Turning Danger into Performance – Apokalyptische Logik
„The Fulda Gap“ (Fulda-Lücke) und die nordhessische Senke waren in der strategischen Planung des Kalten Krieges die gefährlichsten Bruchlinien der Welt. Wenn man die Topografie Westdeutschlands betrachtet, wird sofort klar, warum Ost- und Nordhessen für die Planer im Pentagon und im Kreml das absolute Nadelöhr waren. Das strategische Problem war die Geografie, die einen mechanisierten Angriff der Sowjetarmee kanalisierte. Westdeutschland war schmal. An seiner engsten Stelle trennten die DDR und die französische Grenze kaum 200 Kilometer. Wenn die Panzerdivisionen der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) vorstießen, durften sich im Harz und im Thüringer Wald nichts aufhalten. Sie brauchten Spielräume, die flach genug für schnelle Panzerbewegungen waren. Ein natürlicher Korridor ergab sich zwischen Rhön und Vogelsberg. Wer von Thüringen aus durchbrach, stand in Stunden im Rhein-Main-Delta. Das Ziel war Frankfurt am Main – das logistische und militärische Herz der US-Streitkräfte in Deutschland.
Vor den Toren der ehemaligen Residenzstadt Kassel lag ein weiteres Einfallstor. Ein Panzerkeil, der von Kassel nach Westen vorstieß, konnte die deutschen und britischen Verbände im Norden von den amerikanischen Verbänden im Süden abschneiden.
Die sowjetische Militärdoktrin setzte auf Geschwindigkeit und Masse. Das Ziel eines Vorstoßes durch Nord- und Osthessen war die strategische Zweiteilung der Bundesrepublik im Zuge von Operationen in der Tiefe.
Die Verteidigung Westdeutschlands war in Zonen aufgeteilt. Im Norden (Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen) standen Briten, Niederländer, Belgier und die Bundeswehr (NATO-Befehlsbereich NORTHAG). Im Süden (Hessen, Rheinland-Pfalz, Bayern) operierten die Amerikaner (CENTAG). Kassel und der Fulda Gap bildeten genau die Nahtstelle zwischen diesen beiden riesigen Heeresgruppen. Ein Keil an dieser Stelle hätte die Kommunikation und Koordination der Alliierten sofort gelähmt. Hätten sowjetischen Panzerverbände (wie die 8. Gardearmee) die Verteidigungslinien durchbrochen, wären sie in 48 Stunden am Rhein angekommen.
Die NATO war den Panzermassen des Warschauer Paktes zahlenmäßig massiv unterlegen. Das führte zu einer apokalyptischen Logik. An Orten wie der Gedenkstätte Point Alpha zwischen Rasdorf in Hessen und Geisa in Thüringen verlief ein strategisch wichtiger Abschnitt. Das 11th Armored Cavalry Regiment überwachte den Grenzbereich. Ihnen gegenüber standen DDR-Grenztruppen; die sowjetischen Streitkräfte waren im Hinterland der DDR stationiert. Hessen war übersät mit Atomminen (SADM - Special Atomic Demolition Munition). Brücken, Autobahnen und Tunnel in Nord- und Osthessen waren beim Bau schon auf ihre Sprengung ausgelegt worden, um den sowjetischen Vormarsch durch atomar verseuchte Mondkraterlandschaften zu entschleunigen. Ein Vorstoß durch das Nadelöhr Fulda hätte Hessen unweigerlich in eine nukleare Wüste verwandelt.
Rothwesten als Frühwarnsystem
Das 319th Army Security Agency Battalion in Rothwesten war Auge und Ohr dieses Nadelöhr. Drehten GIs an den Abstimmknöpfen ihrer R-390A-Empfänger, suchten sie nach einem Indikator: Dem plötzlichen Anstieg des verschlüsselten Funkverkehrs jenseits der Grenze, dem Warmlaufen der Panzermotoren in den Wäldern Thüringens. Jede Sekunde Vorwarnzeit zählte.
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Wir schreiben das Jahr 1978. Vier Jugendliche bewegen sich querfeldein auf Rothwesten zu. Gunda, Ariane, Kairo und Jarek. Alle sind Begünstigte der sozialdemokratischen Bildungsreformen. Sie werden die ersten in ihren Familien sein, die als Abiturienten ins Rennen gehen. Ariane, Kairo und Jarek stammen aus dem Kasseler Ost, Gunda ist in Rothwesten zuhause.