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2026-10-16 17:38:17, Jamal

Turning Danger into Performance - Das Stockdale-Paradox

"And when I lose, I want to go out fighting with my very last breath." Kimberlé Crenshaw

James Bond Stockdale (23. Dezember 1923 in Abingdon, Illinois – 5. Juli 2005 in Coronado, Kalifornien) zählte zu den höchstdekorierten Offizieren der US Navy. Seine Erfahrungen als Kriegsgefangener in Hanoi dienten dem Managementexperten Jim Collins als Grundlage für das sogenannte Stockdale-Paradox. Es beschreibt eine Haltung, bei der zwei scheinbar widersprüchliche Überzeugungen miteinander verbunden werden. Einerseits muss man die Realität auch dann anerkennen, wenn sie entmutigend ist, und darf sich nicht von unrealistischen Hoffnungen leiten lassen. Andererseits soll man – allen widrigen Umständen zum Trotz – die Möglichkeit eines positiven Ausgangs nie ausschließen.

Kassel und Umgebung anno 2007 – Einer unter Zehntausend

„Wie lange?“

„Wie lange was?“

„Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen?“

„Dreiundzwanzig Jahre.“

Mit der genauen Angabe pariert Jarek ein verächtliches Misstrauen. Es schlägt ihm in der sämigen Mundart seiner Kindheit (dem Kiesmühlensound) entgegen. Jarek soll sich wieder so fühlen wie ein Reiskorn in der Milchsuppe. Das war ein stehendes Bild. Allgemein wurde Hecht- mit Milchsuppe vorsätzlich verwechselt. Es zog wie Milchsuppe. Man trat frühmorgens vor die Tür und verfing sich in einer herbstlichen Milchsuppe, einer städtischen Besonderheit, obwohl man gar nicht in der Stadt wohnte, sondern auf einem Dorf, das gegen den Willen und Widerstand der Ortsobristen eingemeindet worden war.

Die Stadt liegt in einem Kessel und die Gegend in einem Becken. Das Becken heißt so wie die Stadt. Das lernte Jarek von Frau Wagenbach in der Schule. Man war noch jung genug, um unbefangen berührt zu werden. Die mütterlichen Regungen der alles bestimmenden Klassenlehrerin stießen auf erotische Vermutungen; auf ein dezidiertes Nichtwissen. Noch fand in Jareks Nähe keine Straßenaufklärung statt. Auch die Grenzen seiner Ausdauer verloren ihre Konturen im Vermutungsnebel. Man schickte den Jungen auf die Hessenkampfbahn und verschaffte sich Klarheit. Man informierte sich. Jedes Talent in Reichweite, ob es nun bei einem Hund oder bei einem Pferd festgestellt wurde, unterlag eingehenden Erörterungen. Ausgangspunkt aller Überlegungen war die Gewissheit: Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

In einer Nation von Bundestrainern verkörperte der Trainer den Mann der Stunde. Es gab ihn in HB und in Roth-Händle Filter.

Die Fachleute kannte man nie nur als Spezialisten für eine Sache. Der Tischtennischeftrainer zum Beispiel war auch in der freiwilligen Feuerwehr, im Geschichtsverein und in der CDU aktiv. Die CDU-Ortsgruppe war aus dem Tabakclub von 1911 hervorgegangen.

Der Handballcheftrainer gehörte auch deshalb zur Vorbereitungskippe der Kirmes, weil ihm das Zusatzengagement einen Anspruch auf Plätze (für sich und die seinen) an der langen, strategisch günstig im Festzelt aufgebauten Tafel verschaffte. Selbstverständlich war es nicht jedermann gestattet, sich dazu zu setzen. Der traurige Haufen aus der Neubausiedlung, saß da, wo er hingehörte. Sobald der Alkohol sein Recht forderte, rückten die Dahergelaufenen aber vor. Das kannte man und wusste es im Voraus und schließlich veränderten sich die Frontverläufe und dann hatten eben die Russlanddeutschen ihre Epoche am Katzentisch.

Als Jarek seine Fühler im Dorf ausstreckte, war der siebzehnjährige Pfadfinderführer (auch so eine Art Trainer) Alwin-Siegmund Luchterhand das Idol aller Zehnjährigen. Jarek folgte einer Anregung seiner Eltern, als er bei den Pfadfindern zur Probe mitmachte. Er nahm nicht nur seine jedem Knirps garantierte Schnupperstunde als Gelegenheit wahr, sich umzuschauen und Einblicke zu gewinnen. Er strapazierte die Unverbindlichkeit, die im Kern natürlich gar keine Unverbindlichkeit war, vielmehr das glatte Gegenteil, also eine altersgerechte Verbindlichkeit im Rahmen dörflicher Teilhabeverpflichtungen. Der zweite Pfadfinder-Termin führte Jarek im Tross der Wölflinge in den Wald. Unterwegs versuchte jemand, auf den es nicht ankam, witzig zu sein, indem er das römisch-infanteristische per pedes mit einem anderen P-Wort paarte. Jarek begriff, dass man als Mitläufer besser keine Witze riss. Er verinnerlichte die Lektion so sehr, dass er sich sein Leben lang enthielt und zu keiner zufälligen Unterhaltung je etwas Amüsantes beitrug. Am Ende des Ausflugs verlangte Luchterhand von Jarek die Entscheidung. Er formulierte es so: „Wir wollen hier keine losen Enden. Bei uns gibt es nichts zwischen dafür und dagegen.“

