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2026-10-10 10:44:22, Jamal

Die Geburt der Informationsgesellschaft im Kalten Krieg

Rothwesten ist eine Gemeinde im Landkreis Kassel. Im 20. Jahrhundert prägte ein historischer Kurzschluss die kommunale Geschichte. Eine in der sozialdemokratischen Arbeiterkultur wurzelnde Dorfgesellschaft wurde 1934 zum Hotspot nationalsozialistischer Aufrüstung. Auf dem örtlichen Hausberg – dem Häuschensberg – entstand der Fliegerhorst Rothwesten.

Am 5. April 1945 besetzte die 3. US-Armee den unzerstörten Stützpunkt. Die Sieger nutzten die Kaserne zunächst als Kriegsgefangenenlager und Garnison. Um die Währungsreform in den westlichen Besatzungszonen vorzubereiten, isolierten sie im Frühjahr 1948 elf deutsche Experten für 49 Tage in der Army Air Force Station Kassel/Rothwesten. Da gossen die Ökonomen das gesetzliche Fundament einer neuen Währung – der Deutschen Mark (D-Mark).

In den 1950er-Jahren übernahm das 319th U.S. Army Security Agency Battalion das Areal und baute es wegen der Nähe zur DDR-Grenze zu einer zentralen elektronischen Abhörstation aus.

Ariane: „War das wirklich schon elektronisch?“

Jarek: „Das ist eine technisch hervorragende Frage! Im heutigen Sprachgebrauch trennen wir das: Elektrisch ist der Toaster mit viel Strom und dicken Kabeln, elektronisch ist das Smartphone mit Mikrochips und Halbleitern. Für das Jahr 1959 und den Collins R-390 gilt indes: Er war bereits ein echtes elektronisches Gerät – allerdings auf Basis von Vakuumröhren. Die Definition von Elektronik lautet schliesslich, dass der Fluss von Elektronen im Vakuum, in Gasen oder Halbleitern gezielt gesteuert wird, um schwache Signale zu verstärken oder zu verändern. Der R-390 arbeitete mit etwa 30 solcher Vakuumröhren. Sie leisteten genau das, was heute Transistoren tun: Sie filterten und verstärkten die winzigen, am Antennenmast eintreffenden Hochfrequenzsignale.“

Am 4. Februar 1959 bezog das Bataillon schließlich sein neues Hauptquartier auf dem Antennenfeld. In den Racks der nun als USASA Field Station Rothwesten firmierenden Anlage reihten sich die Kurzwellenempfänger vom Typ Collins R-390 – mechanisch hochpräzise, rund 30 Kilogramm schwere Maschinen. Die Soldaten am Abstimmknopf suchten die Frequenzbänder nach Fragmenten des Ostblock-Funkverkehrs ab: Rufzeichen, Morseketten, Zahlenfolgen. Weniger als vierzig Kilometer von der innerdeutschen Grenze entfernt, war der Kalte Krieg hier keine abstrakte Doktrin, sondern eine messbare elektromagnetische Realität.

Die Erfassung des Äthers war der erste Schritt. Die nachrichtendienstliche Arbeit begann bei der Aggregation und Strukturierung der Massendaten. In den Auswertungsräumen verwandelten elektromechanische Rechen- und Tabelliermaschinen die abgehörten Signale in sortierbare Datensätze. Stanzer der Reihe IBM 026 codierten die Informationen in Lochkarten, die anschließend von IBM 407 Tabelliermaschinen mit einer Geschwindigkeit von bis zu 150 Karten pro Minute verarbeitet wurden. Das rhythmische Klacken war der Sound der frühen Informationsgesellschaft. Hier wurden Daten nach mathematisch-logischen Regeln sortiert, gezählt und korreliert, um militärische Lagebilder zu erstellen.

Die algorithmische Verarbeitung von Massendaten hatte eine militärische Vorgeschichte im Zweiten Weltkrieg. Im britischen Bletchley Park hatten Kryptoanalytiker wie Alan Turing mit der „Bombe“ eine elektromechanische Suchmaschine entwickelt, um die Einstellungskombinationen der deutschen Enigma-Chiffriermaschine systematisch zu brechen. Nach 1945 radikalisierte sich dieser Ansatz unter dem Einfluss von Norbert Wieners Kybernetik und Claude Shannons Informationstheorie. Information wurde nun als mathematische Größe verstanden, die unabhängig von ihrer semantischen Bedeutung übertragen, gesteuert und verarbeitet werden konnte. Die Lochkartenmaschinen in Rothwesten waren zwar keine frei programmierbaren Universalcomputer, aber sie exekutierten schon das Grundprinzip der Informationsmoderne. Die Übersetzung der Welt in standardisierte Zeichenketten, um sie maschinell beherrschbar zu machen.

Oswald Wieners Bio-Adapter

Im Zusammenspiel von Kybernetik und archaischer Computertechnik definierten sich Schnittstellen zwischen Mensch & Maschine neu. Der österreichische Schriftsteller und Sprachtheoretiker Oswald Wiener arbeitete in den 1960er-Jahren an seinem experimentellen Hauptwerk „die verbesserung von mitteleuropa, roman“ (erschienen 1969). In einem Appendix konzipiert Wiener den „Bio-Adapter“. Die Maschine besteht aus einem omnipotenten Anzug und einem Gehäuse, das den Menschen einschließt. Sie füttert die Sinnesorgane mit künstlichen Reizen, verarbeitet die physiologischen Ausscheidungen wieder zu Nahrung und bedient jedes Bedürfnis so perfekt, dass die Unterscheidung zwischen äußerer Realität und innerem Erleben kollabiert.

Während die Militärs in Rothwesten Lochkarten nutzten, um Informationen über eine reale Umwelt zu ordnen, dachte Wiener das kybernetische Prinzip zu Ende. Was passiert, wenn die Maschine die Umwelt nicht mehr nur abbildet, sondern sie vollständig ersetzt? Der Bio-Adapter ist die totale Simulation – ein System, das den Menschen optimiert, indem es ihn entmündigt und sein Bewusstsein in einer technologischen Feedbackschleife gefangen hält.

Zwischen der Funkaufklärung in Rothwesten und Oswald Wieners Avantgarde-Literatur gibt es keine kausale Verbindung, wohl aber eine tiefe epistemologische Verwandtschaft. Beide Phänomene sind Produkte desselben Kalten Krieges, der von der Angst vor dem Kontrollverlust und der Faszination für steuerbare Systeme geprägt war. In Rothwesten diente die Technik dazu, das Rauschen einer bedrohlichen Umwelt lesbar und kontrollierbar zu machen. Bei Oswald Wiener schlägt diese Kontrolllogik in Totalitarismus um. Die Maschine vermittelt nicht mehr nur Nachrichten, sie wird selbst zur Totalität, die das menschliche Subjekt absorbiert. Der Bogen von der IBM-Lochkarte zum Bio-Adapter zeigt die fundamentale Ambivalenz des Computerzeitalters, die uns bis heute im Diskurs um Künstliche Intelligenz und virtuelle Welten begleitet; die Maschine, die uns beim Sortieren der Wirklichkeit helfen soll, neigt stets dazu, diese Wirklichkeit neu zu erschaffen.