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2022-10-17 07:30:36, Jamal

Im Dschungel der Städte hat Karate seine große Zeit noch vor sich.   

Sehen Sie auch hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier.

In den 1990er Jahren © Jamal Tuschick

„Die Idee ist, zwischen geistiger Schärfe … Sensibilität und körperlicher Leistungsfähigkeit so fließend zu werden, dass … (unter Druck) ein Gleichgewicht (entsteht).“ Wikipedia zu Gadka 

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„Das Spiel der Könnerschaft beginnt da, wo unter Druck jenes Gleichgewicht entsteht, dass der Druck brechen soll.“ Cole von Pechstein

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“To control your body, you have to be able to feel it.“ Chu Shong Tin

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“This means that the question of how to relax may not be as important as what to relax.” Maksem Manler, Quelle

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“The body will respond to what your mind sees.“ Maksem Manler

Allgäu 2022 © Jamal Tuschick

In der Kasseler Aue 2016 © Jamal Tuschick

Ausschreitungen auf Papier/Auf einer Abbruchkante der Geschichte

„Brauns Vater fiel am letzten Kampftag. Die Mütter blieb mit fünf Söhnen zurück.“ Heiner Müller über Volker Braun

Handstreiche und Verlagerung des geheimen Punkts. Die Titel bezeichnen Bücher von Volker Braun. Der Dichter schreitet auf dem Papier auf. Er eskaliert am Schreibtisch.

Er wirft sich in einen Harnisch der Sprache.

„Nur der Liebende lernt seine Lektion“ sagt Braun über Rimbaud. Er setzte das Trunkene Schiff auf den Müggelsee. Stranden ließ er es in der preußischen Prärie.

Das ist alles sehr schön und gut gemacht von dem Brechtschüler Braun. Er arbeitet „gegen die Deckgebirge der Verheißung“. Der alte Dekonstruktivist des Sozialismus weiß mit Heiner Müller: „Und wenn Sie mich nach einer Moral fragen, dann wäre die Bloch‘sche Formulierung über die moralische Überlegenheit des Kommunismus auch meine: Der Kommunismus hat für den einzelnen keine Hoffnung. Aber das ganze System der Marktwirtschaft beruht darauf, dem einzelnen zu suggerieren, dass gerade er eine Hoffnung hat.“

Hat man das verstanden, ist die Strecke kurz zu Brauns Charakterisierung der Treuhand „als Instanz zur Verschrottung einer ganzen Gesellschaft“.

Ewig taumeln wir auf „der Abbruchkante der Geschichte“.

„Handstreiche“ ist eine Versammlung solcher Vers gewordenen und silbentreuen Einsichten. Das Geklingel der Alliteration ist wie das Klopfen an der Tür. Ist da noch jemand? Oder verwaist das Schreiben hinter den Anti-Ansichten (zu „Hype & Hate gesteuerter Pöbellust“) einer hausgemachten Klassik voller „Heiterkeit, Grimm und Graus“?

„Ich lasse das Chaos arbeiten“, sagt der Dichter.

„Poesie ist eine Gegensprache und ist sie weiter nichts, dann ist sie eine Grimasse.“

Heiner Müller suchte Braun einst in einer „Autobiografie aus Steckbriefen“. Der Gesuchte habe sich „selbst zur Fahndung ausgeschrieben“ als im gesellschaftlichen Narrensaum Untergetauchter.

Es gibt keine ortlosen Texte, erklärte Müller. Brauns Geburtsstadt Dresden sei ständig gegenwärtig in Brauns Werk, doch nicht in einem verehrenden Sinn. 

Für einen Schriftsteller ist der Text die Tat. Darauf weist Braun wiederholt hin. Die „Verlagerung des geheimen Punkts“ gleicht einer Asservatenkammer voller Tatwaffen.  

Volker Braun: „Handstreiche“ 
Suhrkamp Verlag, Berlin. 91 Seiten, 18 Euro. 

