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2026-10-15 15:57:25, Jamal

Turning Danger into Performance – Politische Hausaufgaben

Gefühle im Konjunktiv

Eigentlich müssten sie da sein: die großen Gefühle für Jochen. Der angehende Soziologe hat die richtige Haltung. E verkörpert das, was Gunda sein will. Doch dann öffnet ihr Kairo die Augen. Er verzaubert sie so sehr, dass sie sich nicht mehr fragen muss, ob sie das Richtige empfindet.

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Bis 1804 hatte der Pfarrer von Kirchditmold das Amt des Hofpredigers inne. Der letzte sonntags ins Schloss bestellte Diener diverser Herren war Johann Christian Cuntz. Damals hieß das Tannenwäldchen Kratzenberg. Die Kirchditmolder Bauern bestellten Felder über den Kratzenberg hinaus bis zur Querallee. Mainz erhob Ansprüche gegen die Thüringer Landesherrn, auch soweit es um das Kirchspiel und die Dietmelle vulgo Gerichtsstelle Kirchditmold ging. Die im Sächsischen siedelnden Schreibweisen von Kirchditmold verweisen auf ein primäres Ansiedlungsmotiv. Abtrünnige, folglich christianisierte Sachsenführer siedelten in der Gegend von Kassel, das es damals noch nicht gab.  

Wilhelmshöhe hieß Weißenstein. Ein Gerichtsstein moost in der Brunnenstraße. Kirchditmold war stets arm, gleichwohl das konfessionelle Zentrum in einem Kreis der Ortschaften Wahlershausen, Harleshausen, Weißenstein, Wehlheiden und Rothenditmold.

Im frühen 20. Jahrhundert kam Waldau mit revolutionärer Technik in Fühlung. Auf dem Forstfeld fanden Flugexperimente statt. Später wurden da Flugzeuge gebaut. Auf der Route Prag-Marienbad-Kassel-Rotterdam nahm Waldau eine Weile am internationalen Luftverkehr teil. Man verbindet mit dem Airport am Acker vor allem den Namen der Flugzeugschule Raab-Katzenstein.

Kurt Katzenstein und nicht Udet, wie oft gesagt wird, flog unter der Fuldabrücke durch, das sicherte ihm ewigen Ruhm unter Nordhessen. Das Ereignis fand am 24. August 1924 statt.

Der Forst reichte bis zu den Toren der Unterneustadt und gehörte vermutlich zu jenem schlecht dokumentierten fränkischen Königshof an der Fulda, aus dem Kassel hervorging, in einer Epoche, die Waldau, Wolfsanger, Zwehren und Kirchditmold sowie sowieso Kaufungen schon definierte Rollen spielen ließ.

1906 erwarb die Stadt den Forst. 1915 wurde dort eine Munitionsfabrik errichtet, die bis zu fünfzehntausend Menschen beschäftigte. Die Deutschen Werke produzierten nach dem Großen Vaterländischen Krieg Kleinmaschinen. 1935 trat die Zellstoff-Fabrik Spinnfaser an die Stelle der Deutschen Werke.

1924 siedelte sich die Flugzeugfabrik Dietrich-Gobiet an. Im selben Jahr wurde der Flughafen eingeweiht. Im folgenden Jahr gab die Dietrich-Gobiet-Luftverkehrsgesellschaft ihren Kasseler Standort auf. An ihre Stelle traten die Raab-Katzenstein Flugzeugwerke. Sie bauten Geräte mit klingenden Namen: Schwalbe, Pelikan, Grasmücke. Das Bewusstsein der Beteiligten war noch befangen in Vorstellungen, die sich mit dem Begriff Menschheitstraum verbinden. - Waldau als Cape Canaveral der frühen Luftfahrtgeschichte. 1927 entstand die Arbeitersiedlung auf dem Forstfeld, wo Gerhard Fieseler und Antonius Raab zu Kunstflügen starteten.

1933 ergab sich für Raab-Katzenstein der Zwang zur Umsiedlung. Die Fieseler Flugzeugwerke übernahmen die Nachfolge. Sechstausend Zwangsarbeiter waren nach 1940 in den Fieseler Werken an der Lilienthalstraße zusammengefasst. Die Junkers-Flugzeugmotorenwerke standen dort, wo später die AEG Platz nahm.

