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2026-10-13 23:20:30, Jamal

Der vergessene Militärstaat – Hessen-Kassel vs. Preußen 

Unter dem Esstisch von Gundas Eltern vibriert die politische Tektonik der Epoche.

Die größte kollektive Amnesie der Berliner Republik – Niemand weiß mehr, dass Kassel beinah das atomare Ground Zero der NATO-Ostflanke geworden wäre. Heute schaut man auf die Nato-Ostflanke im Baltikum und an der polnisch-belarussischen Grenze – bis 1989 verlief die Bruchlinie im Zonenrandgebiet, direkt vor meiner nordhessischen Haustür. Westdeutschland war eine Verzögerungszone. Die Bundesrepublik wäre im Ernstfall pulverisiert worden, nach einer Phase der Angriffsverschleppung zuerst in den nord- und osthessischen Nadelöhren.

Die Logistik des Untergangs braucht Platz; so wird das Waldauer Becken zum nuklearen Vorhof.

Drei Einheiten teilen sich ab den späten 1960er-Jahren das Kasseler Revier. Alle dienen demselben verschwiegenen Experiment der Pentagon-Strategen: Kann man einen begrenzten Atomkrieg auf deutschem Boden führen und in Amerika überleben? Kassel und der Landkreis sind ein Testfeld.

Die 547th Ordnance Company beziehen die wuchtig-bombenfesten Werkshallen der Fieseler-Werke in meinem Kasseler Osten. Das sind die Mechaniker des Weltuntergangs. Ihre Abschleppkräne, Bergepanzer und Werkstatttrucks stehen Tag und Nacht im Motor Pool bereit. Ihre Aufgabe ist es, die Hauptschlagader – die A 7 – unter allen Umständen für das nukleare Powerpack freizuhalten. Jeder verreckte Panzer, jeder zerschossene Sattelschlepper muss binnen Minuten von der Piste gezerrt werden, um die Strecke für den Transfort atomarer Sprengköpfe freizugehalten.

Das Fernmeldebataillon 2 in der Fritz-Erler-Kaserne zu Rothwesten behält das elektronische NATO-Auge im Blick. Auf dem viel besungenen Häuschenberg saugen IBM- und Siemens-Großrechner das elektromagnetische Rauschen des Warschauer Paktes ab. Glühende Transistoren sind vom Entropietod bedroht. Die Charlie Battery, 6th Battalion, 517th Artillery bildet die eiserne Faust. Die Mannschaften hausen in Rothwesten, doch der Fuhrpark parkt in Waldau. Täglich pendeln die GIs zwischen den Standorten. Im Ernstfall rasen die Trucks aus den Waldauer Toren, holen die HAWK-Flugabwehrraketen aus den Depots und pflanzen sie auf die umliegenden Hügel. Nicht um die Zivilisten im dörflichen Alt-Waldau oder in der – auf den Äckern über Nacht reich gewordener Bauern hochgezogenen – Wohnstadt zu retten, schirmen sie den Himmel ab.

Kassel atmet den Geist einer Frontstadt, während Ariane und Jarek in der Schule über Böll diskutieren.

Es ist die maximale Perversion dieser Epoche. Westdeutschland wird als Kulisse für ein globales Labor genutzt. Man will in Washington und Moskau wissen, ob das atomare Feuer auf ein Territorium beschränkt werden kann.

*

Der Deutsche Herbst war zwar vorbei, doch der Geist der Revolte hielt die Schulen fest im Griff. Nahezu alle Oberstufenschüler des Büchner-Gymnasiums sympathisierten mit der RAF und erachteten den bewaffneten Kampf gegen das „Schweinesystem“ für notwendig. Ariane, Kairo, Jarek und Gunda liefen auf jeder Demo mit. Doch wenn sie Typen sahen, die ihnen auf ihrer Pfadfinderhütte bei Helsa im Kaufunger Wald begegnet waren, reagierten sie konspirativ und antizyklisch subversiv, ohne zu bedenken, dass genau das von ihnen erwartet wurde. Dass sie längst inkorporiert waren und unter ständiger Beobachtung standen. Sie verhielten sich so, wie sie es sollten. Auch die Paarbildungsprozesse verliefen wunschgemäß. Holger Müller war ein gewiefter Menschenfischer und der geborene Führungsoffizier.

Die NATO-Werwölfe trugen Kufiyas über den Parkas. Es war eine absurde Gleichzeitigkeit. In der Schule atmeten sie den Geist der Bildungsreform. Sie lasen Heinrich Bölls Die verlorene Ehre der Katharina Blum, diskutierten über den paranoiden Druck eines Staates, der in jedem Vollbartträger einen Staatsfeind vermutete. Am Wochenende trugen sie ihre Pfadfinderkluft und über dem Fahrtentuch wieder das Arafat-Tuch.

Zum guten Ton gehörte es, alle zwei Wochen freitags in Rothwesten aufzuschlagen und mit Gundas Familie das Abendmahl mit Ahler Wurscht rituell zu zelebrieren. Gundas Vater teilte die Dürre Runde wie Jesus einst das Brot unter seinen Jüngern geteilt hatte. Dazu gab es Gürkchen und massiv gebuttertes Udenhausener Landbrot. Es war schließlich nicht wie bei armen Leuten. Doch jede Nahrungsaufnahme war ein sakraler Akt, auch wenn geschmatzt wurde. Gundas Vater gab Witze zum Besten. Er riss Zoten. Die Freunde seiner Tochter hielten sich den Bauch vor Lachen, während Gunda ihren Vater eher peinlich fand. Alle ignorierten das rhythmische Summen von Generatoren – ein tektonisches Vibrieren, das die Waschbetonplatten auf der Terrasse und im Garten anhob. Das tieffrequente Brummen des NATO-Horchpostens auf dem Häuschenberg fraß sich durch das Splittbett.

