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2026-10-15 17:56:58, Jamal

Turning Danger into Performance - Stay Behind Kids

Bastion des Bürgerlichen

Vor dem Haus meiner Eltern macht sich Nebel vom Acker. Ein Weg streift die Fläche, er gehört zu einer Kindheitsroute. Die Autobahn liefert seit Jahrzehnten ein konstantes Geräusch.

Die Hecken der Vorgärten haben Stufenschnitte.

Meine Mutter macht sich ihren Tee. Sie ergänzt mich und schließt meine Lücken.

Wir spielen Tischtennis im Hobbykeller. Meine Mutter spielt nach Gehör. Sie zieht mich zackig ab, schmettert mit Vergnügen. Ich sehe ein Bewegungsbild ihrer Jugend. Damals musste man auf Draht sein. Zum Spaß rede ich kasselänerisch. Meine zugezogene Mutter ist irritiert und weiß nicht warum.

Am Nachmittag kommt Ariane, lobt den Käsekuchen und besteht auf einen Spaziergang am Wahlebach. Hier hat ein Freund meines Vaters vor dreißig Jahren gebaut. Eine Erinnerung an die Zweiraumwohnung, die der Bauherr mit seiner Frau und einem Sohn zuvor am Seidenen Strümpfchen bewohnte - der Junge war älter, jahrelang trug ich seine Karnevalssachen auf und gab einmal den perfekten Winnetou. Winnetou hieß mit bürgerlichem Namen Pierre Brice. Eine Weile verwechselte ich Johnny Weißmüller mit Lex Parker, Tarzan mit Old Shatterhand.

Ein schlenkernder Arm überquert mich. Love is in the air. Wir lieben uns seit vierzig Jahren. Wir lagen in meinem Kinderzimmer, im Ehebett meiner Eltern. Die Tagesdecken und Handtücher und abwaschbaren Möbel unserer Jugend sind noch da. Nicht unbedingt in Gebrauch. Ist nie was weggeschmissen worden.

Wir reden über Prag. Es geht bei alldem um den Unterschied zwischen bürgerlich und feudal. Ich habe Prag vor allem als Bastion des Bürgerlichen wahrgenommen. So wie Frankfurt und anders als Berlin. Der Städte Geist - Prag war ein Labor der bezähmten Moderne. Der Kubismus schuf sich eine eigene Spielart, während der Futurismus in Italien den Faschismus vorbereitete. Das sind Qualitäten, die sich retrospektiv offenbaren. Kein Zeitgenosse genießt solch eine Aussicht auf seine Gegenwart. So wie Westdeutschland als Boomerparadies in der Berliner Republik kümmerlich erscheint, obwohl es ein Hochofen des Kalten Krieges war.

Im August 1924 eröffnete der Flughafen Kassel-Waldau auf einem Truppenübungsplatz. Ab 1926 flog die Luft Hansa (Originalschreibweise) Waldau ab. Gerhard Fieseler erprobte den weltweit ersten Segelflugzeugschlepp, und im September 1930 verdunkelt das gigantische Luftschiff „Graf Zeppelin“ den Waldauer Himmel – bejubelt von hunderttausend Menschen. Waldau war ein Tor zur Welt, bevor es militärisches Sperrgebiet wurde. Fieseler verwandelte den Flughafen in eine gigantische Rüstungsschmiede um. Werk III dominierte das Areal. Da schlüpfte der wendige Fieseler Storch aus den Hallen, Zwangsarbeiter montierten die Messerschmitt-Jagdflieger. In den geheimen Konstruktionsbüros reifte die Flugbombe Fi 103 heran – die Welt kennt sie als Vergeltungswaffe „V1“. Alliierte Bomben erschufen schließlich eine Kraterlandschaft. US-Truppen besetzten das Trümmerfeld. Mit Planierraupen walzten sie das Gelände plan. Unter dem Code „Advanced Landing Ground Y-96“ schossen bald wieder Triebwerke über die Piste. Zehn Jahre lang schlug das Herz der US-Air Forces in Waldau.

Im April 1955 übergaben die Sieger das Rollfeld an die Stadt. Sie behielten die bombensicheren Werkshallen der alten Fieseler-Werke als US Detachment Kassel-Waldau. Sie nutzen das Areal als militärischen Motor Pool der Charlie Battery.

Die zentrale Aufgabe bestand darin, den gigantischen Nachschub- und Fahrzeugverkehr der US-Streitkräfte auf der A7 abzusichern. Erfüllt wurde sie von der 547th Ordnance Company (Instandsetzungskompanie) und Transport- und Quartiermeistereinheiten (Transportation & Quartermaster Companies).