Eine Variation aus dem Repertoire dörflicher Jugendarbeit: „Wir ziehen uns keine Wackelkandidaten heran.“

„Geeiert wird nicht.“

Jetzt steht Luchterhand haarklein genauso da wie weiland Luchterhand Senior. Da steht ein ergrauter Förster; Witwer inzwischen; Erbe eines Vermögens aus landwirtschaftlichem Besitz, aus Beständigkeit und Beharrungsvermögen und jeder Menge Schwein-gehabt. Luchterhand hat viele Prisen und Prämien aus den Gnadenfonds der Zugehörigkeit eingestrichen. Er läuft aber rum wie ein Penner. Die Multifunktionshose war vor der Jahrtausendwende modern. Die Parka stammt aus der Ära ihrer Jugend. Was solls. Jarek registriert den Tarneffekt. In der Dämmerung hebt sich Luchterhand kaum ab von den eingezäunten Erscheinungen einer halben Wildnis.

Shape, Shine, Silhouette, Shadow and Spacing …

Silhouette

Manche täuschen mit Wespenwarntrachtfarben eine Gefährlichkeit vor, die sie nicht haben. Andere erscheinen harmlos wie Ringelblumen und sind doch Fleischfresser wie du und ich. Skyliner vergrößern ihre Silhouette, um besonders ungezwungen zu wirken. In der Regel können sie etwas Künstlerisches, dass es ihnen erlaubt, in der Mühelosigkeit als Kulturschaffende durchzugehen.

Man kann den menschlichen Umriss nicht nur in der Horizontalen brechen.

Shine

Lässt sich Glanz nicht vermeiden, schützt man sich mit gleisender Helligkeit. Ein Strahlenkranz verbirgt die Einzelheiten. Zu den klassischen Prinzipien der militärischen Tarnung und Aufklärung gehören traditionell die „7 S der Tarnung“ (erweitert oft auf 8 Prinzipien). Neben Shape (Form), Shine (Glanz), Silhouette (Umriss), Shadow (Schatten) und Space (Abstand) – gehören standardmäßig noch folgende Kernkomponenten dazu: Sound (Geräusch), Speed / Sudden Movement (Geschwindigkeit / Plötzliche Bewegung), Shade / Surface (Farbe / Oberfläche), Smell und Thermal Signature (Infrarot- und Wärmesignatur gegenüber modernen Optiken).

Luchterhand wirkt immer noch so aggressiv-verstimmt wie in seiner Jugend. An ihm war es, die erste Pfadfinderführerin nach Einführung der koedukativen Pfadfinderschaft zu heiraten.

Als es hieß, jetzt können Mädchen mitmachen, band sich ein Pomeranzenstrauß und versammelte sich allwöchentlich im Glockenturm, ohne Sinn für das Pittoreske. Den Debütantinnen war nicht klar, dass sie als Kinder des Dorfes wie in einer Hutschachtel aufgehoben waren und das Glück der Exklusivität genossen. Unter Aufsicht bewegten sie sich frei und unbeholfen in der sakralen Aura. Es gab nur die evangelische Kirche. Wer katholisch war, gehörte völlig komplikationsfrei nicht dazu. Und was anderes als evangelisch oder katholisch war undenkbar.

Auch die Pfadfinderinnen brauchten Führung. Die besonnene, vom Zeitgeist elegisch-unberührte Tochter des zugezogenen, isolationistisch agierenden, aber trotzdem lobenswerten Konzertgitarristen Ludwig Baron, gebürtig aus Göttingen an der Leine, war eine Idealbesetzung. Luise Luchterhand, geb. Baron, ist auch schon wieder seit Jahren tot. Kinder, wie die Zeit vergeht. Luchterhand ist heiser von jeher. Schon als adoleszenter Stammesführer hatte er diese Stimme, mit der sich Kommandos perfekt bellen lassen.

„Was hast du die ganze Zeit getrieben? fragt er vorwurfsvoll. Als sei Jarek von der Fahne gegangen und desertiert. Als sei er bloß ein reuiger, von allen fremden Höfen gejagter Heimkehrer; einer der nur noch irgendwo unterkriechen kann; einer der noch weniger annehmende Aufmerksamkeit verdient als die Flüchtlinge, die sich jetzt überall breitmachen.

Nicht, dass es nicht schon immer Flüchtlinge gegeben hätte. Es gab sogar eine Flüchtlingssiedlung im Ort, auch Paprikasiedlung genannt. Erbaut von Siebenbürger Sachsen, natürlich gegen den Widerstand der Obristen.

