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2026-10-25 10:02:03, Jamal

Aus dem Unterricht

Ich habe lange die Beugereflexe verteufelt. Was wollte ich mit einer Reaktion anfangen, die schneller ist als jede bewusste Einsicht darüber, dass gar kein Schutz notwendig ist?

Aus einer bestimmten Perspektive erscheint die Beugung als Problem: Der Körper reagiert mit Schutzspannung, obwohl die Situation objektiv ungefährlich ist.

Rolle ich auf dem Boden, erlebe ich dieselbe Organisation nicht mehr als Störung. Beugung, Rotation, Segmentierung und Gewichtsverlagerung sind Aspekte funktionaler Bewegung. Der Körper muss nicht permanent gegen die Schwerkraft aufgerichtet werden.

Wir versuchen, archaische Programme abzuschalten, weil wir sie mit einer bestimmten Funktion identifizieren. Dabei funktionieren sie viel allgemeiner. Das Nervensystem verfügt nicht über ein einzelnes Programm für Stress oder ein einzelnes Programm für Bewegung. Es organisiert Verhalten kontextabhängig aus verschiedenen Ebenen, Rückmeldungen und verfügbaren Mustern.

Der Kernel ist nicht veraltet. Er ist kontextsensitiv.

Sobald wir Evolution als Effizienzmaschine verstehen, geraten wir sofort in Schwierigkeiten. Nehmen wir den Pfau. Sein bramarbasierendes Federspiel entstand nicht, weil es die mechanisch sparsamste Lösung für Fortbewegung wäre. Im Kontext sexueller Selektion können auffällige Merkmale einen anderen Wert bekommen. Eine Eigenschaft kann Kosten verursachen und gerade wegen ihrer Signalwirkung selektiv relevant werden.

Waste can be useful because it signals that you have more than enough. The very cost of producing the signal is what makes it credible.

This phenomenon is best explained by Amotz Zahavi’s “Handicap Principle”. The core idea is that extravagant, costly traits act as honest evolutionary signals. Because these features—like the peacock's heavy, bright tail—are energetically expensive to grow and dangerous to carry, only the healthiest and strongest organisms can afford them. Therefore, a high-cost trait serves as a reliable guarantee of genetic quality to potential mates, as weaker individuals simply could not survive with such a handicap.

Damit verschiebt sich die Rechnung. Die Federn werden nicht nur unter dem Gesichtspunkt betrachtet: Wie viel kosten sie den Körper? Sondern: Was ermöglicht sie innerhalb des sozialen und reproduktiven Systems? Ein System kann Ressourcen in ein Teil investieren, das isoliert betrachtet teuer erscheint, wenn auf einer anderen Ebene ein größerer funktionaler Wert entsteht.

Kosten werden gegen Funktionen verrechnet – und diese Funktionen können auf sehr unterschiedlichen Ebenen liegen.

Der Gaszähler als Herzstück der Armut

Inzwischen ist S. so erschöpft, dass sie ihren Namen unter ein ungelesenes Dokument setzen würde. In ihrer Küche hängt ein Gas-Geyser. Dreht man das Wasser auf, faucht eine Batterie aus Gasflammen in dem Durchlauferhitzer los. Das Herzstück in jedem englischen Arbeiterhaushalt um 1960 ist der Gaszähler. Bis zur Dezimalisierung des britischen Pfunds 1971 füttert man diese Automaten mit Vorkriegsmünzen. Man braucht stapelweise Kupfergeld, um ein Bad zu nehmen. Man steckt den Schilling in einen Schlitz an der Oberseite des Kastens. Dann dreht man einen mechanischen Knebelgriff mit Kraft einmal ganz herum – “to turn the meter“. Die Münze fällt mit einem konditionierenden Geräusch in den Bauch des Zählers.

Liebe Musenzeit, weil du das so schön ausbreitest und das Versenken von Blechmünzen in verbeulten Blechkästen in eine andere Anschaulichkeit überführst, drängt es mich, etwas dazu zu sagen, obwohl ich in Eile bin. Duschmarken, so leicht wie DDR-Münzen, erinnere ich beim Camping und auch in Schwimmbädern – wenn auch erst jetzt, da du davon sprichst. Deine Frage lässt mich beinah aufschäumen. Kann man etwas nachholen im Spektrum von verpasster Lust und Liebe. Nach meiner Beobachtung kann man es. Die nie erloschene Glut ist vor allem eine soziale Erfahrung. Dass etwas Wunderbares möglich bleibt in einer Spalte zwischen den Unmöglichkeitsbollwerken. Nicht gelebte Lieben, die aber trotzdem zu Schätzen werden. Dies in der Flüchtigkeit meiner Eile.