Kassel und Umgebung anno 2000

Wald war nie nur Natur. Gunda schnarcht, wer hätte sich das vor zwanzig Jahren träumen lassen. Kairo tappt auf das Schokoladenrevier neben den durchgesehenen Zeitungen zu, er sollte nicht so viel. Er verweilt im dunklen Wohnzimmer in Fängen des Elterlichen. Jeder andere hätte mit den Altlasten aufgeräumt, aber Kairo fühlt sich wohl in seinem Museum und Gunda hat auch nie es für nötig befunden, etwas anderes zu wollen. Mit einer Decke aufs Sofa. Der Schlaf wird Kairo bald finden. Kairo greift nach der Schwarte seines Vertrauens. Über den Umweg einer Darstellung karolinischer Forstpolitik ist er zu einem soliden Hinweis auf die Waldauer Frühgeschichte gelangt. Die Quelle weist den sächsischen Edlen Amalung als Besitzer eines sogenannten Bifangs aus. Offenbar war Amalung als Gefolgsmann eines fränkischen Königs während der Sachsenkriege zunächst nach Wolfsanger emigriert, bevor er, seinem Rang entsprechend und in Vermeidung von Konflikten, seinen eigenen Raum beanspruchte. „Er rodete den Wald jenseits der Fulda“, heißt es weiter. Waldau wäre demnach eine sächsische Gründung, in einem Gebiet, das Katten prägten, bevor sie im ostfränkischen Reich zumindest politisch aufgingen.

Amalung vererbte den Grund an seinen Sohn Bennit, nach dem Benterode so heißt. Karl der Große bestätigte ihm 811 den Besitz. Bennit hatte sich als Bedrängter an den Kaiser gewandt, da Boten schon drauf und dran gewesen waren, Waldisbecki (Waldisbecci) dem kaiserlichen Eigen zuzuschlagen. Kairo führt sich das noch einmal zum Mitschreiben vor Augen. Nach fränkischem Recht erwarb ein sächsischer Graf einen Flecken im Kernland der Katten. So kam Waldau in der Welt zu einem Namen. Schon damals war der angrenzende Kaufunger Wald Reichsforst. Um das Jahr Tausend gehörte das Gebiet der Abtei Hersfeld. Das Ahnaberger Kloster hatte später Grundbesitz im Ort. Dieser Augustinerchorfrauenstift war 1148 von der Landgräfin Hedwig von Thüringen ins Leben gerufen worden. Politisch betrachtet äußerte sich darin eine Abwehr der Interessen des Mainzer Erzbistums an Niederhessen. Das ältere Kloster Weißenstein stand Mainz zu. In seiner Gründungsära waren regionale Adlige, so wie die von Schauenburgs, Schirmvogte des Klosters, das Übrigens nicht nach einer einzelnen Erhebung benannt ist. Weißenstein ist vielmehr ein Landschaftsbegriff, der den Weinberg und den Lindenberg einschließt.

Waldau kam nach und nach den Grafen von Bilstein, von Schwarzenberg und von Bergshausen zu. 1277 machte Heinrich I., ein Enkel der heiligen Katharina, Kassel zu seiner Hauptstadt. Ein Otto von Bilstein verkaufte 1301 sein Aktivlehen im Wald an den Landesherrn. Im Folgenden rückte Waldau immer dichter an die Hofhaltung. Lange wurden hier die Hunde der Grafen versorgt. Die lebenden Jagdwaffen hatten Zutritt zum Gottesdienst. 1626 ließ der in kaiserlichen Diensten stehende und an Kassel gescheiterte General Tilly das Schloss Waldau zerlegen.

Waldau unterstand „der Gerichtsbarkeit vor der Neustadt“. Schwere Strafen wurden am Wahlebach und an der Nürnberger Straße vollstreckt. 1727 reiste König George II. von England zur Musterung von zwölftausend hessischen Soldaten an. Daran erinnerte lange eine Gaststätte mit dem Namen „Zum Englischen König“. Auf den Mauerresten des niedergelegten Schlosses wurde 1728 das Forsthaus errichtet. Ab 1757 diente der Forst den Truppenübungen. Französisches Militär lag in dem Straßendorf. Es zog 1762 ab. Da gab es schon den Jägerhof, und im Forst wurden Vieh- und Pferdemärkte abgehalten.

Um 1805 hatte Waldau achtzig Gebäude und 524 Einwohner. Das Dorf sah zu, als 1813 sechs Freiheitskämpfer standrechtlich erschossen wurden. Zu dieser Zeit wurde den kurfürstlichen Hunden noch täglich zur Hauptfütterung der Marsch geblasen. 1819 ließ sich der spätere Kurfürst Wilhelm I. dazu herab, im Jägerhof abzusteigen. Indes wuchs das Dorf. 1841 zählte Waldau 93 Gebäude und 721 Einwohner. Es hatte ein Regiment zu beherbergen. 1863 gab sich der Kurfürst noch einmal die Ehre, bald darauf, 1866, wurde Waldau preußisch. Die Bauern vermarkteten ihre Produkte genossenschaftlich. Eine Raiffeisen-Filiale existiert in Waldau ab 1895. Der bäurische Wohlstand erlaubte die Bildung des männlichen Nachwuchses auf dem Friedrichsgymnasium.

