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2026-10-08 11:42:06, Jamal

Turning Danger into Performance – Die Entzauberung des Amerikanischen Camelot

Die wahre Kampfkunst besteht darin, auch unter Druck so zu leben, dass man seine Mitte nicht verliert.

Bill Pickett trat mit Tom Mix und Lucille Mulhall auf und avancierte zum Star in Wild West Shows, während er von traditionellen Rodeos wegen seiner Abstammung oft ausgeschlossen blieb. Das weiß Fay Beardsley nicht, als sie 1962 in Amarillo, Texas, zum ersten Mal vom Thrill des Bulldogging ergriffen wird. Fay zählt als Geliebte des Präsidenten ...

Der erste Bulldogger war Texaner. Bill Pickett wuchs unter siebzehn Geschwistern als Sohn eines Ex-Sklaven in einer Stadt auf, die erst nach seiner Geburt 1870 in Williamson County entstand: Taylor. So schnell wie möglich machte Pickett aus sich eine Ranch Hand. Wie viele Außenseiter war er lieber mit Tieren als mit Menschen zusammen. Dazu passte der Cowboyberuf. Er trainierte mit Stieren und erfand das Steer Wrestling, heute auch Bulldogging genannt. Ursprünglich setzte man eine Bulldogge als tierische Hilfe ein, um Bullen zu Fall zu bringen. Pickett übernahm die Aufgabe des Hundes und trat als menschliche Bulldogge an.

Das war zunächst kein Rodeo Stunt, sondern athletische Arbeit. Pickett selbst erkannte den Schauwert seiner Erfindung. Mit vier Brüdern etablierte er The Pickett Brothers Bronco Busters and Rough Riders Association. Er trat mit Tom Mix und Lucille Mulhall auf und avancierte zum Star in Wild West Shows, während er von traditionellen Rodeos wegen seiner Abstammung oft ausgeschlossen blieb.

Das weiß Fay Beardsley nicht, als sie 1962 in Amarillo, Texas, zum ersten Mal vom Thrill des Bulldogging ergriffen wird. Fay zählt als Geliebte des Präsidenten zum Tross einer politisch heiklen Mission und zu den Nutznießerinnen des Unterhaltungsprogramms in der Regie von Partyminister Dave Powers. John F. Kennedys persönlicher Bademeister führt dem Boss Frauen vorzugsweise am Pool des Weißen Hauses vor. Sie erscheinen als Praktikantinnen und Sekretärinnen mit den denkbar schlechtesten Berufsvoraussetzungen, bringen aber nicht nur gutes Aussehen mit. JFK verlangt Ähnlichkeit mit seiner Frau. Sie sollen wie Jackie aussehen, bloß schärfer. Neben Fay sitzt Ron Sharp, ein Killer an der Schreibmaschine, mit einer Zugangsberechtigung für den roten Kreis der Macht. Powers schließt Jack darin ein. Er vereint in sich die Hingabe eines Liebenden mit der grimmigen Entschlossenheit des Kettenhundes. Er fungiert als Consigliere des Präsidenten - und als Kapo aller jener, die den Mundgeruch des Präsidenten einatmen dürfen. Das sind Nachkommen irisch-katholischer Einwanderer aus Boston und Umgebung mit WK II Veteranenstatus. In Powers Regiment ist die Loyalität grenzenlos. Man betrachtet die Öffentlichkeit als träge und unberechenbare Bestie, der man alles erzählen kann, was dem Machterhalt dient.

Alles steht und fällt mit dem Charismatiker Jack.

Man ist mit dem Präsidenten des besten Landes auf Erden ganz oben angekommen. Sieht man Jack und seinen dynamischen Stab im Fernsehen, wirken alle unnatürlich alert. Wir berichten gerade für ANT und TRTV aus der Hochzeit von Mother‘s little helper. Die großen Jungs nehmen Drogen. Sie tun verbotene Dinge.

Sie performen wie Footballspieler und highfiven sich. Die Bullen und ihre Bezwinger liefern keine Show nach ihrem Geschmack. Rurale Vergnügungen langweilen sie. Was soll man von Männern halten, die in Cowboystiefeln ins Büro gehen? Wer hört Country? Die „irische Mafia“ (Wikipedia) um Jack, Bob und Dave repräsentiert die Ostküste und einen eierköpfigen Stil, in dem Kraftmeierei eine kulturelle Verschiebung erfährt. Präsentiert sich der Präsident mit freiem Oberkörper, dient die Darstellung einem Dementi. Der solvente Rumpf widerspricht Krankheitsgerüchten. Dies als Beispiel für eine Lüge, die sich von offensichtlicher Wahrheit nicht unterscheiden lässt. Auch Fay hält Jack für fit, gemessen an seinem Alter und den beruflichen Anforderungen.