…

Ist es nicht so, dass manchmal die unerfüllte Liebe in ihrem Eckchen unversehrt nistet, während manches Wahrgewordene nur noch als Enttäuschung sich erinnern lässt. Auf Anhieb fallen mir drei Konstellationen ein, in denen sich das Unerfüllte ein schönes Andenken bewahrt hat. Seltsamerweise brechen in der letzten Zeit immer mehr Liebeskrokusse durch die fulminante Schneedecke des existenziell und monolithisch Gewordenen. Zum Liebesexistenzialismus gehören die ausgeschlagenen, versäumten, klein gehaltenen und still auf Nebenwegen zur Erfüllung gelangten Lieben allemal. Das wird mir immer klarer. Jedes Zuneigungsangebot birgt eine Hinterlassenschaft. Ich denke gerade an D. Wir begegnen uns nur noch auf Instagram. Aber in der Aufmerksamkeit, die wir uns schenken, ist immer noch etwas von der Glut, die wir niemals haben aufflammen lassen. Jeder führt ein erfülltes Leben, aber in einem Daseinswinkel liegt das Pfand eines immateriellen Glücks.    

Monumentale Unbefangenheit

Liebe Musenzeit, meine Sublimationen drehen sich zurzeit gänzlich um die lange vergessenen, von Mara-Erlebnissen überlagerten Baggerlochszenen in der Prärie meiner Kindheit und frühen Jugend. Annabelles monumentale Unbefangenheit, die Selbstverständlichkeit, mit der das Glück mich einlud, als wäre ich ein Prinz mit schicksalhaften Vorzügen, während ich doch von Unsicherheit und Selbstzweifeln geschüttelt wurde und von einem sehr beschränkten Horizont ausging, und kaum in der Lage war zu erkennen, was sich mir da bot. Ich mache ständig neue Erzählanläufe, dieses Geschehen so aufzufassen, als sei ich vollkommen entspannt gewesen und hätte das alles einfach nur genießen können.

Wieder verwandeln wir eine Besprechung in erzählende Prosa

Liebe Musenzeit, in ihrem Romandebüt erzählt Alisa Vogelsang vom hauptstädtischen Haifischbecken im zweiten Jahr der Pandemie. Ein Jahr zuvor war das Corona-Risiko vom Leiter des Robert Koch Instituts noch als „mäßig“ eingestuft worden. Auch der Chef-Virologe der Charité wähnte Deutschland auf der sicheren Seite. Man war sich einig. Gemeinsam mit dem Rest der Republik kritisierten Experten die chinesische Führung, die uns Bilder gespenstisch leerer Straßen offerierte. Wir wussten, das war alles gefiltert und von der Partei geklärt, vor allem jedoch auf Asien beschränkt; während die ersten Freibeuter in deutschen Krankenhäusern Masken und Desinfektionsmittel einsackten. Ein Jahr später konstatierten wir einen Digitalisierungsschub in der Konsequenz von Corona. Die Zahl jener, die im Pyjama am Rechner der sozialen Kontrolle entgingen, stieg.  

Heimarbeit ist ein alter Hut. Von jeher entlastet sie die Umwelt. Vogelsangs Heldin, die kratzbürstige Marion Schleswig, schiebt nach wie vor Frühschichten in der Öffentlichkeit einer Rundfunkanstalt. Ihre Stimme hören Millionen, während sie sich für den Tag rüsten. Zitate aus der Pandemie-Keimzeit: „Corona ist wie Masern auf Steroiden.“ Doktor Itai Pessach in einem FAZ-Interview

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„Die körpereigenen Abwehrsysteme sind biologische Wunder, doch … Keime und Viren (bleiben) unschlagbare Angreifer.“ Ina Knobloch 

Unter den Radiomoderatorin mit bundesweiter Ausstrahlung erscheint Marion als vorzeitliches Urgestein, wenn auch inzwischen – zu Beginn des zweiten Pandemiejahrs – Joe Biden ist bereits Präsident, der „Psychopath“ Trump klebt aber noch am Thron – wie auf Bewährung. Ihr Markenzeichen, eine überparteiliche, niemanden verschonende Unverfrorenheit, kollidiert mit den Kodes der Dreißigjährigen. Die halbgreise Babyboomerin fürchtet den Shitstorm zum Karriereaus infolge einer Bemerkung, die gestern noch keine funkaffine Zeitgenossin gejuckt hätte; die auch auf der anderen Seite einfach so durchgewunken worden wäre, von Entscheidern, die nun selbst aufs Messers Schneide jonglieren. Die Führungskräfte wirken wie verängstigte Dinosaurier. Mit vorauseilendem Gehorsam versuchen die lebenden Fossilien ihren Hals aus den Schlingen einer neuen Zeit zu ziehen.

