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2022-10-15 06:59:24, Jamal

Im Dschungel der Städte hat Karate seine große Zeit noch vor sich.   

Sehen Sie auch hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier.

In den 1990er Jahren © Jamal Tuschick

Варіантів немає, тільки перемога, тільки вперед. А потім знову, знову і знову! - Es gibt keine Optionen, nur Sieg, nur vorwärts.“  Irina Galay zum Kampf der Ukrainer:innen*, Quelle

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“He would always say that the secret to his remarkable body control and power was in the energy released through uprightness and decompression of the spine.” Sifu Nima King über Chu Shong Tin

Frankfurt 2000 © Robert Schuler

Richard Müller, „Zeichenklasse in der Akademie“, gesehen in Dresden 2022 © Jamal Tuschick

Magic Move

Der Fürst brauchte den Abstand nicht, den die bürgerliche Scham fordert. Er empfand keine Scham. Gegebenenfalls regierte er mit heruntergelassenen Hosen. Besucher:innen* geierten durch seine Schlafzimmer. Besonders schick war das Marmorbad im Superb der Orangerie. Solche Besichtigungen zählten zu den Schätzen, die man bis zum Ende eines Lebens in Erzählungen sicherte.

Im Stadtschloss hingen Mitte des 18. Jahrhunderts tausend Bilder. Das war ein Museum of Modern Art, zugleich Schauplatz alter Meister. Altdorfer, Dürer, Rubens, Frans Hals, Rembrandt, Tizian, Tintoretto, Caravaggio. Die bronzierten Fußleisten in den Kabinetten dienten der Bewunderung als Gegenstände. Beim Anblick mehrstöckiger und vielschichtiger, von federnder Mechanik bewegter Schreibtische wurde der Wunsch nach „Expert:innen*“ laut. Sie sollten dem Betrachter die Dinge im Detail erschließen. Der Hof hielt Domestiken als Spezialist:innen*-Darsteller:innen* für einen Groschen oder zwei in der Hinterhand. Das wird heute vom Fernsehen nachgeahmt. Da hat auch jeder Sender Expert:innen*.

Unter jenen, die auf ihrer Grand Tour von Hof zu Hof Cassel erreichten, verkörperte James von Pechstein die aufwühlende Erscheinung mit Geniefrisur. Er rühmte Bettpfannen, Haarbürsten, Hausschuhe und Kleiderständer, das Zeug musste nur in fürstlichem Gebrauch sein. James lobte die sklavische Duldsamkeit der Dinge, er knatterte Gedichte zu Gegenständen; ich nenne nur „Die heitere Dinglichkeit des Pantoffels“. Weiterverbreitet werden sie bis auf den heutigen Tag.

Im Museum Fridericianum nahm James Notiz von jeder Säule, jedem Basrelief, jeder Nachbildung eines Arc de Triomphe. Es war üblich, Künstler:innen* in Hauptstädte zu schicken und sie da alles Mögliche kopieren und in Kork nachbilden zu lassen. Unter den überlebensgroßen Marmorstatuen von Apoll, Minerva, Herkules und Paris stauten sich Büsten von Homer, Seneca und Aristoteles.

James beschrieb die einseitige Bebauung der Bellevuestraße. Sie bot freye Aussicht nach der Orangerie, der Aue und dem Felde (heute Forstfeld). Das Schloss bestand aus dem alten Palais eines zur Regentschaft nie berufenen und bedeutungslos verschiedenen Landgrafen Friedrich und zwei Häusern, die man architektonisch zur Einheit gepresst hatte. Die erweiternden Bauten waren Quartiere für die Schlosswache und die Besatzung der Sternwarte. Eine frey stehende Communikations=Arcade wünschte ihre Erwähnung. Die Arkade erlaubte den beschirmten Gang von einem Portal zum nächsten.

In der Oberneustadt nahm den ersten Rang unter allen Bauten sowohl in Rücksicht seiner Bestimmung als seiner inneren Pracht das Palais Seiner Königlichen Hoheit ein. Es lag am nördlichen Saum des Friedrichsplatzes. Das Palais kehrte seine Hauptfassade dem Platz zu, während die Seitenfassaden der Königs- und Karlsstraße bestaunte Begrenzungen boten.

