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2022-09-15 05:28:56, Jamal

Im Dschungel der Städte hat Karate seine große Zeit noch vor sich.   

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Wieland-Büsten, gesehen am 11.09. 2022 auf Gut Oßmanstedt © Jamal Tuschick

Um 1990 in Friedberg © Jamal Tuschick

„Und dann nutzen Sie ihre Möglichkeiten nicht, weil Sie den Sieg mehr fürchten als die Niederlage.“ Cole von Pechstein

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„Es ist leichter, Kraft einzusetzen, als die eigene Kraft aus dem Spiel zu halten.“ Cole von Pechstein

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The art consists in being able to decompress your joints under pressure. © Jamal Tuschick

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Don’t use muscular force, use your mind. Sifu Nima King

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„Bis zu dem Tag, an dem ich sterbe, möchte ich nie von meinem Dogi (Keikogi) getrennt sein; ich möchte meine Trainingsanstrengungen im Dōjō niemals aufgeben.“ Ōyama Masutatsu, Quelle

Wieland in seinen eigenen Worten. Gesehen am 11.09. 2022 auf Gut Oßmanstedt. © Jamal Tuschick

Karatefeminismus

„Der Prinz ist nicht leicht gerührt.“ Christoph Martin Wieland über seinen Schüler Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach (1757 - 1828)

Wieland gab sich große Mühe, seiner Gönnerin Herzogin Anna Amalia zu schmeicheln, indem er die guten Anlagen ihres Sohnes herausstrich. Er verwandte zwei Schlüsselbegriffe der Kampfkunst. So betonte er:

„Ich sage mühelos, denn … das Schwierigste … (ist) bereits geleistet; und … richtige Prinzipien haben in seinem Herzen … Wurzeln geschlagen.“

Frostige Freundlichkeit

„Es ist wahr … dass sein Charakter bisher nur umrissen ist.“

Auch von einem Prinzen unserer Zeit lässt sich das sagen. Als Neffe und designierter Nachfolger der Kasseler Karatekönigin Maeve von Pechstein erscheint Cole den Elevinnen des Wilhelmshöher Bürgertums nur in feudalen Kategorien begreifbar. Seine Unzugänglichkeit ist ein Massiv, vor dem viele sofort kapitulieren. Cole fehlt die Verbindlichkeit jener, die ihre Spielräume konventionell zu erweitern bestrebt sind.

Coles frostige Freundlichkeit dementiert jedes Bedürfnis nach Gemeinschaft. Er unterrichtet beinah täglich von siebzehn bis zwanzig Uhr in der Karateschule seiner Tante. Seine Kompetenz lässt sich nicht in Zweifel ziehen. Der früh Verwaiste vereinsamte von seinem siebten bis zu seinem dreizehnten Lebensjahr in klosterförmigen Kampfkunstinternaten auf Okinawa und in China. Im Schatten des Shaolin Tempel von Dengfeng lernte er Gong-fu.

Cole überlebte in Asien drei Mordversuche.

„Den Traum einer von Zwecken nicht entstellten Welt“ in den Prozessen der Desillusionierung nicht verloren zu haben, hält Adorno Thomas Mann zugute.  

Die gescheiterten Attentate lösten eine ungeklärte Krise aus. Als Expatriierter fühlte sich Cole ausgesetzt und ungeliebt. Seit seiner Wiedereingliederung in den Kasseler Karatekulturbetrieb sucht er vergeblich den Anschluss an die sakrale Dimension im Kreis der Initiierten.

Fremde Schwachpunkte

Cole erleidet eine unausgesprochene Karateglaubenskrise. Die Zeichen einer spirituellen Praxis verwandeln sich in Fetische.   

