Turning Danger into Performance - Die Moral der Systemadministratoren
Die Droge der Relevanz
Das ist die Tragik, die Vogelsang perfekt seziert: Die Droge ist die Relevanz. Menschen wie Schleswig und Axel Seiler sind süchtig nach dem Gefühl, am Drücker zu sitzen. Sie wollen auf den Allgemeinplätzen der Macht mit Rang und Namen stattfinden. Das Exil in Ahrenshoop – so idyllisch es klingt – schmeckt für sie nach endgültiger Bedeutungslosigkeit. Lieber lassen sie sich im Scheinwerferlicht hinrichten und verkaufen ihre Seele an die Gegenseite, als im reetgedeckten (die Einheimischen sagen Rohr) Eigenheim vergessen zu werden. Eigenheim kriegt hier eine Bedeutung, die an die ursprünglichste heranrückt. Ich wollte erst ‚Kleinod mit Rohrdach‘ schreiben. Aber Eigenheim trifft es besser. Doch, man entkommt dem Schlund der Gemeinheit, indem man die Postleitzahl ändert. Mir ist das zuletzt im Engadin deutlich geworden. Da ist die Gegend zu teuer für Aktivismus.
Schleswig will weiter im Actionmodus vor sich hin laborieren. Kann man nur noch zwischen der Vernichtung links und der Vereinnahmung rechts wählen, entscheidet sich der politische Überlebensinstinkt fast immer für das Weitermachen, egal um welchen Preis. Rückzug wäre das Eingeständnis einer Niederlage. (So fühlt sich das am Anfang an. Später ist man bloß noch heilfroh und bedauert die im Nieselregen der Zumutungen Zurückgebliebenen.) Im Berliner Betrieb gilt ohnedies, lieber ein geächteter Akteur auf dem Spielfeld als ein pazifizierter Zuschauer auf der Tribüne. Schleswig weiß, dass der Zirkus – ob links oder rechts – nur noch aus Phrasen, inszenierter Empörung und algorithmischer Währung besteht. Sie selbst ist eine Duracell-Häsin. Jedwede Sinnhaftigkeit ist weg, übrig bleibt das weiße Rauschen.
Was Schleswig noch nicht begriffen hat: Der Abgrund ist kein Ort, an dem man landet. Er ist ein Ort, an dem (auf)gefunden/aufgelesen wird. Die ersten Anrufe kommen noch aus dem vertrauten Milieu, allerdings nicht von denen, die sie bis eben in den Restaurants der Hauptstadt an ihre Tische gezogen haben. Es sind die Referenten, die Leute mit den richtigen Kontakten zu den Leuten mit den richtigen Kontakten. Sie wollen wissen, wie es Schleswig geht. Sie wollen vor allem wissen, ob die Delinquentin weiß, was sie falsch gemacht hat. Wobei inzwischen schon völlig egal ist, was das war. Die Anteilnahme hat den Tonfall einer Anhörung.
Im ersten Durchgang ignoriert Schleswig die Kontrollabfragen. Sie sitzt auf ihrer Couch von B&B Italia, das Telefon mit dem Display nach unten auf der Glasplatte, und betrachtet die Bücherwand, die ihr als Beweis dafür dient, dass sie mehr ist als eine gut vernetzte Frau mit einem ausgeprägten Gespür für den nächsten Hype. Sie hat seit zehn Jahren kein Buch mehr zu Ende gelesen. Am Nachmittag schreibt ihr eine Journalistin, mit der sie vor wenigen Monaten noch kollaborierend über die Verrohung des öffentlichen Diskurses gesprochen hatte. Ob Schleswig inzwischen einsehe, dass ihr Verhalten nicht nur persönlich problematisch gewesen sei. Die Angegriffene liest den Satz dreimal. Beim dritten Mal fällt ihr auf, dass sie selbst ihn vor nicht allzu langer Zeit hätte schreiben können. Sie beherrscht die Sprache ihrer Anklägerinnen. Sie kennt die Wendungen, die man benutzt, wenn man jemanden nicht mehr widerlegen, sondern aus dem Kreis der relevanten Spieler entfernen möchte. Sie weiß, wie man einen Einzelfall in ein Symptom verwandelt, wie man aus einer ungeschickten Bemerkung eine Haltung und aus einer Haltung eine Gefahr macht. Sie hat solche Texte gelobt, geteilt und oft genug selbst verfasst. Damals war ihr die Mechanik nicht aufgefallen.
Aus dem Unterricht
Betrachten wir die Evolution (und das Nervensystem) nur durch die Brille der Sparsamkeit, übersehen wir einiges.
In der Vertikalen wirkt der Beugereflex wie ein Fehler – eine störende Schutzspannung, die uns demobilisiert und den Flow blockiert. Der kortikale Impuls ist: Das Programm ist veraltet, das müssen wir abschalten. Sobald wir den Kontext in die Horizontale verlagern, demaskiert sich das vermeintliche „Schutzprogramm“. Plötzlich ist die Beugung keine Stressreaktion mehr, sondern die notwendige Bedingung für Rotation, Segmentierung und Gewichtsverlagerung. Das Nervensystem hat keine getrennten Schubladen für Angst und Bewegung. Der Kernel stellt basale Muster (wie die Flexion) zur Verfügung. Die Bedeutung des Musters entsteht im Kontext. Auf dem Boden wird aus der hemmenden Schutzspannung dreidimensionale Mobilität.
Das Handicap-Prinzip – Warum Verschwendung funktionell ist
Der Gedanke, das Handicap-Prinzip von Amotz Zahavi auf die interne Regulation des Körpers zu übertragen, ist theoretisch faszinierend und besitzt eine starke, innere Logik. Er verbindet Evolutionstheorie mit moderner Biomechanik und Neurobiologie auf eine Weise, die das Phänomen von Vigor (Lebenskraft) und myofaszialer Dynamik elegant erklärt.
Das Konzept des „Ehrlichen Signals“ nach innen
Zahavis Prinzip besagt, dass ein Signal nur dann verlässlich (ehrlich) ist, wenn es für den Signalgeber so kostspielig ist, dass ein schwächerer Organismus es sich nicht leisten könnte. Ein hoher hydrostatischer Druck im Gewebe (Turgor), eine perfekt austarierte Tensegrität und die Fähigkeit zur elastischen Resonanz erfordern ein hochgradig koordiniertes, gesundes Nervensystem und einen funktionierenden Zellstoffwechsel (ATP-Produktion). Wenn der Körper diese „Vorspannung“ aufrechterhält, meldet das afferente Nervensystem (über Interozeption) dem Gehirn permanent: Wir haben genug Energie, um Ressourcen zu verschwenden. Das ist das neurobiologische Äquivalent von Sicherheit.