U-Bahnstation Rådmansgården

Am 28. Februar 1986 sah ein Nachkomme des hessisch-englischen Jubelpersers James von Pechstein die Premiere von Thomas Bernhards „Einfach kompliziert“ am Westberliner Schillertheater. Bernhard Minetti spielte einen ausrangierten Schauspieler vor der letzten Niederlage. Er wartet auf nichts mehr. Selbst sein Starrsinn ist sinnlos geworden. In jeder Erinnerung steckt Widerwillen, wenn nicht Hass. Einmal sagt er: „Das Geborenwerdenverbrechen/ ist nicht zu verzeihen.“ Ein paar Jahre später wäre die Sache im Deutschen Theater oder im Berliner Ensemble über die Bühne gegangen. Sechsundachtzig redete man noch vom Stillstand der Geschichte in ewiger Eiszeit. Orlando von Hainbach war einundzwanzig. Kaum, dass er mitbekam, wie einer auf der Premierenfeier sagte: „Palme ist ermordet worden.“

Der schwedische Ministerpräsident war mit seiner Frau und ohne Leibwächter im Kino gewesen und danach in der Stockholmer City, nah der U-Bahnstation Rådmansgården, erschossen worden. Zum Täter erklärte man den polytoxikomanen Beschaffungskriminellen Christer Pettersson. Er wurde erst schuldig und dann freigesprochen. Daraus machte er eine Nummer, mit der er bis zu seinem Tod im Jahr 2004 tingelte. Pettersson war für die Schweden eine Enttäuschung als ergrauter Groschenjunge, den kein Dunkelmann von Format auch nur zum Einparken seines Jaguars eingesetzt hätte. Die Aufregung um ihn bezeichnete er in einem Interview als språngbräda - Sprungbrett.

Die Ermittlungen hatten eine Reihe von Sonderkommissionsleiter:innen* verschlissen. Besonders abenteuerlich erschien der Stockholmer Polizeipräsident und Wasalauf-Veteran Hans Holmér. Er machte die PKK für den Mord verantwortlich. Holmér berief sich zumal auf einen Agenten, der sich Lazar Kagan nannte und die PKK-Theorie mit den Mitteln eines Romanciers stützte. Die PKK habe sich zu einem Auftragsmord hinreißen lassen, ohne eigene Interessen zu verfolgen.

In New York sah Orlando Bess Myerson in einem Restaurant.

Bess Myerson, die erste und einzige jüdische Miss America, war ein Kind der Bronx. Man fand es gawky. Auf ihrer Miss America Tournee 1945 wurde Bess Myerson mit No catholics, no jews, no dogs-Schildern vor den Kopf gestoßen. Das gab ihrem Leben den aktivistischen Drive. Man nahm sie wahr als Löwin der Gemeinde. Sie überlebte Eierstockkrebs und einen Schlaganfall. Sie half Edward Irving Koch Bürgermeister von New York zu werden. Siebenundachtzig verlor Myerson ihr Amt als NY-Kulturbeauftragte. Sie stürzte in den Abgrund einer Anklage. Als Angeklagte in einem Verfahren, das von Verschwörung handelte, fiel das Rollenvorbild von Millionen Amerikanerinnen unter die Ratten. Der Bürgermeister gab als Zeuge im Prozess eine klägliche Figur ab. Ed Koch sagte gegen seine Vertraute aus und kündigte Myerson öffentlich die Freundschaft. Das machte sie fertig.

Mühelosigkeit. Gleichzeitigkeit. Gegenwärtigkeit. Ausrichtung.

Orlando flog einmal um die Welt auf der Suche nach einer Attentäterin, die sich auf der Luxusresortebene bewegte. Sie neigte zur großspurigen Vernachlässigung ihrer Tarnung. Orlando ahnte, dass sie aus der Energie ihrer Verfolger:innen* Kraft zu schöpfen wusste. In seinen Karateträumen sah er sie. Nach Kassel kehrte er nur zurück, weil Steffi ihn bat, sie mental hochzufahren. Sie hatte eine Hand auf sehr viel Geld gelegt und war in der Stimmung, dem interessantesten ihrer Ex-Lover die Verbesserung ihrer statischen Ausrichtung anzuvertrauen.   

