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2026-10-19 19:12:22, Jamal

Auf Fontanes Spuren - Im Faltboot der Flüchtigkeit

Liebe Musenzeit, seit ich mit Kafka durch bin, irrlichtere ich einem neuen Thema entgegen, das es mir erlaubt, meiner Liebe zur Flüchtigkeit zu frönen. Ein narrativer Hauch so intensiv-ephemer wie der Atem der Geliebten am Hals. Ein feuilletonistisches Halstuch, mit dem ich spielen kann. Ich improvisiere auf dem Textfundament einer Besprechung, die ich vor Jahren geschrieben habe. Ich kleide das Stück neu ein. Für Johannes Bobrowski war die Mark Brandenburg eine Spielzeuglandschaft, „eigentlich überhaupt keine Landschaft", auf jeden Fall unerheblich im Vergleich zum Memelland seiner Herkunft: „Ein Hof so groß wie ein ganzes märkisches Dorf."

Theodor Fontane sah die Gegend mit anderen Augen. „Der Ruppiner See, der fast die Form eines halben Mondes hat, scheidet sich seinen Ufern nach in zwei sehr verschiedene Hälften. Die nördliche Hälfte ist sandig und unfruchtbar und, die freundlich gelegenen Städte Alt- und Neu-Ruppin abgerechnet, ohne allen malerischen Reiz, die Südhälfte aber ist teils angebaut, teils bewaldet und seit alten Zeiten her von vier hübschen Dörfern eingefasst." Sein Werk „Wanderungen durch die Mark Brandenburg" diente manchem schon als Vorlage. Ich finde einen vor hundert Jahren marginal publizierten Nachgang in einem Antiquariat in Posen, das so exponiert auf der Einkaufsmagistrale liegt wie kein Geschäft für gebrauchte Bücher in einer deutschen Großstadt.

Vom ersten Ton an stimmt alles. Jedes Bild ist einnehmend, manches erscheint zwingend. Die Weimarer Gegenwart von 1926 lässt der Autorin die Wahl zwischen Beschaulichkeitsattitüden und forcierten Formulierungen im Geist der Avantgarde. So gelangt sie nach Paretz, einst preußische Residenz. Auch in Lehnin dreht sich die Welt unter ihren Füßen weiter.

Es wird notiert, was die Griffel hergeben. Die Autorin zählt Gießkannen, als gäbe es noch keine Flugzeugabstürze. Sie sortiert nach Farben und grammatischen Geschlechtern. Sie kratzt die Kurzweil aus jedem Detail. Sie notiert auch private Geräusche, es soll nichts Gravitätisches sich einschleichen. Sie entdeckt Skulpturen in einer Heide, aber noch keine Windparks, und doch schon das ganze Programm zersiedelter Landschaften. Hinter den letzten Kühen die Küste. Die Autorin verläuft sich im Kreis, Fontanes Wegweiser im Wandervogelrucksack. Ob Schloss oder Kirche, der Spreewald oder ein Kiefernwald im märkischen Sand; sie erlebt Silvester in Rheinsberg, Ostern in Wittenberge, eine Maibaumsause im Fläming, den Sommer am Schwielowsee.

Die Autorin habe ich mir aus den Fingern gesogen. Es gab aber Marie von Bunsen, „Im Ruderboot durch Deutschland. Auf Flüssen und Kanälen in den Jahren 1905 bis 1915", Kurt Tucholsky, „Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte" und Anna Plothow, „Märkische Skizzen". Berliner Zeitungen schickten regelmäßig Autorinnen an die Oder und in den Spreewald. Das wäre auch ein Job für mich gewesen. Ich wäre gar nicht mehr nach Berlin zurückgefahren. Ich wünsche dir einen schönen Abend. 

Ein Nachbild der Heimat

Ein Nachbild der Heimat

Und wieder nehme ich eine alte Besprechung, ich weiß schon nicht mehr, wo ich den Fleiß hergenommen habe, so viele Bücher produktiv zu lesen, und verwandele sie in eine Geschichte. Es ist stets die gleiche Idee. Andere erschließen sich die Welt, indem sie sich umsehen, ich filtere ihre Eindrücke im Epiphanienrausch. Keine Ahnung, warum mir das so gut gefällt. Das Nachbild der Heimat – Als Heimdall die Blumen kaufte, dachte er an seine Frau. Er stand vor einer floristischen Boutique, weit weg von zu Hause, und wusste nicht, welche Blumen er nehmen sollte. Die Verkäuferin hieß Sylke. Sie hatte eine Art, ihn anzusehen, die ihm zugleich vertraut und fremd vorkam. Vielleicht war es nur ihre Aufmerksamkeit. Vielleicht war es, dass sie nichts von ihm wusste.

