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2026-11-04 21:03:05, Jamal

Turning Danger into Performance – Identitätsfolklore

Adorno in einem Brief an Thomas Mann: „Im Sommer 1921 bin ich einmal, in Kampen, unbemerkt einen langen Spaziergang hinter Ihnen hergegangen und habe mir ausgedacht, wie es wäre, wenn Sie mit mir sprächen.“

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„In Kampen lag sie gern nackt in den Dünen.“ Siegfried Müller über Valeska Gert

Simone lebt da, wo andere Urlaub machen. Sie ist ein Kind der Lieblingsinsel aller Sechziger- und Siebzigerjahre-Deutschen, diesen keimzeitlichen Bundesrepublikaner im Spätlese-Rausch des Wirtschaftswunders. Ganz am Anfang, noch bevor es richtig los geht, sehen wir sie mit Farrah-Fawcett-Frisur die Folgen eines nächtlichen Filmrisses begrübeln. Gerade geht es Simone nicht besonders nach einer tagelangen Schickeria-Sex-Sause im reetgedeckten Haus des steinreichen Bauunternehmers Michael L. Michaels Anwesen fügt sich am Rand von Kampen wunderbar in die Dünenlandschaft. Auf der Nordsee-Finca herrscht der Komment eines verschworenen Entre nous. Unter Seinesgleichen geht man aus sich heraus, tritt über seine Ufer und besteigt Gipfel der Unverbindlichkeit. Nachbilder der Swinging Sixties entstehen hier in den 1980er Jahren. Es ist, als hätten sich die Götter der Griechen nach dem Verlust ihrer Unsterblichkeit in Kampen zur letzten Großorgie versammelt.

Michael schwebt eine Ehe mit Simone vor. Er unterstellt ihr ein brauchbares Laissez-faire, das in Wahrheit, aber das weiß noch keiner, schieres Phlegma ist. Simone stört sich nicht an dem, was alle Welt bloß Eskapaden nennt, und gewiss anders deklarieren würde, wäre Michael kein Mogul. Na und, wenn er es denn so nötig braucht und ihm so viel daran liegt, soll er doch mit Krethi und Plethi in den Dünen Sandflöhe fangen. Simones Gleichgültigkeit ist nicht normal, dafür aber echt. Die einheimische Schönheit verspricht sich Unabhängigkeit von ihren Eltern, die den Lebenswandel der Tochter missbilligen. Während die hanseatische High Society dem Vergnügen den Anstrich einer Daseinsform gibt, ohne indes je das Geschäft aus den Augen zu verlieren, schwebt Simone schwerelos über den Dingen. Sie schwebt, weil jede Regung, die tiefer gehen könnte als das Prickeln des Champagnernachgeschmacks auf ihrer Zunge, zu viel Kraft kosten würde.

Michael sieht in ihr eine Inseltrophäe. Schon vor der Eheschließung leben die beiden wie ein altes Ehepaar zusammen. Die Arrangements sind schneller da als die einschlägigen Erfahrungen. Michael wähnt sich im Paradies, Simone auch. Es ist das Schlaraffenland für beide. Schließlich verheiratet befindet Simone den Unterschied zwischen einem treuen Ehemann und einem betrunkenen Bauunternehmer schlicht nicht für den Aufwand eines Gefühlausbruchs wert. Sie leidet unter einer Taubheit, die man auf den Partys für eine elegante Form von Gelassenheit hält. Kommt sie vormittags nicht aus den Federn, liegt das in den Augen der anderen an einer wundervoll wilden Nacht. Starrt sie stundenlang regungslos aufs Meer, entdeckt Michael in ihrer Erstarrung eine melancholische Schönheit. Ihre innere Verwahrlosung wird vom Luxus permanent abgefangen und in Stil umgemünzt. Die Farrah-Fawcett-Frisur sitzt, weil Michael den Coiffeur ins Haus bestellt. Die Maschinerie des Reichtums erledigt alles für sie. Sie funktioniert wie eine Marionette, deren Fäden aus Gold sind.

Michael liebt die Hülle. Sie liefert ihm die maximale visuelle Rendite bei minimalen emotionalen Betriebskosten. Eine bürgerliche Frau würde Szenen machen, wenn er mit Sekretärinnen und ohne Simone auf seiner Yacht in See sticht. Eine Frau aus der Hamburger Gesellschaft würde mit Scheidungsanwälten drohen und ihn im Segelclub anschwärzen.

Simone schweigt an der Seite eines Mannes, der die halbe schleswig-holsteinische Küste mit Beton unterkellert hat. Sie stellt keine Fragen, wenn er morgens um vier derangiert ins Schlafzimmer wankt. Sie verlangt keine Erklärungen für die Bargeldbündel in den Nachttischschubladen.