Die Vorstellung, dass das feudale Hessen gemütlich gewesen sei und der Militarismus eine preußische Erfindung, verfehlt die Realität. Hessen-Kassel war im 18. Jahrhundert der am stärksten militarisierte Staat Europas – und zwar noch weit vor Preußen. Die Kontinuität bis zur Verschmelzung der Militärstaaten wurde kaum je erzählt. Unter Landgraf Friedrich II. wurde Hessen-Kassel zu einem „Soldatenstaat“. In Preußen kam zur Hochphase des Militarismus ein Soldat auf 30 Zivilisten. In Hessen-Kassel lag das Verhältnis im Frieden bei 1 zu 15. Das bedeutet, die militärische Durchdringung des Alltags war Nordhessen doppelt so hoch wie im preußischen Kernland. Hessen-Kassel presste die männliche Landbevölkerung über ein strenges Registrierungssystem in den Dienst. Während Preußen mit seiner Armee Territorien eroberte, nutzte Hessen-Kassel seine perfekt gedrillte Armee als wirtschaftliches Exportgut. Über die sogenannten Subsidienverträge vermietete der Landgraf ganze Regimenter an ausländische Mächte, allen voran an Großbritannien. Im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg kämpften rund 19.000 Hessians. Im Deutschen Krieg von 1866 stand das Kurfürstentum Hessen (Kassel) auf der Verliererseite gegen Preußen. Die Folge: Preußen annektierte Kurhessen komplett und machte daraus die Provinz Hessen-Nassau. Das kurhessische Militär wurde nahtlos in die preußische Armee eingegliedert. Die Regimenter legten ihre alten Uniformen ab, bekamen die preußische Pickelhaube aufgesetzt und wurden zu preußischen Verbänden um-nummeriert (wie das Füsilier-Regiment „von Gersdorff“ Nr. 80 in Kassel). Die Symbiose aus hessischer Militärtradition und preußischer Machtpolitik verwandelte den Großraum Kassel in den folgenden Jahrzehnten in eine der wichtigsten Rüstungsschmieden des Deutschen Reiches. Henschel stieg vom Lokomotivbauer zum Rüstungsgiganten auf. Gerhard Fieseler gründete in den 1930er-Jahren die Fieseler-Werke in Bettenhausen und Waldau, wo unter anderem der Fieseler Storch und die Flugbombe V1 gebaut wurden.

Ohne es zu realisieren, verkoppelten wir Aaron Banks Stay-Behind-Konzept mit unserem Alltag. Wo Landgrafen einst ihre Landeskinder als Söldner nach Amerika verkauft hatten, wurden wir zu den NATO-Werwölfen erzogen.

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Ariane liebte ihre Kreidler Florett RS. Ihr verwitweter Vater ließ ihr alle Freiheiten, seit er mehr Zeit bei seiner Bekannten verbrachte als zuhause.

Nach einer Sprachregelung der Zeit sprach man von Bekannten bei unorthodoxen intimen Verhältnissen.

Zum ersten Mal war Ariane mit Jarek verabredet, ohne dass es auf die freundschaftliche Viererkonstellation hinauslief. Seit Gunda und Kairo sich beinah schon als Verlobte betrachteten, fühlten sich Ariane und Jarek ermutigt, ihrer Zuneigung mehr Raum zu geben. Es wären auch andere Konstellationen denkbar gewesen; ich erinnere an eine Nacht zwischen Zelt und Bach, in der sich Gunda und Jarek nahegekommen waren. Es gab erotische Diversifikationen in alle Richtungen. Auch Holger konnte ein Lied davon singen. Jareks kraftgenialischer Sport- und Kunstlehrer Holger Müller schillerte in allen Farben des avancierten Jetzt und war zugleich ein ganz anderer, um Rimbauds, „Ich ist ein anderer“, zu paraphrasieren. Alles hört auf mein Kommando – das Kommando Müller war für Jarek ein lustiges Wort. Zum Spaß beschrieb er so seine Einheit. Aber er sagte eben auch Einheit, so wie er Kommando Müller sagte. Er war der vielseitigste Athlet in Müllers Kraftsportgruppe. Holger pullte besonders kriegstüchtige Subjekte aus den Stay-Behind-Schleppnetzen. Jarek war sein bester, ahnungsloser NATO-Werwolf – eine perfekt gezüchtete Waffe, die von ihrer martialischen Bestimmung nichts ahnte. Jarek stieg hinter Ariane auf den Sozius. Erst hielt er sich an dem Maschinenrahmen fest, dann umarmte er Ariane, die sich die Umarmung gefallen ließ. Sie fuhren zum Lichterfest in den Wilhelmshöher Park und schlenderten da schon händchenhaltend über die Wiese vor dem Schloss und unter dem illuminierten Herkules. Die Pfadfinder vom Stamm der Goten, die Schwerathletikgruppe von Holger Müller im Rahmen des Schulsports extra verpackt in einem Mantel der Normalität, das Technische Hilfswerk: – all das waren Aspekte einer doppelten Architektur. Es roch und schmeckte nach sozialdemokratischem Aufbruch, nach zeitgemäßer Jugendbewegung, Fitness und Katastrophenschutz. Darunter lag das klandestine Negativ des Krieges.