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2022-08-28 08:35:03, Jamal

Im Dschungel der Städte hat Karate seine große Zeit noch vor sich.   

Sehen Sie auch hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier.

Um 1990 in der Scheidswaldstraße © Jamal Tuschick

Vertrauen ist „ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität“. Niklas Luhmann

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“Connect to your opponent even before you touch.” Nima King

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“I try to avoid using my frontal deltoid muscle as well as any other part of my front. Instead I use my back!” Keith Kernspecht

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„Hat man diese Varianten einigermaßen ‚einstudiert’, dann geht es darum, sie flüssiger auszuführen, achtsam auf das innere Spiel der Kraft ‚hinzuhören’ und zu entdecken, in welchem So-Sein sich die Kraftschlüssigkeit ‚gerne’ einstellen möchte und welcher Sinn und Zweck der Bewegung sich dabei von innen her wie von selbst aufdrängt.“ Horst Tiwald 

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„Nur aus unserem Leib wissen wir, was wirkende und ertragende Kraft ist. Und dies wissen wir nur aus unserer inneren Empirie.“ Salomon Stricker

Die Vortäuschung schöner Augen

Karatepädagogik

Hirams Eltern heben vor Kameko den familiären Vorhang und erlauben dem zwar wohlhabenden, gesellschaftlich jedoch unbedeutenden Irrtum ihres Sohnes einen Blick auf die Verhältnisse wahrhaft Nobilitierter. Die Inhaber kuratierter Biografien geben sich leutselig. Meghan Markle, Duchess of Sussex, setzt gerade neue Maßstäbe. Hirams jüngste Schwester Caitlin-Fairchild brüskiert die Verlobte ihres Bruders so distinguiert, dass sich der Absolventin des 100-Woman-Kumite (Hyakunin Kumite) kurz der Magen umdreht. Klassengegensätze lassen den Moment/Magen vibrieren. Kameko kommt eine Bemerkung von Giacomo Joyce in den Sinn: “Cobweb handwriting, traced long and fine with quiet disdain and resignation: a young person of quality.”

Übrigens charakterisiert Joyce so die Tochter von Italo Svevo.

No-Mercy Beat

Kameko ist eine von uns. Als Tochter von Sakura Taifun-Eisenstein zählt sie von Geburt an zum Orden der Ritterlichen Schwestern zu Kassel. Kameko wurde im Geist der Kasseler Karate-Granden Maeve von Pechstein erzogen. Kein Wunder, dass sie sich dem No-Mercy Beat der Londoner City gewachsen zeigt. Sie brilliert im kapitalistischen Kerngeschäft: der Finanzindustrie. Olympisch erschöpft sie sich in der Fokussierung, dem bloßen Streben.

Mühelosigkeit/Gleichzeitigkeit/Gegenwärtigkeit

Kameko setzt in der Londoner City Karatedevisen um. Sie gehorcht Prinzipien, die ihr seit dem dritten Lebensjahr eingetrichtert werden. Das Publikum sieht eine erstklassig gekleidete, nach dem letzten Schrei frisierte Person. Kameko trägt ihren Hosenanzug wie einen Dschungel-Camouflage-Keikogi. Sie lebt in der Vorwärtsspannung.  

Für Kameko ist Karate Kriegskunst. She‘s a warrior on the budo path.

Den Finanzmarkt erlebt sie als globale Arena, in dem The Master of the Universe nach Sunzis Spielregeln agieren. Zu Sunzi   

Sunzi sagt: „Die größte Leistung besteht darin, den Widerstand des Feindes ohne einen Kampf zu brechen.“  

„Der Wert einer ganzen Armee ... hängt von einem … (Menschen) allein ab: Dies ist der Einfluss des Geistes.“

Kameko trifft Hiram in West-Brompton auf ein Nachmittagsbier am Haupttresen einer Pub-Bubble mit einem reichen Angebot an boutique beers. Die Theke bildet eine Magistrale in dem Club-Lounge-Bar-Restaurant-Labyrinth namens Tortuga Bay. Der an schmerzfreie Lösungen gewöhnte, von glücklichen Verläufen ausgehende, reich geborene Aristokrat ahnt nicht, dass Kameko ihm auf zig verschiedene Weisen das Genick brechen kann und gern stillvergnügt darüber spekuliert, während sie - in vollendeter Kontraintuition - Hiram schöne Augen vortäuscht.

