Turning Danger into Performance - Chronologie des hessischen Menschenhandels
„Ich wurde nach Cassel geliefert: da kam die Heerschau des Verderbens. Wir wurden gemustert, wie man in Westindien eine Ladung … kauft, und der hessische Werbepfennig wurde mir in die Tasche praktiziert.“ Johann Gottfried Seume
Wir waren Cold War Kids, die sich für Hippies hielten. Wir glaubten, wir könnten in lunaren Naturräuschen aus der Reihe tanzen. Wir wollten wissen, was in uns steckt, wenn Dunkelheit ein unsichtbares Feuerwerk des Lebens abbrennt, ein Saumpfad im Gelände endet, kurz, wenn man sich nicht mehr auf vertraute Orientierungspunkte verlassen kann. Bei den Pfadfindern lernten wir, ein Feuer mit feuchtem Holz und klammen Fingern zu entfachen. In der Orientierungslaufgruppe war jedes Spiel eine Aufgabe. Wir lernten, Entfernungen abzuschätzen. Wir wurden süchtig nach dem Gefühl, auf uns selbst gestellt zu sein. Es war aufregend, den Körper an seine Grenzen zu bringen, die Müdigkeit zu überwinden, den Atem zu kontrollieren und trotz brennender Muskeln niemals schlapp zu machen. In der Kraftsportgruppe lernten wir, dass sich mit jeder Wiederholung Unsicherheit in Mikrodosen aus der Welt schaffen lässt. Dass Stärke etwas ist, das sich erarbeiten lässt. Ausdauer ebenfalls. Und Disziplin sowieso. Man musste nur regelmäßig trainieren, sich zusammenreißen und lernen, nicht aufzugeben.
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Kassel war eine logistische Drehscheibe der weltweiten Militärmaschine lange bevor die nordhessische Kleinmetropole das urbane Zentrum der NATO-Ostflanke bildete. Zieht man die Linien durch, stößt man auf transatlantische Parallelen. Im achtzehnten Jahrhundert verkauften Hessische Landgrafen ihre Untertanen regimentsweise als Söldner nach Übersee. In Hessen-Kassel war das über Generationen ein Staatsgeschäft. Auch wenn Landgraf Friedrich II., übrigens der einzige Katholik auf dem landgräflichen Thron, wegen der schieren Masse von rund 19.000 Soldaten, die er ab 1776 für den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg an die britische Krone vermietete, berüchtigter war als andere.
Seine Konversion im Jahr 1749 löste in der protestantischen Welt große Bestürzung aus und führte zum endgültigen Zerwürfnis mit seiner Familie. In einer sogenannten Assekurationsakte musste er sich zudem verpflichten, seinen katholischen Glauben ausschließlich privat zu praktizieren, um die protestantische Staatsordnung nicht zu gefährden.
Chronologie des hessischen Menschenhandels
Landgraf Carl (Regierungszeit 1670–1730) begründete das Business. Carl vermietete ab 1677 Regimenter nach Dänemark, Venedig und an die Niederlande. Landgraf Wilhelm VIII. (Regierungszeit 1751–1760) betrieb das Geschäft im Österreichischen Erbfolgekrieg. Wilhelm VIII. vermietete Truppen gleichzeitig an England und an den deutschen Kaiser – hessische Soldaten kämpften und starben auf den Schlachtfeldern also zeitweise gegeneinander, nur damit in Kassel die Kasse klingelte. Unter Landgraf Friedrich II. (Regierungszeit 1760–1785): erreichte das System die Perfektion des „Soldatenhandels“. Er schloss am 15. Januar 1776 den folgenschweren Subsidienvertrag mit König Georg III. von England. Weil George Washingtons Truppen den Briten zusetzten, brauchte London Kanonenfutter. Friedrich II. kassierte dafür gigantische Summen: eine jährliche Pauschale, plus ein Kopfgeld für jeden Mann und – besonders makaber – eine „Todesprämie“ für jeden Gefallenen sowie eine Entschädigung für Verwundete.