Als das Dorf ein Menschenalter später, 1936, gegen den Widerstand der Bauern Kassel zugeschlagen wurde, lebten 1757 Menschen in Waldau. Überwiegend waren sie mit Landwirtschaft befasst.

Kassel und Umgebung anno 1978

Kairos Vorgänger hieß Jochen. Er war sechs Jahre älter als Gunda und studierte an der 1971 gegründeten Gesamthochschule. Jochen war die wandelnde Nickelbrille, ein besessener Flugblattverteiler, einer, der auch dann noch über die Befreiung der Arbeiterklasse sprach, wenn alle anderen schon zum gemütlichen Teil übergegangen waren. Das Proletariat lag ihm am Herzen. Jochen redete über die Werktätigen wie ein Naturschützer über eine bedrohte Tierart. Seine Ernsthaftigkeit nahm Gunda ein. Er liebte es, sie ideologisch zu schulen. Er gab Gunda politische Hausaufgaben auf. Er prüfte ihren Fleiß und ihr Verständnis. Er lobte und tadelte sie mit – nicht begriffener – patriarchalen Selbstherrlichkeit. Gunda bemühte sich, so wie sie es überall tat: zuhause, in der Schule, im Chor, bei den Pfadfindern, beim Bogenschießen und Judo. Sie diente der sozialistischen Sache und, ohne es recht zu bemerken, auch Jochen, der sich schon deshalb so furios vor Gunda aufspielte, weil alle anderen ihm dazu wenig Gelegenheiten boten.

Seit dem Abend mit Kairo am Schießstand nahm Gundas Empfänglichkeit für Jochens Ansichten stündlich ab. Drei Tage lang suchte sie ihre Liebe wie ein Ding, dass in der Wohnung verloren gegangen war. Irgendwo muss es doch sein. Sie versuchte, für Jochen Großgefühle aufzubringen oder sich wenigstens auf seine Monologe zu konzentrieren. Noch glaubte sie, Jochen ihre Liebe schuldig zu sein. War er doch ein Mann, den sie bewundern konnte. Er vertrat die richtigen Standpunkte und war theoretisch beschlagen.  

Gunda gab sich Mühe. Dass sie sich so anstrengte, hielt sie für ein Zeichen ihrer Zuneigung, bis ihr ein Licht aufging. Sie hatte sich in die Vorstellung von einer Frau verliebt, die politisch korrekt dachte, intellektuell mithielt und an der Seite eines Revolutionärs ihre eigene Befreiung vollzog. Die ultimative narzisstische Schleife entlarvte sich unter Umgehung des Bewusstseins. Das Vollbild des Desasters kam bei Gunda nicht an. Jochen war nur der Platzhalter für ein Phantasma. Sie hatte mit ihm noch einmal Sex, der weniger aufregend war als die irreal-intimen Interferenzen in dem Geplänkel mit Kairo. Schließlich saß Gunda in Jochens Wohngemeinschaftsküche und hörte nicht mehr zu. (Sie gehörte nicht mehr dazu.) Am nächsten Nachmittag traf sie Kairo ins Hallenbad Ost an der Leipziger Straße. Der funktionale Backsteinbau stammte aus den zwanziger Jahren. Hohe Fenster, feuchte Wärme; eine sakrale Anmutung im Trichloramin-Mief. Kairo schwamm Brust mit kantigen Stößen; als wolle er das Wasser bezwingen. Das Wasser gab seinem Willen nicht nach. Je mehr er dagegen arbeitete, desto größer war der Widerstand.

Dabei wusste er es besser. Er war ein vielseitig guter Sportler, nur eben kein guter Schwimmer. Gunda konnte richtig kraulen und beherrschte auch die Rollwende.

Kairo griff in die Überlaufrinne und zog sich schwer atmend an den Beckenrand.  

„Du schwimmst, wie ein Pfeil fliegt“, sagte er.

„Du kämpfst zu viel, Kairo. Das Wasser trägt dich, wenn du aufhörst, es zu schlagen.“

Sie kannten sich schon lange und konnten sich doch überraschen. Gunda realisierte, dass sie gerade so auftrat wie Kairo auf dem Schießstand. Ihre Überlegenheit ihr Gunda nichts. In einer Kopfkinosequenz sah sich nackt unter dem heißen Strahl im Duschraum stehen, Kairo kam herein. In ihrer Vorstellung waren sie zum ersten Mal vollkommen nackt voreinander.

„Warum haben wir so lange gezögerte“, fragte sie in der imaginierten Szene.