從側面移動到中心 - Yau Pin Yap Sing/To move from the side to the center …

Serena Hideyoshi weiß davon nichts. Mit Budo-Shop-Schichten und Bürodiensten in der Karateschule erwirbt sie Anspruch auf Privatunterricht. Vorbei am offiziellen Kanon, weist sie Cole in Yau Pin Yap Sing ein. Ihm rettete das Wissen von der Vermeidung der feindlichen Hauptkraftlinie mit einem flankenstrategischen Manöver einmal sogar das Leben. Wie aus einer Anderswelt kommt Cole dahin, wo Serena die Trainingsinformationen verwirren. Es fehlen die Anschlüsse, der Realitätsbezug. Serena hält es für verboten, fremde Schwachpunkte anzugreifen. Sie verschwendete noch keinen Gedanken an biomechanische Relationen.   

Cole sagt beinah gelangweilt: “The art consists in being able to decompress the joints under pressure.”

Serena zuckt mit den Achseln. Was soll das bedeuten? Ohnehin gibt Serena sich so viel Trainingsmühe nur, weil sie in der Liebesfalle sitzt. Sie ist dem Karateknochen verfallen. Deshalb geht sie durch die Sitzhölle und den Versenkungsirrsinn im Zazen-Modus. Serena dient Cole als Probandin bei der Erprobung seiner Saunakontemplation. Bald wird Heißmeditation die Flow-Fit-Angebote der Karateschule erweitern.

Später wird Serena sich so erinnern: Dafür gab es kein Drehbuch und keinen Vorlauf. Da kündigte sich nichts an. Ich zählte nicht zur Riege der Besessenen. Mit mir diskutierte man nicht über Zen in der Kunst einen Wagenheber richtig ans Blech zu bringen. Ich war immun gegen alles, was nach Esoterik roch. Trotzdem gab Cole mir den Vorzug vor den Flamboyanten, für die Maeve das göttliche Maß aller Dinge war, und Cole lediglich ihr Stellvertreter auf Erden. Auch ich sah Cole kritisch, bis es mich erwischte. Diese Liebe bestürzte mich wie ein Überfall.  

Muscle Tension overrides your intention, but thoughts drive physiological processes.

In der Gegenwart von Damals

Coles Verschlossenheit schließt ihn vom Genuss nicht aus. Nach dem Zazen fährt er mit Serena zur Kurhessentherme. Die beiden entspannen weiter in Sauna & Sole. Cole skizziert den Ablauf ausschweifender Wohlfühlkuren, die das spartanisch-karitative Programm seiner Tante ersetzen sollen.

Die auf der Kaiserinsel Kyūshū (in der Präfektur Miyazaki) aufgewachsene Maeve beherrscht Straßenkarate, eine in Japan diskreditierte Kunst, die man mit Yakuza und mehr noch mit den Zainichi-Gemeinden assoziiert. Maeves Leitstern, Ōyama Masutatsu, geboren als Choi Hyung-yee, und Begründer des Kyokushin, gehörte genauso zur koreanischen Minderheit in Japan wie sein Meisterschüler Shokei Matsui aka Moon Jang-gyu. 

Maeves Kasseler Dōjō ist das Gegenteil der knüppelharten Schule, die Maeve durchlief. Viele nehmen den Sportplatz neben dem Lokalbahnhof Wilhelmshöhe als barrierefreies Nachbarschaftszentrum wahr. Maeve veranstaltet Wohltätigkeitsbasare. Sie richtet Kindergeburtstage aus und bietet das Foyer als Ausstellungsraum an. Cole übermalt den sozialen Anstrich. Er bastelt an einem supersynergetischen Yuppie-Konzept. Wir sprachen bereits darüber. Siehe auch Aus dem Whirlpool direkt aufs Siegerinnentreppchen.

Supersynergetisch

Cole schwebt ein Wellness-Taj-Mahal vor, mit Flow-Verkaufsräumen auf drei verglasten Etagen. Im exklusivsten Bereich sollen Eingeweihte den Komfort eines blickdichten Fünfsterneplus-Spa konsumieren.  

