Der Neoliberalismus war kein historischer Betriebsunfall und kein bloßer ideologischer Rückschritt – er war das evolutionäre Testgelände. Er war das Laboratorium, in dem die Zivilisation darauf vorbereitet wurde, die Grenze zwischen Mensch und Maschine molekular zu schleifen.
Turning Danger into Performance – Riss im Fundament der Evolution – Michel Serres’ Exodarwinismus und transhumane Epigenetik
„Die Kultur folgt der Natur in einer Art Exodarwinismus, der Mutationen und Selektionen rascher und mit größerer Anpassungsfähigkeit ablaufen lässt als die Evolution des Lebens selbst. Wenn der Frühling kommt, legen wir die Mäntel schneller ab, als uns die Haare ausfallen.“ Michel Serres
Wenn der Frühling kommt, legen wir die Mäntel schneller ab, als uns die Haare ausfallen. Mit dieser eleganten Metapher beschrieb der französische Philosoph Michel Serres zu Beginn des Jahrhunderts das Phänomen des Exodarwinismus. Seine These: Der Mensch hat seine Evolution weitgehend nach außen verlagert. Während unser biologischer Körper träge im Pleistozän verharrt, rast die technologische und kulturelle Evolution im Exoskelett der Zivilisation voran. Es ist eine tröstliche Kontinuität, die uns diese klassische Dichotomie vorgaukelt. Hier die schwerfällige, phylogenetische Biologie der Natur – dort die akzelerierende, prothetische Kultur. Doch blickt man durch das Prisma der modernen Molekularbiologie und der algorithmischen Gegenwart, offenbart sich, dass Serres eine ontologische Welt beschrieb, die es so nicht mehr gibt. Das starre Koordinatensystem zwischen trägem Fleisch und schneller Technik ist kollabiert.
Der erste Riss in Serres’ Fundament zeigt sich auf der mikrobiologischen Ebene. Die Epigenetik hat die vermeintliche Trägheit der Biologie als Illusion entlarvt und sie stattdessen als eine fluide, hochreaktive Software-Ebene entschlüsselt. Epigenetische Modifikationen – wie die DNA-Methylierung oder die Histon-Acetylierung – können sich innerhalb von Stunden, Tagen oder Wochen verändern. Sie sind die unmittelbare, molekulare Antwort des Organismus auf psychosozialen Stress, nutritive Faktoren oder kognitive Lernprozesse. Unser Körper wartet nicht auf stochastische, über Generationen gedehnte Mutationen im Genom; er reguliert die Genexpression flexibel über die Aktivierung oder Stummschaltung bereits vorhandener Sequenzen. Wenn der Frühling kommt, legen wir also keineswegs nur den Mantel ab. Unser Organismus adaptiert auf zellulärer Ebene in Echtzeit an die thermischen, metabolischen und transformativen Bedingungen seiner Umwelt. Da diese epigenetischen Profile unter bestimmten Bedingungen transgenerationell vererbt werden können, entsteht eine dynamische, biosoziale Rückkopplungsschleife. Die Kultur transformiert die Umwelt, diese veränderte Umwelt fungiert als unmittelbarer epigenetischer Trigger, und der biologisch modifizierte Phänotyp des Menschen treibt den kulturellen Wandel weiter voran. Unsere Biologie erweist sich damit als ungleich plastischer, als es das gradualistische Modell der Evolutionstheorie je vermuten ließ.
Parallel zu der biologischen Verflüssigung erleben wir eine radikale Transformation der äußeren Dynamik. Die KI hat die Geschwindigkeit verändert, mit der sich die menschliche Umwelt verändert, und damit die Bedingungen, unter denen biologische Anpassung überhaupt noch stattfinden kann. In der Allgegenwart autonomer und lernender Systeme wird unsere Lebenswelt in einem Tempo technisiert, das die Reaktionszeit der genetischen Evolution deklassiert.
So entsteht eine Situation, die Serres’ Bild vom schützenden Kulturmantel pervertiert. Die Technologie ist keine entlastende Prothese mehr, sondern ein hyper-dynamischer Katalysator, der die Umweltbedingungen in einer Frequenz umwälzt, die das biologische Substrat unter permanenten Anpassungsdruck setzt. Da die genetische Evolution zu langsam ist, um auf diese technogenen Ökosysteme zu reagieren, verschiebt sich die Last der biologischen Anschlussfähigkeit fast vollständig auf die Epigenetik und die neuronale Plastizität. Der Mensch muss sich an kognitive und soziale Sphären anpassen, für die es kein evolutionäres Skript gibt.
Die Annahme, der Mensch sei ein biologisch statisches Wesen, das sich hinter dem Schild seiner technologischen Erfindungen evolutionär ausruht, ist damit endgültig unhaltbar geworden. Wir befinden uns mitten in einer hyper-beschleunigten Co-Evolution. Die technologische Kultur schreibt sich epigenetisch direkt in seine biologische Software ein. Wir legen nicht mehr nur den Mantel ab – wir verändern unter dem Druck der von uns geschaffenen Umwelt die Struktur unseres Gewebes.