Jarek ignoriert die Frage. Jarek weiß, dass Luchterhand weiß, wie er in den letzten Jahrzehnten unterwegs war. Das Pfadfinder-Chapter war immer schon halb mafiös und so investigativ wie ein Geheimdienst gewesen, lange bevor Luchterhand und Jarek an der Reihe gewesen waren. Bei den Pfadfindern trennte sich der Spreu vom Weizen. Weizen war, wer blieb und das Dorf am Leben hielt. Die Spreu verstreute sich.

Jarek fällt mit der Tür ins Haus.

„Ich habe was für euch.“

„Sag so was nicht laut. Die Nacht hat Ohren.“

„Ich dachte, du hast die Lufthoheit.“

„Wenn ich nicht wüsste, dass du.“

Luchterhand unterbricht sich. Er war der Wüsten Wüstester. Es gab keine parfümierten Gelegenheiten, keine behutsamen Annäherungen. Die Wölflinge stanken im Chor. Sie waren gehorsam, auch da, wo sie widerspenstig erschienen. In einem Kellerraum des Gemeindehauses wichsten sie auf Befehl um die Wette. Sie präsentierten sich und nahmen in aller Vorläufigkeit künftige Rollen ein. Die einen gingen ganz von selbst in die zweite Reihe oder noch weiter nach hinten, wo man sie nicht so gut sehen konnte, und die anderen gingen von selbst nach vorn. Sie blieben sichtbar, weil sie sich nicht zu schämen brauchten. Und weil die Schamhaften die Schamlosen über jedes Maß bewunderten, ergab sich wie von selbst eine nie diskutierte, nie in Frage gestellte Hierarchie.

Alle waren noch zu jung für Tricks und Täuschungen. Sie reagierten unwillkürlich und siebten sich so zuverlässig. Da schlich sie kein Schwacher unter Starke. Da aber die Zugehörigkeit das Gesetz war, konnte niemand ausgeschlossen werden.

Die Wölflinge spezialisierten sich im dörflichen Handball- und Fußballverein (oder in einem städtischen Leichtathletik- oder Schwimmverein) und bei der freiwilligen Feuerwehr. Sie übernahmen Kirmesaufgaben, sie waren ständig präsent als Heranwachsende und unentwegt beschäftigt. Sie bemerkten kaum, wie sie hinzugezogen und eingebunden wurden. Wie man sie von diesem abhielt und ihnen an anderer Stelle zuriet; wie ihre Skepsis hier und ihr Einverständnis da gefördert wurde. Es waren die Richtigen, die ansagten: der Pfarrer, die Lehrer, Luchterhands Förstervater, der Kriminaloberkommissar Ludwig Ullstein, der einen Hof mit vielen Morgen Land als eiserne Reserve und Faustpfand in der Hinterhand hielt.

Man sagte Länder zu Grundstücken und darin steckte die Wahrheit des Wohlstands. Das waren keine handtuchbreiten Streifen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden, sondern erhebliche Flächen, unterbrochen von der Autobahn. Dann kamen die Hanglagen vor dem Wald. So hießen sie auch: vor dem Wald.

So heißen sie noch. Man sieht über das Dorf hinweg auf die Stadt, sieht Nebel aufsteigen, die Straßenleuchten geben ein milchiges Licht ab.

Luchterhand schmälert eine unerschöpfliche Reserve in einem Schuppen. Er tritt mit zwei Bierbüchsen zeremoniell-versöhnlich vor. Fast tut es Jarek leid, die Wiederaufnahme der Beziehungen nicht angemessen begehen zu können. Er hat noch keinen Sechzigjährigen erlebt, dem das Saufen bekommt. Er schüttelt den Kopf.

Luchterhand lacht. Es ist mehr ein Husten.

„Immer noch der alte Eisenkopf mit den Speziallösungen.“

Er reißt eine Lasche auf und nimmt einen Hieb, wie man sagte. Er fährt mit dem Handrücken über seine Lippen und zieht den Schaum an der Hose ab. Das ist eine uralte Gebärde. Vielleicht soll sie Jarek an etwas erinnern, ihn sogar ermahnen.

So viele Leuten bilden sich etwas darauf ein, Jarek zu kennen. Bücher wurden über ihn geschrieben. Doch keiner seiner Biografen kennt ihn auch nur annähernd so gut wie Luchterhand, der Jarek Jahrzehnte nicht gesehen hat (außer im Fernsehen). Jarek war zu jung für jede Verstellung, als sich Luchterhand ein Bild von ihm gemacht hat.  Diesem Bild verdankt es Jarek, angehört zu werden. Deshalb darf er Luchterhand blöd kommen mit seinen Andeutungen.

Luchterhand glaubt, Jarek seinerzeit auf den Topf der Liebe gesetzt und ihm eingetrichtert zu haben, wie es geht.

Die Eminenz war der Rasenkraftsportmeister, Sport- und Kunstlehrer Holger Müller. Müller gefiel sich als bestürzende Erscheinung. Er publizierte an seinen Brotfächern vorbei über den Einfluss Caravaggios auf neapolitanische Maler. Er schrieb das wegweisende Stück Die Epiphanien eines Verbannten. Er trieb das Unverständnis der Wölflinge auf die Spitze, indem er Jarek heraushob, als den Einen unter Zehntausend.

Das bedenkt Luchterhand, während die Nacht Einzug hält.