Es ist die perfekte Symbiose zweier Schmarotzer des Scheins. Michael brüstet sich damit, wie „wahnsinnig unkompliziert“ seine Simone sei. Dass hinter diesem vermeintlichen Freiraum in Wahrheit die eisige Gleichgültigkeit eines Menschen waltet, der innerlich bereits das Tischtuch zwischen sich und der Welt zerschnitten hat, entgeht ihm völlig.

Und dann geschieht das Einzige, womit Simone nicht gerechnet hat: Sie verliebt sich. Es geschieht ohne Vorwarnung.

Das sind keine jungen Menschen mehr, die der Teufel der Liebe reitet.

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Die Geschichte der expatriierten Amrumer – Die Friesen vor Rostock: das ist doch ein Ostseeinselwitz. Bei den Ricklefs hat seit hundert Jahren keiner mehr einen nassen Beruf. Diese Leute betreiben Identitätsfolklore im Trockendock. Sie sind im Tourismusbusiness, verwalten Ferienhäuser und -wohnungen, sitzen im Gemeinderat und verkaufen Bernstein-Schnickschnack. Aber das Öömrang (Amrumer Friesisch) und der alte Stammbaum sind ihnen heilig.

Nichts Friesisches ist seit den Lebzeiten von Hark Ricklef, seines Zeichens Harpunier auf namhaften Walfängern im 18. Jahrhundert, dem Klan hinzugefügt worden, bis Jochen ausgerechnet auf Sylt Simone kennenlernt und die beiden das Friesische aus Versehen auffrischen. Die beinah 50jährige Sylterin wird gegen alle Wahrscheinlichkeit Knall auf Fall und wie durch ein Wunder zum ersten Mal schwanger und eben nicht von dem Lebemann, mit dem sie verheiratet ist, sondern von unserem Jochen. In Simones Sylter Existenzialismus ist das einundzwanzigste Jahrhundert das Zeitalter der finalen Sedierung; man verwaltet den Bestand und findet sich okay. Das Dasein ist eine perfekt temperierte Totenkammer, bis …  

Die unverschämte und absolut ungeplante Schwangerschaft der waschechten Friesin Simone schlägt am Saaler Boddensaum ein wie eine Granate. Ein veritabler Halbfriese kündigt sich an.  

Plötzlich weiß Simone, was ihr die ganze Zeit gefehlt hat. Hille ist auch nicht ohne. Für ihren Führungsoffizier zieht sie die FDJ-Kluft an. Das zünftige Zeug ist Reizwäsche für den Ex-HVA-Hauptmann Gerd „Geronimo“ Mansfeld, der im konspirativen Unruhestand des Jahres 2010 perverse Nostalgien pflegte. Keine zwei Jahrzehnte nach dem Untergang der Republik steht Hille vor ihm immer noch stramm. In animierenden Posen singt sie den Pioniermarsch: „Wir tragen die blaue Fahne, es ruft uns der Trommel Klang…“ Absurdes Theater im Trockendock. „Seid bereit! – Immer bereit!“ Es ist ein erotischer Totentanz in Blusenblau.

Aus dem Unterricht – Funktionelle Regression

Unter Druck entwickelt ein System unterschiedliche Dynamiken. Entweder geht es in einen höher geordneten Zustand über, in dem seine Komponenten effizienter miteinander gekoppelt und koordiniert werden, oder es wechselt in eine stärker defensive Dynamik, in der Freiheitsgrade reduziert und Bewegungen im Freeze stabilisiert werden. Welche Richtung sich entwickelt, hängt wesentlich von der Qualität der sensorischen Integration ab – also davon, wie gut das Nervensystem Reize verarbeiten kann, ohne in einen Alarmzustand zu geraten.

In dynamisch-instabilen Situationen nimmt der Anteil bewusster Kontrolle ab, während präbewusste, sensomotorisch gekoppelte Systeme dominant werden. Diese reduzieren die Anzahl unabhängig kontrollierbarer Freiheitsgrade und erhöhen die Bewegungskohärenz. Instabilität erzwingt schnelle Selbstorganisation.

Funktionelle Regression – Wird eine Situation zu komplex für die kortikale Kontrolle, emanzipiert sich das System von der bewussten Regulation. Es regressiert in archaische Schichten und greift auf robuste Synergien zurück, die nur wenige Freiheitsgrade benötigen und sich schnell stabilisieren.

Unter Druck reduziert das System die unabhängige Kontrolle über seine Freiheitsgrade.

Anstatt Bewegungen zu stören, kann die erhöhte Muskelspannung eine stabilisierende Wirkung entfalten. Sie stellt Grundspannung bereit und ermöglicht koordinierte Kopplung. Die Verbesserung entsteht, indem das System autonomer wird. Es wartet nicht mehr auf die langsame Rückmeldung des Bewusstseins, sondern schaltet auf die subkortikalen Turbomuster um. In dieser Logik ist eine effiziente Regression das Premium-Merkmal. Das archaische Muster übernimmt, während der Wille lediglich die Richtung vorgibt.