Ich greife vor/Zehn Jahre später - Ausgerechnet Amina

Amina hatte keine auf ihrer Liste gehabt. Natürlich sahen alle, wie leicht ihr alles gelang; wie akkurat und flockig ihre Ausführungen waren. Genauso offensichtlich fehlte Amina der Ehrgeiz und folglich der überirdische Antrieb, den es unbedingt brauchte.

Da sagte Cole: „Wir sind die Kraft, die Amina Flügel verleiht.“

Nicht, dass das schon irgendwer verstanden hätte. Ohne Ausnahme waren wir Schülerinnen auf dem Weg zum Abitur. Unsere Mütter vereinte eine leidenschaftliche Bewunderung für Maeve von Pechstein. Maeve war ihr Idol: eine Frau, die kämpfen kann. Ich meine, nicht nur so ein bisschen in der größten Not. Sondern mit dem Anspruch auf totale Überlegenheit bereits auf den Konfrontationsvorfeldern. Der bürgerliche Westen unserer Stadt erlag dem Sirenengesang der sagenhaften Tochter einer ebenso sagenhaften Mutter. Ich rede von der Professorin Antigone von Pechstein, die als Vulkanologin Jahrzehnte in Japan ledig mit zwei Töchtern lebte, lehrte und forschte. Nach ihrer Heimkehr verliebte sich Ruth in einen texanischen GI und folgte ihm bald schwanger in Tecumseh Sherman Winchesters Geburtsstadt Lubbock. Da wurde Cole von Pechstein als Colt Winchester geboren. Seine Eltern kamen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Maeve nahm den dreijährigen Vollwaisen zu sich und erzog ihn zum Karate-Pechstein. Mit sieben brachte sie ihn in einem Karatekloster auf Okinawa unter. Mit dreizehn unterrichtete er in der Schule seiner Großtante als arrogant-abgeklärt-altkluges Supermännchen. Er pubertierte im Verein mit den Wilhelmshöher Elevinnen, deren Mütter ausnahmslos am liebsten eine Maeve von Pechstein gewesen wären.

Karate Cocooning

Wir hatten erst einmal das Gefühl, dass Amina mehr Aufmerksamkeit bekam als ihr zustand. Manche standen kurz davor, auszusteigen. Wir waren Mimosen und Narzisstinnen, schlecht darin, zurückzustecken, gern dramatisch und auf eine gewittrige Weise konkurrent. Trotzdem gelang es Cole, die erste Kaderformation geschlossen aus der Uneinigkeit und dem Hader in eine verschworene Gemeinschaft zu überführen. Er bestach uns mit Karate Cocooning: mit der Idee, die größtmögliche (für uns erreichbare) Exklusivität bereitzuhalten.

Aus dem Whirlpool direkt aufs Treppchen

Cole suggerierte uns, dass der Weg zum Sieg mit Genuss gepflastert sei. Wir verwöhnten uns auf Geheiß mit Wellness und Flowpower, während die normalen Beitragszahlenden eine knochige Karatekost vorgesetzt bekamen. Yoga, Physiotherapie, Massage, Sauna und Sole ersetzten das antike Gelobt-sei-was-hart-macht-Kraft- und Ausdauertraining im Rocky-Balboa-Stil. Nie nahm Amina eine Hantel in die Hand. Nie band sie sich Gewichte an die Waden. Nie stürmte sie die Kaskaden im Höhenpark Wilhelmshöhe. Es gab gemächliche Läufe vom Herkules zu den Elfbuchen und retour. Wir unterhielten uns unterwegs wie Spaziergängerinnen. Das Zauberwort lautete Mühelosigkeit.

Cole beschwor das Wunder der Dehnung.

Power comes from stretching.  

Nicht, dass das eine geglaubt hätte. Und doch war es wahr. Die Exzellenz stellte sich bei Amina von selbst ein. Übrigens hieß sie mit zweitem Namen Athirat nach einer ugaritischen Meeresgöttin. Auf einer Metaebene der Betrachtung stieg sie aus dem Whirlpool direkt aufs Siegerinnentreppchen.