Hiram bildet sich Kameko gegenüber vollkommen aus der Luft gegriffene Vorsprünge ein. Nichts stimmt in seinem Bild von Kameko.

„Der König schätzt schöne Worte, doch er vermag sie nicht in Taten umzusetzen.“ Das sagt Sunzi, und das denkt Kameko über Hiram.  

Sie schmiegt sich an. Ihre Finger folgen einer Spur der Pressure Points. Ahnungslos hält Hiram den Kurs für schiere Zärtlichkeit. Manchmal, wenn sie auf ihm liegt, erwägt Kameko den Verblendeten temporär zu demobilisieren. Seit ihrer Kindheit erwehrt sie sich des groben Unfugs, dessen Anstifterin einen festen Ensembleplatz in ihrem inneren Theater hat. Das Verlobungs-Wir könnte weniger Substanz haben als eine solide Fiktion.

Bei Hirams Eltern firmiert Kameko als „die Flamme des Filius“. Die Gastgeberin (eingeheiratet) und der Gastgeber (altes Geld, reaktionärer Thinktank) arrangieren die Parvenu wie einen Stängel Sauerampfer im Bouquet der Gäste.

Kameko penetriert die herrschende Klasse. Sie navigiert in fremden Gewässern. Sie erntet Akzeptanz. Dass der Adel ihr an seinen Hauptaufgängen entgegenlächelt, entspannt die plebejischen Zocker:innen* an Kamekos Arbeitsplatz. Die Kolleg:innen* kriegen nicht genug vom Old English-Upperclass-Klatsch. 

Poliertes Dekor

Offenbar verfügt Kameko über den richtigen Diversity Drive. Das glaubt Madeleine Grover. Sie beherrscht die Kunst, auf angenehme Weise überheblich zu wirken. Daran gewöhnt, zu kriegen, was sie will, bleibt Madeleine bei der deutschjapanischen Kollegin am Ball. Die versierte Brokerin macht nicht zu viel Druck. Sie misst Kameko täglich den Puls, ohne zu merken, wie sie hinters Licht geführt wird. Die hundertprozentig abgedeckte Kameko dreht Madeleine eine lange Nase, während sie gleichzeitig die edel parfümierte Aura der Anschleicherin konsumiert. Gemeinsam belauern Kameko und Madeleine das Premiumpaar der Abteilung. Sie hören die Zwischentöne im Liebes-Trallala ab. Dann kratzt der weibliche Part die Kurve, und die Noblesse des Verlassenen bleibt als interessante Leiche* auf der Strecke. 

*Cet intéressant cadavre

“Jim stuck to it that there was nothing to be seen after the first shower had ... (marins de l'État) and that interesting corpse (cet intéressant cadavre).” Joseph Conrad, “Lord Jim”

Madeleine präsentiert sich als Lean-In-Feministin, die strategisch mit einer Akteurin aus der Chefetage verschmilzt. Beide sind Schwarze Migrantinnen ohne Migrationserfahrungen. Bindestrich-Britinnen. 

„There Ain’t No Black in the Union Jack.“ Paul Gilroy 

Einer histologischen Untersuchung folgt eine beängstigende Biopsie. Mit der verheerenden Diagnose im Portfolio genießt Madeleine die Luxuslounge einer onkologischen Privatpraxis voller sorgfältiger, an exklusiven Sanus-per-aquam-Resorts orientierter Arrangements. Das polierte Dekor suggeriert der Patientin, für die Dauer des Aufenthalts der Zeit enthoben zu sein. Im Weiteren unternimmt Madeleine nichts gegen den Feldzug der Metastasen, der sie verwüstet. In einem Tagtraum fühlt sich Kameko von ihr so angezogen, dass beide sich vorfreudig ausziehen. Madeleine gibt der Szene Chelsea-Sepia-Flair. 

Morgen mehr.