Hessen-Kassel war im 18. Jahrhundert ein Garnisonsstaat. Der Anteil der Soldaten an der Gesamtbevölkerung war höher als in Preußen. Die Vermietung der Armee war die wichtigste Einnahmequelle des Staates. Wer nicht freiwillig ging, wurde von Werbern zwangsrekrutiert und in den Dienst gepresst – so wie der berühmte Dichter Johann Gottfried Seume, der auf der Durchreise verschleppt wurde. Insgesamt kämpften rund 30.000 deutsche Soldaten für England in Amerika – im Englischen nannte man sie damals alle pauschal einfach nur kollektiv „The Hessians“.
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Wir nannten es Abenteuer. Wir nannten es Athletik. Wir hielten uns für unangepasst, weil wir durch Wälder streiften, statt im Jugendcafé Billard und Tischfußball zu spielen. Vielleicht gefiel uns auch die Vorstellung, etwas zu können, was andere nicht konnten: Karten lesen, nachts im Wald klarkommen, uns in unbekanntem Gelände orientieren, den Körper beherrschen und als Gruppe funktionieren. Wir waren Kinder des Kalten Krieges und Zöglinge Kalter Krieger. Der Ostwestkonflikt war nicht nur eine Angelegenheit von Staatsmännern. Er erzeugte eine Perspektive und wirkte auf die Vorstellungen davon, was ein junger Mensch lernen sollte. Wo alles nach Spiel und Freiheit aussah, konnten martialische Fertigkeiten vermittelt werden. Damals erlebten wir nur die Herausforderung: den nächsten Kontrollpunkt finden, den richtigen Weg einschlagen, der Erschöpfung trotzen. Wir fragten nicht, welche Vorstellungen von Ordnung, Wehrhaftigkeit und Einsatzbereitschaft sich darin verbargen. Wir fragten nicht, warum Orientierung, körperliche Härte und das Funktionieren im Alleingang und in der Gruppe so selbstverständlich zusammengehörten.
Wir nannten es Abenteuer. Wir nannten es Athletik. Was wir nicht ahnten: Wir exekutierten die Blaupause von Colonel Aaron Bank. Das Stay-Behind-Rekrutierungsverfahren suchte keine Mitläufer, sondern den Typus des autarken Akteurs, der unter Druck seine Hochform findet. Das System kaperte die adoleszente Sehnsucht nach Freiheit. Hätte man Jarek gefragt, ob er für das nordatlantische Verteidigungsbündnis zu sterben bereit sei, er hätte bloß gelacht. Nie im Leben. Doch das System brauchte sein Einverständnis nicht. Es brauchte nur den gedrillten Körper und die absolute Bereitschaft, im richtigen Moment zu funktionieren.
In Jareks Jugendzimmer lagerten neben THW-Dienstvorschriften, Sanitätskästen und olivgrünen AN/PRC-77-Funkgeräten aus US-Militärbeständen auch topografische Geländekarten voller Markierungen mit kryptischen Buchstabenkombinationen. Sie steckten in einer unscheinbaren Mappe, auf deren Deckblatt ein einziges Wort stand: KIBITZ.
KIBITZ hieß das älteste Stay-Behind-Netzwerk der CIA und der Organisation Gehlen (dem Vorläufer des BND) im geteilten Nachkriegsdeutschland. Das Projekt wurde ab 1949/1950 von der CIA (speziell über die Karlsruhe Operations Base) aufgebaut. Es handelte sich um ein klassisches Partisanen- und Sabotage-Netzwerk. Falls die Rote Armee Westdeutschland überrannt hätte, sollten die Agenten liegenbleiben (Stay Behind), Brücken sprengen, Depots anlegen und den sowjetischen Vormarsch von hinten sabotieren. Geleitet wurde die Zelle von Walter Kopp, einem ehemaligen Pionieroffizier der Wehrmacht. Das Netzwerk rekrutierte gezielt Männer mit militärischer Vorerfahrung, Altnazis und unbedingte Antikommunisten.
Die CIA nutzte unter anderem eine Scheinfirma namens Cosmopress in Heidelberg als Kommunikationszentrale.