Zurück zu den Anfängen  

Aminas Erfolg steht noch in den Sternen, als ein Pubertätspaar seine (der Volljährigkeit vorgezogene) Hochzeit für beschlossene Sache hält. Weder Serena noch Cole können sich vorstellen, dass etwas so Schönes wie ihr Sex nicht für die Ewigkeit gemacht ist.

„Hochzeiten sind Suff und Heiligkeit, Schweiß unterm Kleid, Buttercreme im Mund.“ Leslie Jameson

„Was nicht auf Zeugung gerichtet oder von ihr überformt ist, hat weder Heimat noch Gesetz“, sagt Michel Foucault. Nicht erst das Christentum löste eine repressive Sexualpraxis aus. Die apostolischen Überlieferungen basieren auf vorchristliche Milieuübereinkünfte in Zusammenhängen mit ökonomisiertem Geschlechtsverkehr. Von daher stellt sich die Frage, was die Taufe bedeutet.

Die Taufe wäscht, tilgt, reinigt. Sie bringt den Menschen noch einmal in die Welt. Sie entspricht in ihrer Ordnung dem relevanten Eintritt.   

Die biologische Geburt vollzieht sich im Zustand der Unwissenheit. Die Taufe ist eine anthropologische Ermächtigung. Sie will für den Säugling etwas, dass über die Notdurft hinausreicht.

Wer keine Sakramente empfängt, verfehlt den Himmel. Das in einem Verband aus Blut und Scheiße in die Welt gewürgt werden, bedarf einer weiteren Anstrengung. Letztlich handelt es sich dabei um eine patriarchale Übernahme. Der gebärunfähige Mann definiert die metapolitische Bedeutung der Geburt. 

Die großmeisterliche Karate-Feministin Maeve tauft die besten Schülerinnen* mit den Sakramenten ihrer Kunst. Wer über das Übliche (an Zeit und Aufwand) hinaus Interesse zeigt, erfährt in der Fördergruppe mehr als die Lauen. Maeve die Initiationsstufen mit harmlosen Titeln. Am Ende steht die Aufnahme in den Orden der ritterlichen Schwestern zu Kassel. Die Wenigstens erreichen dieses Ende, das selbstverständlich auch nur ein Anfang ist. 

Die Vermeidung von Selbstblockaden im Geist durchgreifender Erholung

Alle richtigen Bewegungen sind kreisförmig. Der Kreis begegnet uns überall. Bloß nicht arretieren in der verdichteten Unterschiedlichkeit des Dōjō. Die Erwartungen der Beitragszahlenden sind absurd unterschiedlich. Manche haben sich lediglich Bewegung verordnet. Sie liefern Beispiele für untaugliche Versuche à la Mord an einer Leiche. Maeve beklagt die Mühe mit den Verirrten beim Leitungsteammeeting. Mehr fällt ihr dazu nicht ein. Der fünfzehnjährige Cole schlägt die Einrichtung einer Aerobic-Abteilung vor. Die verhaltene Reaktion der Tante untergräbt seine Unternehmungslust nicht. Cole ahnt, dass er in der Karateschule Pechstein über kurz schalten und walten kann, wie er will. 

Karatekatharsis mit Taj-Mahal-Touch 

Durchgreifende Erholung soll die große Verlockung werden. Schon scharrt Cole die Cash-Sensitiven um sich; die Selbständigen; die zum Glück Begabten. Leute, die Katharsis anstreben … eine Klärung ihrer Existenz im Geist von Old Okinawa. Auch Maeve beschwört die Gral-Suchenden, nicht nachzulassen und sich den Glauben zu bewahren, bis das Wissen sie erreicht.  

„Die Kampfkunst zu studieren ist wie eine Klippe zu erklimmen: ohne Pause vorwärts gehen. Ausruhen ist nicht gestattet, weil es zu Rückschritten bei alten Errungenschaften führt. Tagtägliches Ausharren verbessert die Techniken, aber das Ausruhen … führt zu Entgleisungen. Dies muss verhindert werden.“ Ōyama Masutatsu, Quelle