Ich treibe eine Fiktion auf dem Sockel einer Fiktion voran. Alisa Vogelsang debütiert mit einem Hauptstadtroman, deren Heldin ihre Großmutter sein könnte. In einem Interview mit der „Texas Sport Gazette“ erklärte sie, es fiele ihr schwer, sich mit den Leuten ihrer Generation zu identifizieren. Sie sei „eine alte Seele“ und ihre bald 60jährige Marion Schleswig ein „junger Hüpfer“ im Vergleich mit dem gefühlten Alter ihrer Schöpferin. Ich habe mir daraufhin ein Foto von Vogelsang angesehen und gewann dabei den Eindruck, sie habe dem Journalisten einen Bären aufgebunden. Ich will dir aber auch nicht verhehlen, was ich für möglich halte. Vielleicht liefert Alisa Vogelsang nur eine passende Person zum Roman, der in Wahrheit von einem Autor stammen könnte, der noch älter ist als Marion Schleswig. Die Vogelsang zwitschert so ungeniert belustigt. Sollte sie sich mit fremden Federn schmücken, wäre das aber auch nicht schlimm. Immerhin ließe sie dann einen alten Autor narrativ durch- und aufatmen. In wessen Namen auch immer, im Zweifelsfall sogar in ihrem eigenen, meldet Alisa V. Ansehens- und vor allem Gewissheitsverluste der herrschenden Klasse, zu der Schleswig allenfalls am Rand gehört. Für das Publikum mag sie, ob ihrer unverwechselbaren Stimme und dem scharfen Ton, ein Star sein, die Regisseurin des Demokratietheaters setzen Schleswig lediglich als Hofnärrin ein. Schleswig ist unglücklich verheiratet und Tochter einer im Handlungsjetzt fünfzehnjährigen Tochter, die in einem Pankower Eigenheim pubertiert. Familiäre Angelegenheiten sind für Schleswig Reizpunkte. Sie führt das falsche Leben, auch als Troll der gut gekleideten Bürgerlichkeit in den öffentlichen Verkehrsmitteln von Berlin. Die Pandemie stört den allgemeinen Rummel. Schleswig tendiert in Richtung Impfskepsis. Ich schiebe an dieser Stelle etwas dazwischen: Viraler Ausnahmezustand – Giorgio Agamben veröffentlichte am 26. Februar 2020 einen Artikel mit dem Titel „L’invenzione di un’epidemia“ (Die Erfindung einer Epidemie) in der italienischen Tageszeitung „Il manifesto“. Er spricht darin von „hektischen, irrationalen und völlig grundlosen Notfallmaßnahmen“ und einer bloß „vermuteten Epidemie“. 

Jean-Luc Nancy reagierte am Tag darauf mit seinem Text „Eccezione virale“ (Viraler Ausnahmezustand) und kritisierte Agambens Position stark. Sein alter Freund merke nicht, dass in einer vernetzten Welt die Ausnahme zur Regel würde und dass die Regierungen Getriebene dieses normal gewordenen Notstands seien. Dies anzuklagen, ginge am Kern des Problems vorbei. 

Agamben, so erklärt es Nancy, den Theoretiker des Ausnahmezustands in Schutz nehmend, glaube, „das Coronavirus unterscheide sich kaum von einer normalen Grippe. Er übersieht die Tatsache, dass es für die normale Grippe einen Impfstoff gibt, der sich als wirksam erwiesen hat. Dennoch muss dieser jedes Jahr erneut an virale Mutationen angepasst werden. Die normale Grippe tötet so immer noch einige Menschen, und das Coronavirus, gegen das es bisher keinen einzigen Impfstoff gibt, ist offensichtlich zu einer viel höheren tödlichen Leistung fähig.“ 

Zitiert nach Jean-Luc Nancy/Volksbühne/Deutsche Fassung: Passagen Verlag 2020/Übersetzung: Hannah Schünemann