Er kaufte die Blumen und kam wieder.

Heimdall lebt auf Tristan da Cunha, dem entlegensten, unter den bevölkerten Flecken unseres Planeten. Der letzte (besiedelte) Winkel des britischen Königreichs liegt auf der Hauptinsel des gleichnamigen (von Tristão da Cunha entdeckten) Archipels. In den ersten Jahrzehnten nach dem II. Weltkrieg verteilen sich dreihundert Personen auf dem Kegelkopf eines submarinen Vulkans, dessen höchste Erhebungen Queen Mary's Peak und Mount Olav heißen. Der Vulkan hat auf Gough einen vierhundert Kilometer entfernt aufragenden Zwilling. Am 10. Oktober 1961 bricht er aus. Kurz vor der Eruption erinnert Heimdalls Sohn John einen magischen Kindheitsmoment. Einst beobachtete John, wie seine Mutter Dawn den Abstand zu ihrem Mann auf einem Aufmerksamkeitsstrahl überwand. Die Vorzeichnung eines Nachbildes – Dawn lehnt an einem Baum im Garten. Heimdall steht am Fenster und sieht sie an. Der väterliche Verehrungsblick geht John unter die Haut, obwohl die Anbetung ihm entgeht und ihn natürlich auch nichts angeht.

*

Heimdall verwirft sein Leben. Von jetzt auf gleich bringt er es fertig, alles für notdürftig zu halten, was Reichtum bis eben gewesen. Zu Recht hält er sich für einen gesegneten Mann. Er besitzt ein wetterfestes Haus. Eine willensstarke Frau liebt ihn. Es gibt ein gemeinsames Kind und da ist das Ansehen der Nachbarn. Doch als Sylke ihn ansieht, erscheint das alles plötzlich wertlos.

Ein Blick genügt. Sylkes Blick sprengt einen Daseinsrahmen. Da liegt die Ungeheuerlichkeit des Augenblicks.

Zuhause ist Heimdall auf dem Kegelkopf eines submarinen Vulkans, den die Insulaner The Settlement nennen. Ich rede von dem entlegensten Punkt des britischen Empire: Tristan da Cunha.

„Nachdem Sylke und ich lange genug in Cafés und auf Parkbänken gesessen hatten", erinnert sich Heimdall später, „beschloss sie, mich zu sich zu nehmen."

Ihre Wohnung ist ein Ausweis weitreichender Nachlässigkeit. Heimdall registriert Verhältnisse mit dem Charme einer Absteige. Er richtet sich in dem ramponierten Haushalt ein. Klagend vergleicht er Sylkes Privatsphäre mit der gewohnten Häuslichkeit. Während er versucht, sich in einzurichten, kommt Wehmut auf. Er denkt an die tadellose Lebensregie seiner Gattin. Vor seinem geistigen Auge schlägt Dawn Pinguineier in die Pfanne. Er sieht seinen Nachbarn und Cousin Alan, wie er sich Dawn nähert und sie die Überschreitung begrüßt. Ein heftiger Eifer- und Sehnsuchtsschub trifft Heimdall in einer tristen englischen Kleinstadt. Ich könnte sofort Richtung Kitchen Sink Realism abbiegen. Ich habe die monumentale Schmucklosigkeit einer Arbeitsiedlung um 1960 vor Augen. Die Angry Young (Wo)men Kulisse par excellence. Besungen und verflucht von Alan Silitoe bis Shelagh Delaney. Der Himmel hat die Farbe von schmutzigem Spülwasser. Das Zischen des Gasboilers, der Mief von Schimmel und Zigarettenrauch, das Gefühl von Enge und Ausweglosigkeit ... während Dawn die Pfanne von der Flamme nimmt und es genussvoll zulässt, dass Alan sich ihrem Lustzentrum widmet. Für ihn geht gerade ein adoleszenter Traum mit zwanzig Jahren Verspätung in Erfüllung.