1975 hatten die Amerikaner ihre Flagge auf dem geschichtsträchtigen Kasernengelände eingeholt, auf dem dreißig Jahre zuvor im Haus Posen klandestin die D-Mark-Reform ausgeheckt worden war. Der ehemalige NS-Fliegerhorst hieß nun Fritz-Erler-Kaserne. Das Fernmeldebataillon 2 wachte elektronisch über die NATO-Ostflanke. Der Antennenwald über Rothwesten schlief nie. Kolossale Klimakompressoren und Dieselaggregate kühlten die Abhör- und Rechnersysteme der Fernmelder, die unablässig den Funkverkehr jenseits der innerdeutschen Grenze absaugten.

Im Einsatz waren Mainframes (Großrechner) und Prozessrechner von IBM, Siemens und Digital Equipment Corporation (DEC). Die Maschinen füllten Säle, steckten in mannshohen Metallschränken und wurden mit Lochkarten, Magnetbänder und klobigen Text-Terminals gefüttert. Sie waren, so wie die KI heute, von Entropie bedroht. Die Computer arbeiteten mit Halbleiter- und Magnetkernspeichern und Tausenden von Transistoren, die unter Volllast eine gigantische Hitze entwickelten. Standen diese Systeme nicht permanent tiefgekühlt in fensterlosen Hallen, stürzten sie ab. Zusammen mit den Sendeanlagen und Richtfunk-Systemen fraßen die Rechnerzentren täglich so viel Strom wie eine Kleinstadt. Deswegen liefen im Hintergrund – als Backup und zur Stabilisierung – Dieselaggregate und Kühlsysteme.

Die Rechner scannten das elektromagnetische Spektrum des Warschauer Paktes. Sobald im Osten ein neuer Sender aktiv wurde, schlugen sie Alarm. Sie filterten das Rauschen und absichtliche Störsignale (Jamming) feindlicher Truppen aus den abgefangenen Funksprüchen.

Gundas Vater thronte am Kopfende des Tisches. Die luftgetrocknete Wurst portionierte er mit einem Solinger Küchenmesser. Für ihn, den gutverdienenden VW-Malocher, war Ahle Wurscht eine kulinarische Reliquie, der kein Adorno das Wasser reichen konnte. Er impfte den Nachwuchs mit Dürren Runden. Nichts brachte ihn aus dem Konzept. Wer was taugte, kam nicht umhin, ihm beizupflichten, und um die anderen war es nicht schade.

„Greift zu, Jungs, so eine Wurstgüte kriegt ihr in ganz Kassel nicht“, brummte er hintersinnig. Seit er wusste, dass Kairo seine Tochter vögelte, ließ er keine Gelegenheit aus, den Knaben auf Herz und Nieren zu prüfen. Er hätte Kairo kaltgemacht, wäre er zu der Überzeugung gelangt, dass der Bursche Gunda nur benutzte. Doch Kairo war kein windiger Phrasendrescher. Der Enkel vom Stalingrad-Sinning verstand die Hackordnung und konnte zupacken. Sein sauber gezogener Langhaarscheitel bewies, dass er die Spielregeln beherzigte. Er bekannte sich zu seinen Aufgaben. Er würde Gundas Platz in der Welt absichern. Der Alte sah dem Jungen in die Augen und der Junge hielt dem Blick stand. Ein stummes Abkommen nach alter Väter Sitte.

Neben Jarek saß Gundas jüngerer Bruder Heiner – benannt nach dem Großvater. Heiner war fünfzehn und trug ein ärmelloses Trikot, um seinem Bizeps Geltung zu verschaffen. Ihn interessierte nichts Hochgestochenes. Für Heiner gab es nur Hanteln und motorisierte Zweiräder. Heiner fieberte der Moped-Fahrerlaubnis entgegen. Die Zündapp stand schon fahrbereit in der Garage, wie übrigens auch der Hobel ab 18 – die Yamaha XT 500.

Auch beruflich stand für Heiner schon alles fest. Er würde in die Baunataler Fußstapfen seines Vaters treten und Schlosser bei VW werden. Den väterlichen Segen hatte er. Die gymnasiale Weltflucht der großen Schwester hielt er für eine Verirrung.

Heiner trank Bier, wie alle am Tisch, selbstverständlich Martini Meister Pils aus der Brauerei auf der Kölnischen Straße. Bier war ein Grundnahrungsmittel. Die Gerstenkaltschale darf uns keiner nehmen. Heiner fühlte sich den Jugendlichen am Tisch des Herrn beinah ebenbürtig. Perfekt passte er ins Stay-Behind-Muster. Aaron Banks Geist vesperte mit. Sollten die GSSD-Panzer (GSSD – Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, sprich in der DDR) über die Grenze rasseln, wäre Heiner im Rahmen von Katastrophenschutz und Technischem Hilfswerk sofort einsatzbereit. Unter dem Kommando von Kairo und Jarek würde er Erddepots räumen, Funkdienste leisten und bei Brückensprengungen ehrgeizig assistieren. Auch Heiner war das biologische Frontend einer militärischen Struktur, die sein Unbewusstes steuerte.