Für Steffi war Spiritualität ohne esoterischen Muff nicht zu haben. Sie hielt Orlando für einen ‚Energielehrer‘, wenn nicht für einen ‚Heiler‘. In Orlandos Breiten war Heiler:in* ein Schimpfwort, obwohl die Pässe zwischen harm & heal nicht von Ignoranz unpassierbar gemacht werden sollten. Orlando war kein Ingenieur des Qi, sondern ein intuitiv Praktizierender. Er verließ sich auf Eingebungen und baute auf den Moment. Es gefiel ihm, wenn ein bloßer Einfall als repetiertes Prinzip in den einschlägigen Seminaren Karriere machte. Cole von Pechstein, mit dem Orlando um ein paar Ecken verwandt war, verdankte sich die Akademisierung der Geistigen Grundlagen der Selbstverteidigung. Noch war GGS ein Orchideenstudiengang an der Gesamthochschule Kassel.

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In Steffis Garage lagen Einzelteile einer Kawasaki. Steffi hatte ein zerlegtes Motorrad gekauft. Sie wusste selbst nicht mehr, mit welcher Erwartung. Jetzt suchte sie eine Bastlerin, die das Puzzle abholte. Steffi neigte zu Spontanfehlkäufen und unhaltbaren Versprechen. Sie kaute auf Kalenderweisheiten herum.

In einem von allen Besucher:innen* als verwunschen apostrophierten Hinterhofpavillon betrieb Steffi ihre Ugly Casting Agentur. Die Geschäftsidee wollte sie geträumt haben. Im Stirnhaus war das Willie’s. Willie hieß Steffis berühmtestes Modell.

Die Wirtin fand sich von Herzen schön und begehrenswert. Sie trug einen umwerfenden Stolz zur Schau. In ihrer Kneipe guckten expatriierte Brit:innen* Inselfußball. Orlando wunderte sich, dass es nun so viele Engländer:innen* in seiner Geburtsstadt gab. Grund dafür war ein kleines Wirtschaftswunder. Kassel lag nicht mehr am Zonenrand, sondern in der Mitte Deutschlands. Noch rauschte der Jetset im ICE an. Er präsentierte sich in Interimsposen.

Mit Steffi redete Orlando über die beste Bratwurst der Welt. Von Geros Mutter eingepackt auf einer Arbeitsfläche in der Landmetzgerei Sinnig. Die Landmetzgerei lag in der Stadt. Das Anwesen war unversehrt geblieben, stehengeblieben als Labyrinth und Kinderparadies und Schreckenskammer mit Vorhöllencharakter, bis man an tierische Leichen in der Gestalt von Rinderhälften komplett sich gewöhnt hatte. Nicht jeder durfte, aber Steffi kam aus dem richtigen Stall. Ungemeldete Schusswaffen im Haus, der Nachwuchs wurde herangezogen zur Geheimniskrämerei und auf die Probe gestellt von Geros militantem Großvater.

Solche gedanklichen Nussschleifen ergaben sich aus der Erwähnung der Bettenhäuser Landmetzgerei Sinnig. In Orlandos Gegenwart stellte sich Steffi vor, wie sie die braven Leute aus ihrer Festung heraus kaufen und sich selbst darin verschanzen würde. Sie hatte ihren Frieden mit Gero gemacht. Er konnte nichts für die merkwürdige Art seines Vorhandenseins. Steffi hatte neben ihm die Grundschulzeit abgesessen und den Gestank von verrottetem Fleisch, der um Gero waberte, noch gut in Erinnerung. Die Fasern faulten unter seinen Nägeln. Den Mangel an Fürsorge traute man seiner Mutter nicht zu. Gero besaß erstaunliche Freiheiten. Der Typus des Schwarzanglers und Wilderers zeichnete sich früh in seiner Physionomie ab.