Liebe Musenzeit, mein eskapistischer Kafka-Ansatz erlaubt mir eine Lesart, die Übertreibung zum Erkenntnisinstrument macht. Kafka ist ein Vollstrecker der väterlichen Ordnung, nicht ihr Saboteur. Die Pointe liegt in der Gleichzeitigkeit von Meisterschaft und Unterwerfung. Kafka bleibt als Künstler souverän. Jedoch befestigt das Werk dieser Souveränität just jene Ordnung, unter der das Subjekt leidet. Gleichzeitig torpediert die ästhetische Radikalisierung den patriarchalen Anspruch. Solche produktiv irrlichternden Gegensätze verbergen sich mitunter vollständig. Ihr Auswirkungen entsprechen Prozessen in transgenerationellen Weitergaben von Traumata. Der Proband kennt die Krise nicht, die ihn beraubt. Um auf die Geschichte von gestern Abend zurückzukommen. In Sylkes Küche hängt ein Gas-Geyser. Dreht man das Wasser auf, faucht eine Batterie aus Gasflammen in dem Durchlauferhitzer los. Das Herzstück in jedem englischen Arbeiterhaushalt um 1960 ist der Gaszähler. Bis zur Dezimalisierung des britischen Pfunds 1971 füttert man diese Automaten mit Vorkriegsmünzen. Man braucht stapelweise Kupfergeld, um ein Bad zu nehmen. Man steckt den Schilling in einen Schlitz an der Oberseite des Kastens. Dann dreht man einen mechanischen Knebelgriff mit Kraft einmal ganz herum – „to turn the meter". Die Münze fällt mit einem konditionierenden Geräusch in den Bauch des Zählers.

Für einen Schilling bekommen Sylke und Heimdall zehn Minuten Wärme. Auf Tristan da Cunha verfeuert Dawn Treibholz, das der Atlantik freigiebig an den Strand spült. Sie lässt ihr Kleid über die Schultern rutschen. Du erinnerst dich. Nachbar Alan ist zu Besuch. Die beiden holen etwas nach, was zwanzig Jahre zuvor knapp nicht passiert ist. Sie machen sich Luft mit ihrer Lust im Küchendunst. In der Zwischenzeit campiert Heimdall am Küchentisch von Sylkes Mutter Marion. Für Marion ist er bloß ein alter Sack und Habenichts. Um die Distanz zu überbrücken, erzählt Heimdall Geschichten aus seiner Welt. Er erzählt von dem Zirkusschiff, das einst vor Tristan da Cunha sank. Nur ein Löwe konnte sich auf die Insel retten. Wochenlang hielt er die Bewohner in Atem. Die Exotik verfängt nicht. Im Gegenlicht seiner Niederlagen beginnt er, seine Heimat zu verherrlichen. Glühend memoriert er die glücklichen Jahre als Ehemann im Inselhauptweiler Edinburgh of the Seven Seas. --- Ich wünsche dir einen schönen Abend.

Liebesexistenzialismus

Liebesexistenzialismus

Liebe M., weil du das so schön ausbreitest und in eine andere Anschaulichkeit überführst, drängt es mich, etwas dazu zu sagen, obwohl ich noch im Training bin. Duschmarken, so leicht wie DDR-Münzen, erinnere ich beim Camping und auch in Schwimmbädern – wenn auch erst jetzt, da du davon sprichst. Deine Frage lässt mich beinah aufschäumen. Kann man etwas nachholen im Spektrum von verpasster Lust und Liebe. Nach meiner Beobachtung kann man das. Das ist ein großes Erlebnis: dass die Glut nie erloschen ist. Dass etwas Wunderbares möglich bleibt in einer Spalte zwischen den Unmöglichkeitsbollwerken. Nicht gelebte Lieben, die aber trotzdem zu Schätzen werden. Dies in der Flüchtigkeit meiner Eile.

Liebe Musenzeit, deine Frage ging mir die ganze Zeit nach. Ist es nicht so, dass manchmal die unerfüllte Liebe in ihrem Eckchen unversehrt nistet, während manches Wahrgewordene nur noch als Enttäuschung sich erinnern lässt. Auf Anhieb fallen mir drei Konstellationen ein, in denen sich das Unerfüllte ein schönes Andenken bewahrt hat. Seltsamerweise brechen in der letzten Zeit immer mehr Liebeskrokusse durch die fulminante Schneedecke des existenziell und monolithisch Gewordenen. Zum Liebesexistenzialismus gehören die ausgeschlagenen, versäumten, klein gehaltenen und still auf Nebenwegen zur Erfüllung gelangten Lieben allemal. Das wird mir immer klarer. Jedes Zuneigungsangebot birgt eine Hinterlassenschaft. Ich denke gerade an D. Wir begegnen uns nur noch auf Instagram. Aber in der Aufmerksamkeit, die wir uns schenken, ist immer noch etwas von der Glut, die wir niemals haben aufflammen lassen. Jeder führt ein erfülltes Leben, aber in einem Daseinswinkel liegt das Pfand eines immateriellen Glücks.