„Die Natur ist immer wahr, immer ernst, immer streng; sie hat immer recht, und die Fehler und Irrtümer sind immer des Menschen.“ Goethe
Aus dem Unterricht
Kognition ist im Kampf zu langsam. Kommt ein Schlag mit einer Geschwindigkeit von unter 150 Millisekunden an, ist die neuronale Kaskade ‚von Reiz wahrnehmen, im Kortex analysieren, Entscheidung treffen, motorischen Befehl senden‘ vollkommen unbrauchbar. Wir unterhalten uns über subkognitive, subkortikale Steuerungsprozesse. Das Nervensystem nutzt für das Überleben zwei Routen. Die kognitive Route (über den visuellen Kortex zum Frontallappen) und das prädiktive Meistermodell: Sensorische Daten fließen in den Thalamus (die Relaisstation des Gehirns). Von dort werden sie direkt an die Amygdala und die Basalganglien (für motorische Gewohnheiten) geleitet – unter Umgehung des Bewusstseins. Das System reagiert, bevor du weißt, worauf du reagierst. Kognition ist das, was du Sekundenbruchteile nach dem Kontakt als Erklärung nachlieferst.
Affordanz statt Analyse
Eine Affordance bezeichnet eine Handlungsmöglichkeit, die sich aus der Beziehung zwischen Umwelt und handelndem Körper ergibt.
Das Nervensystem des Meisters analysiert nicht die Geometrie des Gegners, sondern es liest Affordances. Ein fortgeschrittenes Modell sieht keinen Arm, der sich in einem bestimmten Winkel bewegt (das wäre kognitiv). Es registriert eine Veränderung im Raum, die reflexartig eine strukturelle Schließung des eigenen Systems triggert. Das System rechnet nicht, es resoniert.
Propriozeptive und taktile Prädiktion
Kognition verlässt sich stark auf das visuelle System. Meisterschaft verlagert die Vorhersage auf die Propriozeption (Eigenwahrnehmung) und – im Infight – auf den taktilen Kontakt. Sobald physischer Kontakt besteht, wandert die Information mit einer Geschwindigkeit von ca. 80–120 m/s durch die myelinisierten Nervenbahnen des Rückenmarks. Die Anpassung der Struktur erfolgt über monosynaptische Reflexbögen auf Rückenmarksebene.
Contact controls everything – Im Kontakt entfällt die kognitive Verzögerung fast vollständig. Das System koppelt sich mechanisch und neurologisch direkt an den Gegner.
Bewusstsein ist Archivar, nicht Kapitän. Das System denkt nicht. Es passt sich an. Kognition sucht die Antwort. Struktur ist die Antwort.
Die Stabilität des Modells im instabilen Raum bedeutet, dass das Körpergedächtnis und die unbewusste Prädiktion so fehlerfrei laufen, dass die Kognition gar nicht erst anspringen muss, um den vermeintlichen Notfall zu verwalten.
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König Friedrich II. ließ nach seiner Thronbesteigung den Großen Stern im Berliner Tiergarten umgestalten. Der Architekt Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff platzierte dort Götterstatuen. Die Berliner tauften sie „die Puppen“. Vom damaligen Stadtzentrum aus war der Große Stern ein gutes Stück Wegs entfernt. Wer am Wochenende dorthin flanierte, unternahm einen ausgiebigen Ausflug – man spazierte eben „bis in die Puppen“
Der Weltfremde lädt die Welt ein mit einer „Konfiguration von Reinheit und Egoismus“. Adorno beschäftigt sich so mit dem fiktiven Charakter des verworfen geborenen, wegen seiner Schönheit geliebten, von Honoré de Balzac erschaffenen Lucien de Rubempré aka Lucien Chardon. Er erkennt in dem Sohn eines Mannes von geringer sozialer Statur und einer auf den Hund der Bürgerlichkeit gekommenen Aristokratin die Verkörperung eines abgestürzten Angelus Novus ... eines ausschwärmenden Schwadroneurs, dessen angenehmes Wesen ihm die Chancen förmlich anreicht. In Lucien bildet sich ein neuer Typus heraus: der prekär lebende, elegant schreibende Flaneur-Feuilletonist. Journalistische Schaumschlägerei koinzidiert mit einem Mangel an bürgerlicher Gravitation. Lucien verschwendet sich als Gigolo und Komplize von Meistern der Machenschaften.
Lucien erscheint der Welt zunächst ebenso geistreich wie feinsinnig. Er ist der Bettelkönig eines idiosynkratischen Regimes. Er verweigert „den bürgerlichen Eid“. Deshalb stößt ihn die Welt unter das Bürgerliche. Sie pflügt ihn unter und „degradiert ihn zum Lumpen“. Das dünne Eis des Idealismus bricht, und Lucien fällt durch bis in Knechtschaft und Parasitentum. Er reüssiert endlich in der Rolle des „Abscheulichen“.
Adorno sieht in Lucien nur eine „fungible Figur“, wegen der nichts geschieht, was der Akteur persönlich nehmen sollte; während er doch alles auf sich münzt. Ich will nicht sagen, dass Adorno hier bei einem Rivalen auf akademischen und amourösen Gebieten Maß nahm. Sollte er aber doch Walter Benjamin im Sinn gehabt haben, als er die Verweigerung „der Dschungelpfade bürgerlicher Äquivalenz“ durchnahm, dann wisst ihr es nicht von mir. Ich halte mich da raus.
