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2026-10-12 21:06:53, Jamal

Turning Danger into Performance – NATO-Werwölfe – Calm in a Burning Building

In der Söhre/Oktober 1970

Das Blockhaus – fürwahr schwer zu finden im Kaufunger Wald – roch nach Fichte, Hausbrand und Marihuana. Es gab nur einen Raum, die Jüngsten lagen schon in ihren Schlafsäcken auf Luftmatratzen, erschöpft vom stundenlangen Anmarsch.

Kairo und Jarek, obwohl beide erst neun, saßen in der Führerrunde an einem von Messerattacken gekerbten Eichentisch. Ein rußschwarzer Kessel dampfte. Die erwachsenen Pfadfinder schöpften daraus Tschai mit ihren Blechtassen. Das Gebräu roch nach Kopfschmerzen. Es entstand in einem Mix aus Schwarztee und Rotwein. Dazu kam Zucker in rauen Mengen, Zitronenscheiben, Nelken und Zimtstangen, sofern vorrätig in mütterlichen Beständen. Tschai leitet sich von Čaj (Russisch) und çay (Türkisch) ab. Beide Wörter haben dieselbe etymologische Wurzel in dem nordchinesischen Begriff chá (茶). Dass Tee sowohl im Russischen (чай – tschai) als auch im Türkischen (çay) fast identisch heißt, liegt am historischen Handelsweg via Seidenstraße. Das Wort wanderte von Nordchina über Zentralasien, Persien und Russland bis in die Türkei und den Balkan. Niederländische Entrepreneure transferierten ein Wort aus dem südchinesischen Min-Nan-Dialekt – tê – auf dem Seeweg nach Westeuropa. Deswegen sagen wir Europäer Tee – tea – thé.

Obwohl der Ofen glühte, war es so kalt in der Butze, dass viele in ihren Schlafsäcken bibberten. Auch die Männer am Tisch waren eingemummelt. Sie ließen einen Joint nach dem anderen herumgehen. Es herrschte Rauchzwang. Davon ausgenommen waren allein Kairo und Jarek. Man hatte sie dazu veranlasst, dem Pfadfinderpunsch in Maßen zuzusprechen. Es war das erste Mal, dass die Knaben Alkohol tranken. Das war vollkommen in Ordnung, geschah es doch unter Aufsicht.

Kindern, die mit Messern und Beilen bewaffnet waren, Alkohol zuzumuten, bedeutete, einer möglichen Eskalation gelassen entgegenzusehen. Es waren auch schon Enthemmte an Bäume gefesselt worden, um sie zu räsonieren. Zimperlich durfte man nicht sein. Der Komment der Stay-Behind-Vorfeld-Organisationen unterschied sich kaum von den Spielregeln der militarisieren Freischar und Hitlerjugend. Die nationalsozialistische Erziehung zum Werwolf und Soldaten suchte sich ihre Coverversionen im Rahmen des gesellschaftlich Akzeptablen.

Die faschistische Mimikry im Nachgang des Summer of Love war phänomenal. Da saßen lauter Freaks, langhaarige Kiffer, sozialistische Vorkämpfer des Naturschutzes, ihrer Zeit Jahrzehnte voraus einerseits – und andererseits … es ist schwer zu fassen. Die Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren – Auf der einen Seite Marihuana, Naturromantik und ökologisches Gewissen – und auf der anderen Seite Disziplin, Abhärtung, Alkohol und sadistische Strafen. 

Die Symbole ändern sich, die Dynamiken bleiben. Die Pfadfinder unterstanden Gruppenführern. Kameradschaft wurde großgeschrieben. Wer aus der Reihe tanzte, erlebte die Ächtung des Ausschlusses ohne Diskussion. Bestrafe einen, erziehe hundert. Das gemeinsame Singen am Lagerfeuer. Das Liedgut im Spektrum zwischen Wandervögel und Wehrmacht. „Wir werden weiter marschieren, / Wenn alles in Scherben fällt, / Denn heute gehört uns Deutschland / Und morgen die ganze Welt.“ Je schmissiger im Geist der morschen Knochen, desto lustvoller das ahnungslose Gegröle. Die Sensationen gefühlter Überschreitungen. Das unbewusste Erkennen des Subversiven rührte von staatsfernen Prägungen in den elternhäuslichen Verhältnissen. Wo sonst hätte es herkommen sollen? – Das Tragen von zivilen Uniformen in Verbindung mit dem Army-Surplus-Style, sprich der Parka. Das Fahrtenmesser am Gürtel und der rote Stern als Button am Revers.