Das Doping von Camelot  

Die unnatürliche Jagriti des Kennedy-Stabs ist kein Zufall. In den Veden steht das Sanskrit-Wort für ein fulminantes Erwachen. JFK steht unter dem Einfluss von Dr. Max Jacobson, in Washington als Dr. Feelgood berüchtigt. Jacobson verpasst dem Präsidenten und seinem engsten Zirkel regelmäßig Cocktails aus hochdosierten Amphetaminen und Steroiden. Das ist ihr künstliches Jagriti. Mit dem synthetischen High jagen sie Gott Kairos. Sie wollen den flüchtigen, entscheidenden Augenblick der Weltgeschichte – den perfekten Moment des Machterhalts – nicht kontemplativ empfangen. Die jugendliche Energie der „New Frontier“ ist ein chemisches Konstrukt zur Domestizierung des günstigen Moments. Die Clique/Claque/Korona agiert wie gedopte Leistungssportler im Over-Flow. Dabei leidet JFK unter der chronischen Erschöpfung des Morbus Addison. Auf Speed segelt er durch die Kubakrise. Powers’ eiserne Garde sorgt dafür, dass die zitternden Hände des Idols öffentlich nie zu sehen sind. Die Verwandlung des hinfälligen Patienten in den strahlenden Halbgott von Camelot ist ein Kunststück, dessen Rezeptur einer unheimlichen Tradition folgt. Jacobson ist ein Adept der toxischen Macht-Alchemie. Er tritt in die Fußstapfen eines Mannes, der sechzehn Jahre zuvor auf der anderen Seite des Atlantiks das Schicksal einer ganzen Nation an die Nadel gehängt hatte: Dr. Theo Morell. Was Jacobson für die liberale Westküsten-Moderne und das glamouröse Washington der 1960er Jahre ist, war Morell für die Finsternis der Wolfsschanze. Der Leibarzt Adolf Hitlers hatte die Kunst der totalen biochemischen Steuerung perfektioniert. Seine Spritzen – geladen mit Eukodal, Pervitin, Glukose und den zerriebenen Organen von Schlachttieren – hielten das morsche Getriebe des Vorzeigevegetariers am Laufen. Zwei Seiten derselben Medaille der totalitären Leistungsgesellschaft: Hier der Tyrann im Bunker, da der Sunnyboy im Oval Office.  

In Texas sind die Überflieger Gestrandete. Ohne das Gewächshaus der Ostküste, ohne den Glanz von Harvard, die geschlossenen Clubs von Boston und das perfekt ausgeleuchtete Fernsehstudio geht in ihrem System das Licht aus. Schon deshalb, weil sie Katholiken sind. Texas entstand im Zuge protestantischer Landnahmen. Evangelische Kolonisten rissen sich katholischen Grund und Boden unter die Nägel. Wie Henri Quatre (Heinrich IV. von Frankreich) wechselte Sam Houston die Religion vollkommen gleichgültig gegenüber den christlichen Ladungen. Der Glaube war für diese Spieler eine Währung. Ein strategisches Gewand, das man anzieht oder abstreift, um sich ein Territorium zu sichern. Henri Quatre konvertierte 1593 mit den Worten: „Paris vaut bien une messe – Paris ist eine Messe wert“. Er wurde Katholik, um König von Frankreich zu werden. Sam Houston wurde Katholik, um nach mexikanischem Recht Land erwerben und politisch legal agieren zu können.    

Und dann fallen die Schüsse in Dallas … 

In den Bildern des Zapruder-Films kollabiert der Mythos im Sekundentakt. Als JFK getroffen wird, zerbricht das System an seiner empfindlichsten Stelle. Man sieht, wie Jackie türmen will. Von Beugereflexen getriggert kriecht sie auf allen vieren auf das Heck der offenen Limousine. Sie kümmert sich nicht um den Angeschossenen, der zusammengesunken neben ihr liegt. Das Protokoll von Camelot, das Posieren vor den Kameras, die ganze unnatürliche Vitalität des Boston-Trosses – alles wird weggewischt von Panik. Doch es ist kein triumphaler Durchbruch einer heilsamen Biologie. Jede Mutterkuh hätte sich instinktiv vor ihr Kalb gestellt. Hier funktioniert kein Reflex mehr richtig und auch keine Kognition. Beim Mammalian Dive Response blockiert eine zu heftige Bewegung den schützenden Stammhirnreflex. Unter dem extremen Stress einer kollabierenden Illusion kommt es in den biologischen Leitungen zu Fehlschaltungen. Das totale Sich-Vergessen wird zur drastischen Signatur eines Kurzschlusses. Wo eben noch das perfekte Simulakrum herrschte, ist im nächsten Augenblick gar nichts mehr. Kein Fundament, keine Substanz. Nur das unkontrollierbare Zucken einer Lebenslüge.

Die offizielle Geschichtsschreibung ignoriert den Systemabsturz. Eine einzige Kugel widerlegte das US-amerikanische Camelot, doch die kollektive Erinnerung ertrug die Radikalität des Bruchs nicht. Um die imperiale Erzählung und das metaphysische Bedürfnis nach einem würdevollen Opfertod zu retten, wurde Jackies unkoordinierte Flucht nachträglich hastig umgedeutet und rationalisiert. Sie habe Knochensplitter einsammeln, einem herbeieilenden Agenten aufs Auto helfen wollen.  

Die Schwerkraft der Biologie holt den biochemischen Ikarus ein. Am Ende triumphiert nicht Kairos, sondern Chronos.  

P.S.

Der Leibwächter Clint Hill rannte gegen die Schüsse an, warf sich auf das Heck der Präsidentenlimousine, bereit, sein Leben als menschlicher Schild zu geben – weil es sein Job war, sein Eid und seine Ehre. Jackie dagegen – die Ikone des amerikanischen Adels, die vermeintliche Hüterin des Camelot-Feuers – brach im Moment der Wahrheit mit ihrer Rolle. Eine Hohepriesterin des schönen Scheins sucht das Weite.