Adorno spricht vom „symphonischen Atem“ des Balzac’schen Œuvres. Interessant finde ich, dass Adorno Balzacs Erzählerschwung mit einem „wirtschaftlichen Aufschwung“ verkoppelt.
Adorno formuliert die Moralmär moränig: Wer sich von Arbeit den mores (Originalschreibweise) der Welt nicht lehren lässt, geht im Stil der Opiumesser:innen zugrunde.
„Lucien verweigert sich der Trennung von Glück und Arbeit.“
„Wer es zu etwas bringen will“, so Adorno, muss mit dem „paktieren“, womit sich Lucien nicht „besudeln“ will.
„Sehr präzis wählt der Markt aus zwischen dem, was ihm als geistige Selbstbefriedigung des Intellektuellen anrüchig ist, und dem … gesellschaftlich Nützlichen, das den Geist von Herzen anwidert, der es leistet; belohnt wird sein Opfer im Tausch.“
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Sex im Fadenkreuz von Wäscheleinen. In der Nachbarschaft bricht die Nachmittagshölle los. Die Leute wissen einfach nicht mehr weiter. Deshalb machen sie sich Szenen. Dann kreuzt wieder die Polizei auf und die letzten nicht völlig abgesunkenen Heuler ziehen fremde und eigene Kinder aus dem lebensgefährlichen Verkehr in unaufgeräumte Korridore.
Irgendwo sagt Balzac, Harmonie sei die Poesie der Ordnung. Die Leute haben keine Aussicht auf Harmonie.
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Ich hatte wohl alles richtig gemacht, jedenfalls erklärte sich Margarete nach einer Runde Yoga (als Randgeschehen einer Party) bereit, mich heimzufahren. Sie verfügte frei über das Auto ihrer schottischen Mutter, die als Kind auf einem Atoll in der Südsee gelebt hatte. Margaretes schottische Großeltern waren ein Hochglanzpaar, aktiv auf beiden Seiten des Geschehens. Sie waren Stars, die Stars fotografierten. Sie segelten und tauchten sehr dekorativ. Stets fotografierten sie sich, wie sie segelten, tauchten, filmten und fotografierten. Der Glamour reichte für die Versprengten in der hessischen Provinz. Alles war in dieser Familie überdimensioniert. Vor meiner Haustür wurde Margarete zärtlich, obwohl sie mit Ben zusammen war und es zwischen Ben und mir starke Spannungen gab. Es fühlte sich nicht richtig an. Trotzdem machte ich weiter.
Margarete hatte noch nicht genug von mir. Es war noch nicht Mitternacht an einem Wochentag im Mai, als wir in meinem Bett landeten. Als ich sie fragte, was es für sie bedeuten würde, entgegnete Margarete: „Leben.“
Jahre später traf ich Margarete auf einem Hochschulfest. Sie lebte nicht mehr in Kassel und trug so dick auf wie manch andere auch, die gerade dabei war, sich in einer anderen Stadt zu verlieren. Heute erinnert man sich nur noch an die Siegerinnen. Tatsächlich sind ganz schön viele auf der Strecke geblieben.
Margarete sah aus wie Gudrun Landgrebe in der Flambierten. Sie war aufgekratzt und ein bisschen zu lustig für Kassel. Da waren doch nur wir.
Es gab ein Programm mit dem Herkules im Morgengrauen.
Margarete sagte: „Ich hätte dich damals nicht einfach gehen lassen dürften. Wir waren noch nicht fertig miteinander.“
Ich verstand Margarete so, dass sie ein Naturerlebnis wollte, ohne dass großartig etwas aufgefahren werden musste. Ich war schon daran gewöhnt, dass solche Nachträge zwar einer mir unverständlichen Logik folgten, jedoch stets reibungslos über die Bühne gingen. Sie kamen oft genug vor, um eine eigene Routine zu haben. All das vollzog sich federleicht und auch insofern ganz anders als die Liebesgeschichten zu Schulzeiten.
Es gab die Variante, dass man nach zwanzig Jahren Gleichgültigkeit zu der Überzeugung fand, jeder weitere Aufschub sei sträflich; es müsse sofort passieren.
Ich war in Kassel geblieben. Das machte mich zum Eingeborenen.
Meine Existenz bot sich ethnologischen Spekulationen an. Sie provozierte eine elegisch vorgetragene Standardverlogenheit:
„Manchmal frage ich mich, wie es mir ginge, wenn ich auch in Kassel geblieben wäre.“
Ich bin sicher, dass Margarete sich das nie fragte, so wie sie nie daran zweifelte, mir mit ihrem ganzen Auswärts haushoch überlegen zu sein.
Wir fuhren in die Kohlenstraße, wo ich mit Katrin eine Wohnung teilte. Ich stellte mir vor, dass man über mich in einer bestimmten Weise redete, und ich wollte niemanden enttäuschen.
Margarete erschien wie eine Hindugottheit in der Küche. Sie präsentierte sich Katrin. Meine Mitbewohnerin kam aus Paderborn und verstärkte das Kontingent der angehenden Sozialarbeiterinnen.
Sozialarbeiter war fast ein Schimpfwort, die sinnlosesten Typen trieben sich in der Sozialarbeit herum. Sozialarbeit war das Hartz IV. unter den Studienfächern. Katrin passte dazu wie der Schwamm ins Bad. Sie war mausgrau, hatte einen beachtlichen Bierbauch und einen leichten Tremor. Wir verstanden uns gut.