Auch der Name der Hütte erfüllte eine doppelte Funktion. Für die sozialdemokratische Öffentlichkeit – „Mehr Demokratie wagen“ – ließ er sich als Ausdruck bürgerlicher Naturromantik lesen. Für Eingeweihte hingegen verwies er auf zentrale Motive der NS-Ideologie: Militarisierung, Wehrhaftigkeit, Blut-und-Boden-Denken und völkische Mythologie.

Der Name Irminsul mochte Unbedarften als Verweis auf eine sagenumwobene germanische Waldwelt erscheinen. Im Nationalsozialismus wurde die Irminsul, ein sächsisches Heiligtum, ideologisch vereinnahmt und als völkisches Gegenbild zum christlichen Kreuz stilisiert. Sie stand für die Überwindung jüdisch-christlicher Traditionen und die Rückkehr zur „arteigenen“ Härte und Wehrhaftigkeit.

Bei den Neunjährigen bewirkte der aromatisierte Alkohol eine sensorische Kernschmelze. Betäubt saßen sie zwischen den großen Goten (sie gehörten zum Stamm der Goten) und verließen sich auf die Fürsorge ihres persönlichen Führers Holger Müller. Für den urwüchsigen Tausendsassa verkörperten Kairo und Jarek Idealtypen des NATO-Werwolfs. Kairo hatte das Zeug zum Scharfschützen und Jarek war ein genialer Sportler. Geborene Krieger waren die Freunde. Sie ahnten nicht, dass der Name ihres Stammes – den die evangelische Kirchengemeinde für ein Symbol jugendlicher Wanderromantik hielt – in den geheimen Papieren der alliierten Verbindungsstäbe unter einer ganz anderen Rubrik geführt wurde. Die Kasseler Goten waren das organische Saatgut einer Untergrundarmee, dazu bestimmt, im Tann der nordhessischen Wälder den Ansturm aus dem Osten kaltblütig zu erwarten und im okkupierten Westdeutschland unsichtbar zu überleben.

Endlich richtete Holger das Wort an die Jungen: „Am Tag X fragt niemand nach eurer Gesinnung.“

Kairo spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. Es war nicht das erste Mal, dass Holger sie so dramatisch ansprach.  

„Kairo, dein Großvater war ein guter Soldat. Du kommst hoffentlich nach ihm. Du kennst jeden Eselstritt in der Söhre. Wenn du nachts hier draußen bist, ganz allein, und du hörst die Russenpanzer über die Grenze rasseln – was glaubst du, hättest du die Eier, das zu tun, was nötig ist? Um deine Heimat zu schützen?“

Müller testete schon eine Weile die psychische Belastbarkeit, Verschwiegenheit und Zähigkeit der Jungen. Sie wussten, dass allein das schon eine Auszeichnung war und sie zu den Besten gehörten.  

„Ich würde nicht weglaufen“, entgegnete Kairo selbstverständlich. „Und Jarek würde das auch nicht. Wir nehmen auf jeden Fall den Kampf auf.“

„Gut“, sagte Holger. „Dann reden wir ab jetzt anders miteinander. Unter Männern.“

*

Die Wiedervereinigung ordnete die Himmelsrichtungen der europäischen Wirklichkeit neu. Wir haben vergessen, was Westdeutschland im Kern war: die NATO-Ostflanke. Bonn war kein gemütliches Provinztheater im Windschatten der Geschichte – es war das nervöse Kontrollzentrum eines Frontstaates. Hinter Kassel endete die freie Welt an einer verminten Demarkationslinie. Die Berliner Republik entwickelte fast naive Selbstverständlichkeiten, weil sie von befreundeten Nachbarn umgeben ist. Sie leistet sich den Luxus, BRD-Lektionen zu ignorieren.