren König war Erich Weinteufel. Die wie ein Jet aufsteigende Jungsozialistin Iris Leise nahm Erich als letzten eingeborenen Liebhaber sowie als Baal-Baader, Revolutionspopanz, männliche Schlampe und Schaumschläger des Wahnsinns in Besitz. Iris liebte es, im Spa der von ihrem Vater Heinrich am Fuß der Dönche errichteten maurischen Festung eingeseift zu werden. Ich kann ein Lied davon singen, aber das ist eine andere Geschichte.
Die Weinteufel-Jüngerinnen verehrten Fritz Teufel und Charles Manson. Sie zelebrierten dilettantische schwarze Messen. Toni erschien in diesem Rahmen mondän, wenigstens nach unseren Maßstäben.
Ich verzettele mich schon wieder.
Kassel 1982 – Toni erzählt
Erich will mich als unterwürfige Hohepriesterin, gehüllt in Rauschengelmüll, den ich Second-Hand geschossen habe. Er giert nach dem Moment, in dem ich mich, vom Affen meines eigenen Wahns gebissen, auf dem Pseudoaltar flachlegen lasse. Erich faselt von Aleister Crowley, dem „Großen Tier 666“ und der sexuellen Magie von Thelema. Selbst seine autosuggestive Potenz ist gewiss nicht so groß, sich in dem feuchten Keller im Haus seiner Oma Crowleys sizilianische Abtei auch nur vorstellen zu können. Erich hat das magische Auge in einem gleichschenkligen Dreieck sehr ordentlich an die Wand gepinselt. Die seriöse Ausführung verweist auf seine pedantische Seite.
Einen Augenblick beschäftigt mich die Frage, wie ein Ding beschaffen sein muss, dass es zum Sakrileg taugt. Reicht für den Budenzauber schon Erichs billiger Weihrauch und die Kladde, in der mit beinah unleserlicher Klaue seine eigenen zehn Gebote vermerkt sind? Und, verdammt noch mal, so lächerlich ich das Theater finde, so sehr kitzelt es mich doch. Es regt mich auf, das Zentrum des Wahnsinns zu sein. Erichs dämonische Minne übersteigt den Aufwand, mit dem mich die meisten ins Bett zu kriegen versuchen, um Längen. Das rechne ich ihm an.
Er gibt sich eine Heidenmühe mit seinem okkulten Firlefanz. Tagelang hat er Kerzenstümpfe gesammelt. Er deklamiert erfundene Beschwörungsformeln in einer Soutane, unter der er, wie alle Tage, eine giftgrüne Cordschlaghose trägt.
Ich sehe dich. Du bist der Beobachter und warst das schon im Kindergarten. Das ist deine Rolle. Du wirst daraus einen Beruf machen, da bin ich mir sicher. Ich registriere jeden deiner Atemzüge und erlebe deinen Atem und meine Aufmerksamkeit als Zwiegespräch, obwohl ich weiß, dass du nichts davon mitkriegst. Was, wenn ich Erichs Inszenierung torpediere? Was, wenn ich jetzt zu dir komme, dich anmache und den Rest der Nacht mit dir verbringe? Ich frage mich, wie es wäre, die Tür zu deiner aufgeräumten Wohnung hinter uns leise ins Schloss fallen zu hören. Bei dir hat alles seinen Platz, sogar die Sehnsucht. Es gibt Typen, die das überfordert, wenn eine Frau offensiv die Kurve zum überraschenden Sex nimmt. Sich kurzerhand aus der äußeren Schale pellt und den männlichen Hosenstall öffnet.
Erich will mich so sehr. Ich soll in ihm meinen Baal erkennen. Ich könnte ja auch erst einmal vor ihm auf die Knie gehen und genau die Töne treffen, die er für sein prätentiöses Manson-Epos braucht. Ich könnte ihm die Show seines Lebens liefern, bis er vor Lust zittert – um ihm dann, mitten im orgiastischen Triumph, tief in die Augen zu blicken und zu sagen: „Und jetzt gehe ich mit Jarek ficken.“
Erich will den physischen Schock, so etwas wie einen erotischen Highball. Das heilige Delirium. Er führt sein eigenes Theater der Grausamkeit auf. Mein genitaler Puls reagiert auf meine und seine Übertreibungen. Artaud und Bataille – wie lächerlich ist es, in diesem Muff etwas heilig zu finden. Was, wenn ihr beide mich längst durchschaut habt? Was, wenn deine Kälte und seine Hexenmeisterei sich im Verborgenen treffen? Ich gönne mir eine Halluzination: Erich, der mich für das Finale auf dem Altar bettet, und du, der aus dem Schatten deiner Unzugänglichkeit trittst, nicht um ihn aufzuhalten, sondern um das Protokoll zu führen. Um mich mit deinen sezierenden Blicken festzunageln, während seine Hände sich an meinen Brüsten laben. Eine erotische Kollaboration der Gegensätze. Erich besorgt den Vollzug, und du steuerst das Arrangement aus. Ihr teilt euch die Beute – der eine nimmt meinen Körper, der andere raubt mir im selben Moment die intellektuelle Würde, indem er jeden meiner Seufzer in Gedanken bereits für das Epilog-Kapitel seines ersten Romans formuliert. Und dann tauscht ihr die Plätze und Rollen. Du bist mir viel vertrauter in meinem klandestinen Kosmos. Die Vorstellung nimmt mir den Atem. Gegen einen Teufel im Keller kann ich kämpfen, gegen ein Gespenst des Lichts in einer junggesellig aufgeräumten Wohnung auch. Aber gegen euch beide gemeinsam gibt es keine Verteidigung. Ich wäre endlich überwältigt genug, um es geschehen zu lassen. Eure Komplizenschaft soll da nicht enden. Hörst du, Jarek, jetzt fange ich an zu brennen. Während das Feuer mich im Halbdunkel verzehrt, rühre ich keinen Finger. Aber mein Blick ist eine unverschämte Einladung.
