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2026-10-14 20:33:14, Jamal

Turning Danger into Performance – Die politische Tektonik der Epoche

Rothwesten 1963

Unter dem Esstisch von Gundas Eltern vibriert die politische Tektonik der Epoche.

Rothwesten hat eine rote Seele. In den 1960er Jahren ist die Erinnerung an die sozialdemokratische Geschichte des Dorfes noch lebendig. In dem ehemaligen Nazifliegerhorst hausen das 319th Army Security Agency (ASA) Battalion, die 182nd USASA und die 184th USASA Company. Den GIs obliegt das Peilnetzwerk (Direction Finding) und die Funkspionage. Stationiert ist ferner das 601st Aircraft Control and Warning Squadron (USAFE). Die Luftwaffeneinheit überwacht den Luftraum über der Sektorengrenze. Die Charlie Battery, 6th Battalion, 517th Artillery gewährleistet die Verteidigung vor Ort. Sie hält die Stellungen der Hawk-Flugabwehrraketen (Hawk Air Defense Missiles) permanent einsatzbereit, deren Abschussrampen auf den Hügeln rund um die Kaserne stehen, um den Luftraum gegen sowjetische Jagdflieger abzuriegeln. Drei Transportkompanien wurden gerade nach Rothwesten verlegt. Ihr Fuhrpark (Motor Pool) ist in der Kasseler Waldau-Kaserne untergebracht.

Ein Hauch von Cape Canaveral in Kassel

Kassel-Waldau ist das Stichwort. Da wachsen Ariane und Jarek auf. Das Spannungsfeld zwischen Alt-Waldau mit seinen reichen, seit Jahrhunderten ansässigen Bauern und der in den 1960er Jahren aus dem Boden gestampften Wohnstadt birgt Zündstoff. Welten prallen aufeinander, segregiert von sichtbaren und unsichtbaren Demarkationslinien. 

Es ist dieselbe Postleitzahl, derselbe Himmel über dem Kasseler Osten, doch Ariane und Jarek leben auf unterschiedlichen Planeten.  

Die Halbwaise Ariane gehört zum Dorf. Ihre im Kindsbett verstorbene Mutter entstammte einem Schmied- und Schlosserklan mit landwirtschaftlichem Nebenerwerb. Arianes Welt riecht nach Werkstatt, Fachwerk, Stallung und dem Misthaufen in der nächsten Auffahrt. Für die Erwachsenen, in deren Dunstkreis Ariane aufwächst, ist Waldau Heimat, Herkunft und Stolz. Wer von außerhalb kommt, muss sich das Bleiberecht erst verdienen.

Die Wohnstadt Waldau besteht aus Waschbetonblöcken. Platte reiht sich an Platte. Während Ariane und ihr Vater im Urwaldauer Familien- und Vereinsleben verwurzelt sind, organisieren sich die Leute in Jareks Nachbarschaft in zusammengewürfelten Hausgemeinschaften. Die gegenseitige Unterstützung reicht von der Kinderversorgung bis zum gemeinsamen Urlaub. Manchmal fährt ein ganzer Block in Kolonne nach Italien.

Für die gestandenen Altwaldauer ist Neu-Waldau ein Schandfleck, der ihnen die Taschen gefüllt hat; für die Nachkommen der Eingesessenen ein Betonriegel im Dschungel der Möglichkeiten. Für die Zugezogenen sind die Wohnungen der Neuen Heimat eine Verbesserung. Die Wohnungsnot in der zerschlagenen Stadt sorgt dafür, dass ein solides Dach über dem Kopf schon die Hauptsache sein kann.

Sie gehen auf dieselbe Schule, sie kaufen im selben Einkaufszentrum ein, und im Sommer sonnen sie sich an den Kiesufern der Baggerlöcher in den Fuldaauen. Ariane und Jarek nehmen gemeinsam einen langen Anlauf, bis sich zueinander bekennen. Aber ich will nicht vorgreifen.

Waldau war schon im Neolithikum ein Hotspot. Die fruchtbaren Fuldaauen des Kasseler Beckens luden Menschen vor über 7.000 Jahren zur Sesshaftigkeit ein. Wo heute der Industriepark Waldau steht, erstreckte sich die niederhessische Prärie, geteilt von der amazonasbreiten Fulda. Eiszeitlicher Lössboden war ein Plus. Die ersten Waldauer waren Bandkeramiker. Vermutlich ist Ariane eine späte Nachfahrin dieser Leute. Sie wohnten in Langhäusern. In der Bronzezeit wurde der Flusslauf zum Handelsweg. Die Waldauer verstanden sich bereits aufs Schmieden. Ariane besitzt aus dieser Ära eine Doppelaxt und eine druidische Sichel. Die Beute illegaler Grabungen avancierte in der Generationenfolge zu rituellem, wenn nicht heiligem Erbgut. In einer vom größten Karl im Jahr 811 unserer Zeitrechnung abgezeichneten Urkunde findet Waldisbecki (Waldbach/Waldau) erstmals offiziell Erwähnung, nach fast sechs Jahrtausenden ununterbrochener Besiedlung. In den landgräflichen Epochen gehörte das Dorf zum Hof. Von da brachen fürstliche Jäger in den Kaufunger Wald auf. Den Hunden der hohen Herren wurde das Halali geblasen. Sie nahmen an der Fürstenandacht teil, während das menschliche Fußvolk vor der Kirchentür bleiben musste.

Es ist die landschaftliche Gunstlage, die sich wie ein roter Faden durch die Erzählungen zieht. Bäurischer Reichtum war den Landesherren ein Dorn im Auge. Die saturierten Landwirte schickten ihre Söhne aufs Gymnasium.

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In manchen Geschichten sind die Baggerlöcher Bombentrichter. Bevor das Gebiet für eine Bundesgartenschau hergerichtet wurde, war es ein Kinder- und Jugendeldorado – ein Unterholzurwald und Raucherparadies (für Zehnjährige) und Überschreitungsterritorium am Saum der Waldauer Wiesen, die einst Weiden waren.

Die vollgelaufenen Löcher waren Hinterlassenschaften des Kiesabbaus. Direkt an der Fulda lag eine Versehrtensportanlage. Der Anblick abgeschnallter Prothesen. Entstellte Männer, die mit nussknackerischem Wackeldackelmut Leibesübungen exorzierten. Sie waren im Schneid geblieben. Waren schneidiger als die Davongekommenen bei ihrer Amputationsolympiade.

Der Triumph des Willens über die Invalidität. Und doch schürte das alles in Jarek nicht die schwache Glut des Pazifismus. Er dachte nicht darüber nach, schichtete die Widersprüche und legte sie wie zum Trocknen ab. Er überschlug die Seiten mit dem katastrophischen Text, bis es wieder im Rambo-Style zur Sache ging. 

Immer wieder fiel das Wort Klappe. Bis zur abschließenden Reform des § 175 stand Homosexualität unter Strafe. Öffentliche Toiletten und das Gestrüpp an den Rändern städtischer Brachflächen waren Zonen der Anonymität und des Begehrens. FKK war regulär und etabliert. Direkt neben den offiziellen Handtuch-Hemisphären, da, wo die Trampelpfade in Weidenverhaue an der Fulda führten, transformierte sich das Gelände. Das „Freizeitgelände Fulda-Aue II“, die alten Kiesgruben und die Dickichte unter der Eisenbahnbrücke sind bis heute in den einschlägigen Szene-Verzeichnissen als schwule Cruising-Spot kartografiert.

Für Jarek und Ariane wurde das Gelände zu einem Labyrinth der Spiegelungen.