Volker Braun: „Verlagerung des geheimen Punkts. Schriften und Reden“
Suhrkamp Verlag, Berlin. 319 Seiten, 28 Euro.

Sweet Spots

Eines Abends flog Goyas Käfer von Ampel zu Ampel bis zu Nanamis Wohnung. Sie wohnte unter einem Flachdach, auf dem sie manchmal schlief. Neben ihr verkam ein Greis, der als Spanienkämpfer hohes Ansehen genoss. Er fürchtete, nicht schnell genug zu sterben, um dem Heim zu entgehen. Gebunkerte Lebensmittel schimmelten in Verstecken.

Nanami kümmerte sich sporadisch.

Am nächsten Morgen tauchte Cole im Keikogi auf. Er war Nanami willkommen. Sie begrüßte den Karatemeister mit jener Zuneigung, die Goya nicht erst seit den frühen Morgenstunden vermisste.

Goya studierte die Zeichen. Die vergangene Nacht berechtigte ihn zu nichts. Das war dem angehenden Philologen klar.

Cole bewegte sich wie ein Hausherr in der Küche. Goyas Zeit war abgelaufen. Er ging trotzdem nicht.

Nanami verschwand und tauchte in Sportsachen wieder auf. Sie verständigte sich an Goya vorbei, Cole zuckte mit den Achseln.

„Kommt“, sagte er

Nanami folgte Cole. Goya zog Schlüsse aus der Reihenfolge. Er glaubte zu wissen, wie der Hase lief. Er hielt sich für ausgeschlafen.

Das Trio stieg über eine Lukenleiter aufs Dach. Cole stellte Goya vor die Wahl, schweigend zuzusehen oder schweigend mitzumachen. Goya nahm zwei Schritte Abstand, so zeremoniell wie er es im Kino gesehen hatte. Er wollte respektvoll erscheinen, und als jemand gelten, der Bescheid wusste. Goyas bis in die Haarspitzen spirituellen und zugleich degoutant bourgeoisen Eltern rühmten sich einer Freundschaft mit Ma Anand Sheela, im Handlungsjetzt die Intima des Bhagwans. Seit 1972 baute Sheela ihre Vorsprünge im engsten Kreis der Macht aus. Nun griff sie nach der Krone. Vor drei Jahren hatte sie die Big Muddy Ranch in Oregon gekauft. Inzwischen herrschte sie über ein Imperium mit autonomer Wasser- und Stromversorgung, eigener Post und Polizei. Ihre Neo-Sannyasins kultivierten die Wüste. Ödnis verwandelten sie in fruchtbare Landschaften. Von Sheelas gewalttätiger Seite war noch nicht die Rede.

Goya fragte sich, wie sich die Erleuchtete als Referenz ins Spiel bringen ließ. Nanami und Cole dehnten sich gegenseitig. Sie berührten sich unnötig ausführlich. Vor Goyas Augen fuhren sie aufeinander ab.

Sie feilten an einer chinesischen Form, die im regulären Training in der Karateschule Pechstein nicht gelehrt wurde. Cole hatte sie als Zehnjähriger im ursprünglichsten Shaolin Tempel (in Dengfeng) gelernt.

Seine Eltern waren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Eine Schwester seiner Mutter, unsere Großmeisterin Maeve von Pechstein, hatte Cole aufgenommen und ihn nach ihrem Ideal geformt. Von seinem siebten bis zu seinem dreizehnten Lebensjahr war er in asiatischen Kampfklöstern kaserniert gewesen. Seinen Freundinnen erzählte er gern von den einsamen Jahren voller geisterhafter Erscheinungen und hermetischer Existenzen im Orbit der Zazen-Sucht.

Cole hatte Nanami zum Karatejunkie gemacht. Die beiden tanzten einen Kampf. Goya wollte das unbedingt genauso können.