Jarek, ja, du und ich sind es, die aus der Gruft steigen, um an der nächsten Ecke wieder abzusteigen in Lindas Weinkeller. Das Lokal besteht seit hundert Jahren. Hier haben schon unsere Urgroßväter gebechert. Meine …, ich würde dir das so gern ins Ohr flüstern und mit meiner Zunge über die Muschel streichen. Eben dachte ich, Erich sei uns hinterher, aber nein. Ich habe ihn wohl zu sehr geknickt und weiß mich verdammt bis in den dritten Höllenkreis. Du bestellst für uns den Hausschoppen, so wie es sich gehört, so zünftig. Wir quetschen uns nebeneinander auf einen Fassdeckel, der schon lange Sitzmöbel ist. Ich bin jetzt beinah angenehm erregt. Es ist eine weltliche Hitze; das lässt sich regeln. Ich sehe dich über den Rand meines Glases hinweg an. Wir haben das Hochplateau der Phantasie verlassen. Ich weiß, es wird sich heute Nacht eine Gelegenheit ergeben, vielleicht in einem Windfang. Ein Höhepunkt to go – weit weg von dem metaphysischen Exzess in der Gruft, aber unendlich köstlich in seiner kleinen, schmutzigen, sozialverträglichen Pragmatik. Du nippst an deinem Wein, und ich lese in deinen Augen, dass du das Protokoll in deinem Kopf längst umgeschrieben hast. Du greifst zwischen meine Beine und spürst deine Wirkung. Jedenfalls darfst du das glauben. Du berührst mich genau richtig. Ich vergrabe meinen Kopf in deiner Halsbeuge, um so weltabgewandt in deiner, von Tüchtigkeit imprägnierten Aura, einfach zu kommen. Ich lecke deinen Hals und versichere dich meiner Revanchebereitschaft, beinah ohne jeden limitierenden Paragrafen. Es ist doch auch wahr. Am liebsten würde ich dich auf der Stelle in deinen äußersten Zuständen erleben. Träumst du manchmal davon, hinter Sträuchern halb verborgen einer freundlichen Hand den kleinen Tod zu verdanken? Ein Mensch, den du schon lange kennst, freut sich über die Samenfontäne.
Pershing-II-Raketen; NATO-Doppelbeschluss. Im Fernsehen jagen sie die letzten Gespenster der RAF. Und wir sitzen in dieser Katakombe und saufen uns die Hucke zu. Ich will deinen Atem in meinem Nacken spüren, erleben, wie du zwischen meine Beine drängst. Die Pille nimmt uns die Angst vor den Konsequenzen, und von der ganz großen Angst wissen wir noch nichts. Wir haben nur dieses Jetzt, die Aussicht auf einen Windfang als Schauplatz eines Quickies und das Versprechen, dass wir uns heute Nacht gegenseitig den Arsch retten. Nipp ruhig weiter an deinem Glas. Schreib mich in Gedanken ruhig weiter auf. Aber wenn wir gleich aufstehen, um im Liegen weiterzumachen, gehörst du mir.
Und da kommt Iris, natürlich nicht allein. Ich habe sie noch nie allein auf der Piste gesehen. Sie bewegt sich in einer Korona, die ihre Bedeutung anzeigt. Ich versteife auf dem Fassdeckel. Dagegen kann ich nichts tun. Deine Hand liegt noch in meinem Schoss, als Pfand und Versprechen, dass es das eben noch nicht war. Steht Eifersucht auf meiner Agenda, Jarek? Soweit es dich betrifft?
Ich sehe, wie Iris dich mustert, und für einen Moment zieht sich bei mir alles zusammen. Wie schön ich es finde, dass deine Hand auf ihrem Platz bleibt. Du hast noch nicht mal gezuckt. Solltest du geheilt sein? Kann ich je wieder zurück in die bewährte Indifferenz seit dem Kindergarten. Wir konnten uns herrlich ignorieren.
Aber jetzt kann ich es nicht mehr. Ich will mit dir ins Bett. Du stehst eh nicht mehr oben auf Iris' Liste, aber fertig miteinander seid ihr noch nicht. Du schöpfst deine Hand aus meinem Schoss und schiebst sie listig unter meinen Hintern und dann gewähren wir uns den ersten hemmungslosen Zungenkuss.
Heute, fast ein halbes Jahrhundert später, erscheint mir dieser Moment in Lindas Weinkeller wie eine Variante des BRD-klassischen Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert, das uns im analogen Dickicht erwischte. Wir wussten damals nichts von der unheimlichen Freiheit, in der wir uns bewegten. Es gab keine Smartphones, keine Selfies, keine unsichtbaren digitalen Zeugen. Verlor man die Beherrschung, geschah es ohne Netz und doppelten Boden und ohne die Aussicht auf den virtuellen Pranger.
Unbedingt erwähnen möchte ich noch die bauchigen Weinflaschen mit ihren Wachsmanschetten; als wir betrunken durch den Regen zu dir nach Hause gingen, war ich deine belle de nuit. Im Windfang der Adler-Apotheke drängte ich dich gegen eine Wand. Ich ließ dir keine Zeit, dich zu fangen. Ich duldete kein Abwägen, kein Zögern, kein Lavieren. Du solltest gar nicht erst versuchen, diese Situation zu moderieren. Ich wollte dich nackt und überfordert.